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„Am Ende mussten wir die Kündigung unterschreiben“

Für eine junge Radebeulerin ist die Lehrstelle bei Vonovia ein Hauptgewinn. Wegen eines Fehlers bei der Einstellung wird ihr nach sechs Wochen gekündigt.

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Im Gespräch mit Reporterin Beate Erler schildert die 17-jährige Radebeulerin mit ihrer Mutter die Probleme mit der Lehrstelle. Beide möchten anonym bleiben, um die weitere berufliche Zukunft nicht zu verbauen.
Im Gespräch mit Reporterin Beate Erler schildert die 17-jährige Radebeulerin mit ihrer Mutter die Probleme mit der Lehrstelle. Beide möchten anonym bleiben, um die weitere berufliche Zukunft nicht zu verbauen. © Arvid Müller

Von Beate Erler

Radebeul. Vor wenigen Wochen setzt sich Evelyn Schuster* an den Computer und wendet sich in einer Facebook-Gruppe an die Radebeuler: „Wir brauchen Menschen mit Herz“, schreibt sie in ihrem Post. Am Tag zuvor hat sie erfahren, dass ihre Tochter Sophie* ihren Ausbildungsplatz zur Malerin/Lackiererin bei der Vonovia verloren hat: „Die Ausbildung war für sie und für uns ein Sechser im Lotto“, sagt Evelyn Schuster zwei Wochen später. Neben ihr am Esstisch im Wohnzimmer in Radebeul sitzt Tochter Sophie im schwarzen Kapuzenpulli. Beide wollen anonym bleiben, damit ihre berufliche Zukunft nicht noch mehr verbaut wird.

Zum neuen Ausbildungsstart Anfang September hat die 17-Jährige mit ihrer Lehre bei der Vonovia begonnen: „Ich hatte schon einmal Blockunterricht und war sonst mit einem Azubi-Kollegen auf den Baustellen zum Arbeiten“, sagt sie. Der Kollege hat ein Auto und holt sie immer ab. Zusammen fahren sie in die Leer-Wohnungen, die vorgerichtet werden müssen, tapezieren und fegen. Nach sechs Wochen wird Sophie dann ins Büro der Ausbildungskoordination der Vonovia in Dresden bestellt: „Ich habe mich gewundert und komisch gefühlt, aber gehofft, dass alles in Ordnung ist“, sagt sie.

Kein Schulabschluss

Vor Ort habe sie dann erfahren, dass sie ihre Ausbildung nicht fortsetzen darf. Der Vonovia sei aufgefallen, dass sie keinen Schulabschluss hat: „Ihr wurde gekündigt mit den Worten, dass sie keine Auszubildenden ohne Schulabschluss nehmen“, sagt Evelyn Schuster. Da Sophie noch minderjährig ist, werden die Eltern zu einem Gespräch über „den weiteren beruflichen Werdegang ihrer Tochter“ eingeladen. So steht es in dem Schreiben der Vonovia, das Evelyn Schuster in ihren Unterlagen hat: „Viel herausgekommen ist dabei nicht“, sagt die Mutter, „am Ende mussten wir die Kündigung unterschreiben.“

Nach zehn Jahren hat Sophie die Schule mit der achten Klasse ohne Abschluss beendet: „Meine Konzentration hat einfach nachgelassen und ich habe es nicht geschafft“, sagt sie. Sophie sei jemand, der lieber praktisch arbeiten und anpacken will, so ihre Mutter: „Ich könnte zum Beispiel niemals den ganzen Tag im Büro sitzen“, sagt Sophie. Auch ihr Vater ist Maler in einem kleinen Betrieb in Rödern: „Ich war dort Probearbeiten und es hat mir sofort gefallen“, sagt die 17-Jährige.

Elf Bewerbungen

Die Vonovia habe von Anfang an gewusst, dass Sophie keinen Schulabschluss hat, so die Familie: „Es stand in den Bewerbungsunterlagen unter anderem auf dem Abgangszeugnis.“ Auch in den Bewerbungsgesprächen, die nur telefonisch geführt wurden, habe ihre Tochter es mehrmals erwähnt. Trotzdem hat sie den Lehrvertrag bekommen: „Wir haben uns alle riesig gefreut“, sagt die 35-jährige Mutter. Denn von den insgesamt elf Bewerbungen, die ihre Tochter geschrieben hat, war die Rückmeldung der Vonovia die Einzige.

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Der Immobilienkonzern bildet unter anderem in handwerklich-technischen Berufen aus: „Um einen Ausbildungsplatz zu erhalten, in dem die theoretischen und praktischen Ausbildungsziele gut zu erreichen sind, ist bei uns mindestens ein Hauptschulabschluss notwendig“, sagt der Pressesprecher für Ostdeutschland der Vonovia, Matthias Wulff. Auch auf der Homepage des Unternehmens ist unter den Anforderungen für eine Ausbildung zum Maler/Lackierer ein guter Hauptschul- oder höherwertiger Abschluss angegeben.

Schwacher Trost

Warum hat die Vonovia Sophie dann trotzdem eingestellt? „Es kam offenbar zu einem Missverständnis und wir waren offenbar zu Unrecht davon ausgegangen, dass sie einen Abschluss hat“, sagt Pressesprecher Matthias Wulff. Das Unternehmen würde immer genau prüfen, aber in diesem Fall habe beim Informationsfluss etwas nicht geklappt. Das Unternehmen rät jungen Menschen in dieser Situation, den Schulabschluss nachzuholen: „Dann stehen alle Türen offen“, sagt Matthias Wulff, „wir würden uns jedenfalls freuen, wenn sie sich wieder bei uns bewirbt, wenn sie den Abschluss in der Tasche hat.“

Für Sophie und ihre Eltern ist das nur ein schwacher Trost: „Ich habe auch einen Schulabschluss und keine Arbeit“, sagt Sophies Mutter. Es stimme einfach nicht, dass einem dann alle Türen offenstehen und ihrer Tochter helfe das jetzt auch nicht weiter. Sie wendet sich an die Handwerkskammer Dresden, die für den Beruf Maler/Lackierer zuständig ist, aber ohne Erfolg: „Gemäß dem geschlossenen Berufsausbildungsvertrag kann während der vereinbarten Probezeit das Ausbildungsverhältnis ohne Kündigungsfrist und Angabe von Gründen gekündigt werden“, sagt Johanna Schade von der Pressestelle der Handwerkskammer in Dresden.

Traumjob Maler

Laut Berufsbildungsgesetz ist ein erfolgreicher Schulabschluss zwar keine zwingende Voraussetzung für den Beginn einer dualen Berufsausbildung, aber „der Ausbildungsbetrieb weiß, dass die Azubis für einen erfolgreichen Abschluss auch die theoretische Ausbildung meistern müssen und in den Fächern sinken die Anforderungen gegenüber der Schule nicht“, sagt Pressesprecher Lars Fiehler von der IHK in Dresden.

Durch ihren Aufruf bei Facebook haben sich mehrere Malerbetriebe aus der Region gemeldet: „Wir hoffen, dass sich da jetzt etwas ergibt, damit Sophie ihre praktische Ausbildung schnell fortsetzen kann“, sagt Evelyn Schuster. Den theoretischen Unterricht am BSZ Bau und Technik Dresden darf sie weiterhin besuchen. Am Ende des Gesprächs will Sophie noch etwas sagen: „Der Malerberuf ist mein Traumjob und ich würde alles tun, um eine Lehrstelle zu bekommen.“

*Namen von der Redaktion geändert