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"Pädagogisch und psychisch eine Katastrophe"

Nach zwei Wochen müssen die Schulen ab Montag erneut für die meisten Kinder schließen. Dabei hat die aktuelle Regelung gut funktioniert.

Auch diese Fünftklässler der Kurfürst-Moritz-Schule Boxdorf müssen wie die meisten Schüler ab dieser Woche wieder zuhause lernen.
Auch diese Fünftklässler der Kurfürst-Moritz-Schule Boxdorf müssen wie die meisten Schüler ab dieser Woche wieder zuhause lernen. © Norbert Millauer

Radebeul. Es kommt vermutlich nicht so oft vor, dass ein Chef und seine Mitstreiter inhaltlich aber auch emotional so nah beieinander sind wie derzeit Sachsens Kultusminister Christian Piwarz (CDU) und die Lehrerinnen und Lehrer in den Schulen im Freistaat. Vehement hatte der Minister sich in der vergangenen Woche gegen das ausgesprochen, was mit der nun beschlossenen Corona-Notbremse des Bundes ab Montag auf die meisten sächsischen Schulen zukommt: Die erneute Schließung der Häuser.

Auf einer Pressekonferenz hatte Piwarz gesagt, dass die Regelungen dem Freistaat völlig ohne Not aufgezwungen würden. Und auf die Frage, woher die 165 komme - beim Erreichen dieser Inzidenz an drei aufeinanderfolgenden Tagen, müssen Schulen und Kitas am übernächsten Tag schließen - antwortete der Minister bitter: „Wir hatten auch schon überlegt, ob es eine Dartscheibe gewesen ist, auf die jemand geworfen hat.“

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Wie der Minister hätte sich auch Michael Ufert, der Leiter der Zille-Oberschule Radeburg, eine differenziertere Lösung gewünscht. „Statt Schulschließungen gleich für einen gesamten Landkreis ausschließlich an der Inzidenz festzumachen, hätte ich mir gewünscht, lokaler zu schauen, wo es brenzlig wird.“

Erneut voll ausgebremst

Denn das Testsystem an den Schulen - seit Ostern sind an allen Schulen wöchentlich zwei Tests für Lehrer und Schüler vorgeschrieben - habe sich inzwischen gut eingespielt. „Bei uns gab es dabei zwei positive Tests, die auch durch PCR-Tests bestätigt wurden.“ Beide betrafen Schüler. In Quarantäne mussten zehn Personen.

Aus epidemiologischer Sicht sei es sicher konsequent, die Schulen zu schließen. „Aber wieso läuft vieles andere weiter.“ Der Schulleiter ergänzt: „Pädagogisch und psychisch ist die erneute Schließung eine Katastrophe.“ Was in den zwei Wochen mit wechselndem Präsenzunterricht nach den Osterferien wieder aufgebaut wurde, werde nun erneut voll ausgebremst.

In seinem Kollegenkreis schwanke die Stimmung von Verständnis bis Verzweiflung. „Manche sind am Ende und kaum noch zu motivieren.“ Nicht weniger schwierig ist die Situation für die Schüler. „Beim Neustart nach Ostern gab es viele Schüler, die waren vor Weihnachten das letzte Mal in der Schule gewesen.“ Denn der Präsenzunterricht im März war ja nur eine Woche lang möglich. Durch den Wechselunterricht konnte da nur die Hälfte der Fünft- bis Neuntklässler in die Schule kommen. Mit der erneuten häuslichen Lernzeit werde es auch schwieriger, Lernrückstände aufzuholen. „Das Schlimme daran ist, dass es mit der Notbremse bis Ende Juni auch keine gute Perspektive gibt“, sagt Michael Ufert. „Ich befürchte, dass wie jetzt alle zwei Wochen die Schulen auf und wieder zu machen.“

"Das Problem ist, dass man nicht planen kann"

Auch sein Kollege Heiko Vogel von der Kurfürst-Moritz-Oberschule in Boxdorf erwartet in den nächsten Wochen eine ständige Berg- und Talfahrt. „Wir können mit beidem umgehen, mit Präsenz- und mit Heimunterricht. Das Problem ist, dass man nicht planen kann.“ Mit den Tests haben die Boxdorfer gute Erfahrungen gemacht. „Die Kinder sind dabei schon recht flott geworden und es gab keinen positiven Fall.“ Das gebe Sicherheit und spreche auch für den in Sachsen eingeschlagenen Weg. Das zeige sich auch darin, dass von Tag zu Tag mehr Schüler am Unterricht in der Schule teilgenommen hätten. „Am Anfang waren etwa 80 von 500 Schülern Zuhause geblieben.“ Sowohl bei seinen Kollegen als auch bei den Schülern sei der Wunsch nach Präsenzunterricht sehr groß.

In der Freie Célestin-Freinet-Schule in Friedewald musste Schulleiterin Sylvia Kreller am Freitag noch einmal umplanen. Sie war davon ausgegangen, dass bei der erneuten Schließung wie bisher in Grundschulen nur eine Notbetreuung erlaubt ist. Die Corona-Notbremse zählt zu den Abschlussklassen, die weiter zum Unterricht in die Schule dürfen, nun aber erstmals auch die Viertklässler dazu. „Die gleichzeitige Absicherung von Wechselunterricht für die 4. Klassen, häuslicher Lernzeit und Notbetreuung bringt uns personell aber auch räumlich an die Grenzen.“ Die Planungen für die nächste Woche gingen nur auf, wenn alle da seien.

Unter den Bedingungen der vergangenen Monate lassen sich wichtige Inhalte der Bildungsarbeit - wie Morgenkreis, Atelierarbeit oder auch Patenschaften von Schülern - nur schwer oder gar nicht umsetzen. Vor allem für die Schüler der 1. Klasse sei die Situation ganz extrem. „Die sind bisher nur durchgeschüttelt worden. Das alles ist auch psychologisch sehr bedenklich“, sagt Sylvia Kreller. Auch in Friedewald waren alle Schnelltests von Schülern und Mitarbeitern negativ.

Sorge vorm Lernrückstand

Thomas Damme, er leitet die Radeburger Grundschule, findet drastische Worte für die neuen Bundesregeln. „Für die Infektionslage sind diese viel schlechter“, sagt er und erklärt auch warum. „Bisher hatten wir ein stabiles System: Ein Lehrer betreut eine Klasse, die auch in den Pausen getrennt waren, montags und donnerstags wurde getestet.“ Ab nächster Woche sei das nicht mehr möglich, wenn wie bei der letzten Schließung wieder 60 der 340 Kinder zur Notbetreuung in der Schule sind. „Dann kommt es zu einer Vermischung.“

Thomas Damme befürchtet auch, dass die Lernrückstände weiter anwachsen. „Ich habe eine 2. Klasse in Mathe, da ist der Stoff, der wiederholt werden kann, inzwischen aufgebraucht“, erklärt er. „Ich müsste jetzt mit der Division anfangen. Da kann ich doch nicht sagen, schaut euch ein YouTube-Video an oder ich überlasse das den Eltern.“ Lehrer würden ja nicht umsonst studieren, viele Eltern hätten weder die Zeit dafür, noch die Möglichkeiten.“ Der Schulleiter sieht mit der häuslichen Lernzeit Strukturen verloren gehen.

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In der Grundschule hatte es einen positiven Test gegeben. Schwerwiegender sei dagegen das rücksichtslose Verhalten einer Familie gewesen. Diese hatte ihr Kind in die Schule gebracht, obwohl es Kontakt zu einer positiv getesteten Person hatte. „Daraufhin mussten insgesamt 60 Kinder aus der Klasse und dem Hort in Quarantäne.“

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