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Einblick in Redaktionsstuben

Im Kultur-Bahnhof konnten Radebeuler über Medien diskutieren. Sie sparten nicht mit Kritik.

Im Kultur-Bahnhof standen Wolf-Dieter Jacobi als Fachmann in Sachen Fernsehen (l.) und SZ-Redakteur Peter Redlich Rede und Antwort.
Im Kultur-Bahnhof standen Wolf-Dieter Jacobi als Fachmann in Sachen Fernsehen (l.) und SZ-Redakteur Peter Redlich Rede und Antwort. © Arvid Müller

Radebeul. Die Überschrift ist provokant, die als Thema eines Podiumsgesprächs der Volkshochschule in Radebeul zur Diskussion stand: „Alles Lüge? Was wir von unseren Medien erwarten können“. Den Fragen des Publikums stellten sich zwei erfahrene Journalisten, und zwar Wolf-Dieter Jacobi, der über 30 Jahre fürs Fernsehen gearbeitet hat, zuletzt als Programmdirektor des MDR bis 2020, sowie Peter Redlich, der seit 2002 die Redaktion der Sächsischen Zeitung in der Lößnitzstadt leitet.

Ein Mann sprach davon, dass er das Vertrauen in Print und TV verloren hat. Er macht in Berichten aus, dass einige Journalisten, statt der Informationspflicht nachzukommen, ihre Meinung in Beiträge einfließen lassen. Er vermisst Meinungsvielfalt und kontroverse Diskussionen. Dass Wissenschaftler, die eine andere Meinung zur Corona-Pandemie haben, wenig bis gar nicht zu Wort in Talkshows kommen, beklagte eine Frau. Sie war im vorigen Jahr Ende August bei der Querdenker-Demonstration in Berlin dabei. Sie erlebte eine friedliche Kundgebung. Jedoch habe der Fokus bei der Berichterstattung primär auf den Sturm einiger Demonstranten auf die Stufen des Reichstags gelegen. Warum wird sich nicht mehr aufs Positive konzentriert?, fragte die Diskussionsteilnehmerin.

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Formate für längere Nachrichtenbeiträge gewünscht

Fernsehmacher Jacobi ist auch nicht mit jedem Beitrag glücklich, der ausgestrahlt wird. Zum Beispiel der Bericht über den Aufstiegstag von Dynamo Dresden in die 2. Bundesliga in der Tagesschau, wo es nur über die Krawalle ging und die sportliche Leistung der Mannschaft keine Erwähnung weiter fand. „Die Meldung hat im Sender für Diskussionen gesorgt“, sagte Jacobi, der der Meinung ist, dass es mehr Formate benötigt, die längere Filmbeiträge ermöglichen als in Nachrichtensendungen, Diskussionen darstellen und verschiedene Meinungen abbilden.

Am Beispiel der Randale in den WCs des Lößnitzbades erläuterte Lokaljournalist Peter Redlich, wie ein Zeitungsartikel entsteht. Mehrere Radebeuler haben an ihn herangetragen, dass die Toiletten geschlossen sind, obwohl während der ersten Hitzewelle täglich über 1.000 Menschen die Badestelle aufsuchten. Also machte er sich am Montagmorgen selbst ein Bild vor Ort, sprach mit Bäderchef Titus Reime über die Gründe für die geschlossenen WCs, rief beim Gesundheitsamt an, welche Folgen es hat, wenn Menschen hinter Büschen oder ins Wasser urinieren, ob gar eine Schließung der Badestelle drohe, und er erkundigte sich bei der Kriminalpolizei, über den Ermittlungsstand. In den Toiletten hatten am 2. Juniwochenende Jugendliche randaliert und enormen Schaden angerichtet. Die Polizei konnte die Personalien von 14 Personen aufnehmen. Resultat der Recherche waren zwei ausführliche Artikel, der Erste war einer der meist gelesenen in dieser Woche. „Es war heiß, die Menschen wollen baden und wissen, was passiert ist. Wir fragen uns bei jedem Beitrag, was nutzt er dem Bürger“, sagte Redlich.

Appell: Schreibt Leserbriefe!

Beide Medienfachleute warben um Verständnis für ihre Zunft. „Wie in jedem anderen Beruf auch wird Journalismus von Menschen gemacht und da passiert auch einmal ein Fehler. Ein Fehler ist aber keine Lüge“, so Jacobi. Und Redlich ergänzte: „Journalismus ist auch ein ständiger Lernprozess.“ Beide appellierten, Kritik zu üben und Hinweise zu geben, beispielsweise in Form von Leserbriefen.

Rund zwei Stunden ging der Diskussionsabend. Die Volkshochschule bietet weitere Veranstaltungen zu gesellschaftlichen Themen an, damit Menschen ins Gespräch kommen. Am 22. Juli 2021 ist um 19 Uhr der Youtuber Gunnar Kaiser im Kultur-Bahnhof zu Gast. (SZ/sku)

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