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„Drohneneinsätze steigern die Wut auf den Westen“

Der Couragepreis-Verein aus Radebeul hat anlässlich eines besonderen Datums Fachleute zur Diskussion über Afghanistan eingeladen. Weit über 100 waren in der Friedenskirche dabei.

Die Friedenskirche war am Freitagabend gut besucht.
Die Friedenskirche war am Freitagabend gut besucht. © Peter Redlich

Radebeul. Das Podium vorm Altar war hochkarätig besetzt. Der evangelische Landesbischof Tobias Bilz, Jean Lacroix, ein Bundeswehroberst a. D., der in Afghanistan im Einsatz war, der Journalist und Publizist Andreas Zumach, der sich in den Kriegsgebieten der Welt und den Hintergründen zu den kriegerischen Konflikten bestens auskennt, Matthias Bellmann, ein Friedensstifter vom Ökumenischen Informationszentrum Sachsen, und als Moderator Tim Deisinger vom MDR.

Der Radebeuler Couragepreis-Verein mit seinem Vorsitzenden Frank Richter hatte am Freitagabend eingeladen in die Friedenskirche von Radebeul.Der Anlass: Am 27. August 1645 wurde im Pfarramt zu Kötzschenbroda der erste Friedensvertrag im Dreißigjährigen Krieg zwischen den Sachsen und den Schweden geschlossen. Deshalb der Name der Kirche. Es sollte um Afghanistan und den dort von deutschen Politikern für richtig geheißenen Einsatz der Bundeswehr nach dem 11. September 2001 gehen.

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Was der Bischof sagt

Der Bischof Tobias Bilz sprach darüber, dass Menschen, die Krieg nicht selbst erlebt haben, die Brutalität massiv unterschätzen. Verheerend sei das, wenn es Politiker sind, die Einsätze der Armee für gut heißen. Er halte einen Armeeeinsatz, also einen Krieg, allenfalls für gerechtfertigt, wenn es das Land zu verteidigen gilt, in dem ein Volk selbst beheimatet ist.

Allerdings erinnerte Moderator Tim Deisinger den Kirchenmann daran, dass die damalige EKD-Vorsitzende Margot Käßmann bereits vor zehn Jahren gesagt hatte: „Nichts ist gut in Afghanistan“ und dafür von Kirchenoberen für ihre Aussage zum Bundeswehreinsatz heftig kritisiert wurde.

Der Bischof hielt diese Kritik an Käßmanns Haltung auch heute noch aufrecht, als der Moderator nachhakte und wissen wollte, warum die evangelische Kirche so leise gegenüber dem Afghanistaneinsatz gewesen ist. Bilz sprach von Ratlosigkeit und der Vermutung, dass viele dachten, es werde schon Gutes entstehen.

Was der Bundeswehr-Oberst sagt

Jean Lacroix war vier Jahre im Norden Afghanistans eingesetzt. Von einer anfänglichen Euphorie berichtete er. Die deutschen Soldaten seien von Afghanen begrüßt worden mit Sätzen wie, endlich würden Frauen nicht mehr gesteinigt, und Dieben, oder solchen, die dazu erklärt worden sind, die Hände abgehackt. Soldaten hätten Brunnen gebaut und friedlichen Aufbau abgesichert. „In den Städten waren wir erfolgreich - Bildung, Telefonverbindungen, freie Rede waren wieder möglich.“ Auf dem Lande allerdings hätten Modernisierungen eher die Menschen verschreckt, bei den sich vielfach seit 500 Jahren islamisches Recht nicht verändert habe.

Lacroix berief sich als Bundeswehrsoldat auf den Befehl, den er aufgrund eines politisch gefassten Beschlusses zu befolgen habe. Allerdings frage er sich heute: „Hatten wir dort wirklich eine Chance?“

Was der Publizist sagt

Absolut sattelfest in Sachen Hintergründe und Interessen der Großmächte in Bezug auf Afghanistan zeigte sich der Journalist und Publizist (teils für die taz weltweit unterwegs) Andreas Zumach. Er erinnerte daran, dass eigentlich ohne „saubere völkerrechtliche Grundlage der Krieg in Afghanistan, nach dem 11. September begonnen wurde“.

Aber nahezu alle Länder der Welt hätten mitgemacht - entweder direkt mit Soldaten, mit Überflugrechten von Kriegsflugzeugen, mit dem Gestatten von Folter in ihrem Land (Polen). Es sei all die Jahre nichts getan worden gegen die Taliban-Unterstützung aus Pakistan und Saudi Arabien. Zumach: „Bisher wurde immer nur auf militärische Mittel gesetzt, zu wenig auf politische Vermittlung. Drohneneinsätze steigern nur die Wut in der dortigen Bevölkerung auf den Westen.“

Auch heute, so der Journalist zu geopolitischen Hintergründen, bestünden nach wie vor große Interessen von Staaten wie den USA und China, an die Bodenschätze Afghanistans zu gelangen, oder eine Pipeline für iranisches Erdöl durch das Land zu bauen. Wenn überhaupt, so Zumach, dann könne nur eine UN-Truppe Konflikte stoppen und vielleicht befrieden, aber nicht der Westen und die Nato.

Auch erinnerte der Journalist daran, dass 80 Prozent der Bevölkerung in Deutschland dem Einsatz deutscher Soldaten immer skeptisch gegenübergestanden habe, die Politiker jedoch anders handelten. Der Journalist sieht den Bundeswehreinsatz in Mali ebenso kritisch. Er sagt für dort ein ähnliches Fiasko voraus.

Zumach: „Wenn wir etwas verändern wollen, dann müssen wir die ökonomischen und sozialen Grundlagen für die Völker in den Konfliktländern verbessern. Im gesamten Bogen zwischen Marokko und Pakistan werde aber nur an den Symptomen gedoktert.

Was der Friedensstifter sagt

Matthias Bellmann stellte viele Fragen: Wie verhalten wir uns künftig, wenn wieder zu Bundeswehreinsätzen gerufen wird? Wie lässt sich der nächste Konflikt friedlich lösen? Zur Haltung der Kirche, mit der er ja als ökumenisch Aktiver eng verbunden ist, sagte er, dass ja auch dort keine einheitliche Position zu Kriegseinsätzen bestehe. Den einzigen vagen Sinn in dem Einsatz sehe er darin, dass die Geschichte weitergehe und jetzt hoffentlich ein großes Nachdenken darüber entstehen werde, was militärisch bewegt werden könne und was nicht.

Bürgerengagement, eben auch in Friedenswachen, sei weiter und immer wieder gefragt und könne auch etwas bewegen.

Das Fazit

Mehr als 100 Bürger waren am Freitagabend der Einladung des Couragepreis-Vereins in die Friedenskirche gefolgt. Frank Richter erinnerte an die Radebeuler Couragepreisträgerin von 2010, Olga Karatch. Eine Weißrussin, die vor Repressalien nach Litauen geflohen ist und von dort Familien in ihrer Heimat unterstützt. Richter rief zu Spenden für die Aktivistin und deren Mission auf. „Das Geld kommt direkt und vollständig bei Olga Karatch an“, versprach Richter.

Die Hilfsmöglichkeit: Radebeuler Couragepreis-Verein, Pfarrerin Annegret Fischer, Bankverbindung Kreissparkasse Meißen, IBAN: DE 15850550003000051120, Stichwort Spende Olga Karatch

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