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Radebeuls Bacchus wird 80

Er ist ein Urgestein der Lößnitzstadt - Schauspieler Herbert Graedtke. Heute feiert er runden Geburtstag.

Von Silvio Kuhnert
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Groß feiern möchte Herbert Graedtke sein Jubiläum jetzt noch nicht, erst im Frühjahr, wenn es warm ist. Dann stellt er eine große Tafel in seinem Garten auf.
Groß feiern möchte Herbert Graedtke sein Jubiläum jetzt noch nicht, erst im Frühjahr, wenn es warm ist. Dann stellt er eine große Tafel in seinem Garten auf. © Arvid Müller

Radebeul. Eine waghalsige Nummer ist dem Schauspieler Herbert Graedtke noch gut in Erinnerung: "Auf einer Flasche, die auf einem Tisch stand, habe ich eine Standwaage gemacht." Das Publikum war ganz still. "Die Zuschauer hatten Angst, das ich herunterfalle", berichtet der Radebeuler. Wenn er diesen Stand heute wieder machen würde, gebe es sicher die gleiche Reaktion, gepaart mit ehrfürchtigem Staunen. Denn Herbert Graedtke feiert an diesem Donnerstag seinen 80. Geburtstag.

Die Nummer mit der Standwaage plant er an seinem Ehrentag nicht. Auch sonst muss die große Feier warten. "Ich habe mir den Tag anders vorgestellt", sagt der Mime - mit Familie und Freunden, an einer großen Tafel, mit Umarmungen und Berührungen. Aufgrund der aktuellen Situation geht das nicht. "Corona bremst uns aus", sagt der Jubilar. Seine vier Kinder, zwei Töchter und zwei Söhne, sowie die Enkeltochter und die vier Enkelsöhne, werden ihm nur aus der Ferne gratulieren. "Sie leben in der Republik verstreut", so Graedtke.

Weihnachtsmann im Advent

In seinen Worten klingt etwas Wehmut mit. Seine Liebsten hätte er an seinem Geburtstag sicher gern um sich gehabt. "Man darf sich dem Pessimismus nicht hingeben, sondern muss Optimist bleiben", meint Graedtke. Daher will er die große Geburtstagsfeier im kommenden Frühjahr nachholen, wenn es wärmer ist und die Blumen blühen, am großen Tisch im Garten bei einem Glas Wein.

Mit Laubkrone und weißem Gewand kennt wohl jeder Herbert Graedtke vom Weinfest.
Mit Laubkrone und weißem Gewand kennt wohl jeder Herbert Graedtke vom Weinfest. © Norbert Millauer

Mit einem großen Schoppen in der Hand kennen ihn alle Besucher des Herbst- und Weinfestes. Auf dem Dorfanger Altkötzschenbroda spielt er seit vielen Jahren den lebenslustigen Weingott Bacchus. Im Advent schlüpft er in einen roten Mantel und klebt sich einen weißen Rauschebart an. Zu Lichterglanz und Budenzauber gibt er den Weihnachtsmann, spielt ihn an Heiligabend auch für Kleinkinder und besucht in diesem Kostüm zudem Seniorenheime. Und die Sternreiterparade ist am Sonntagvormittag zu den Karl-May-Festtagen ohne Herbert Graedtke kaum denkbar. Er moderiert diesen Höhepunkt des Festes, wenn zwischen 200 und 300 Reiter hoch zu Ross über die Meißner Straße galoppieren.

Kunstpreisträger der Stadt Radebeul

Den Sternenritt hat Herbert Graedtke mit erfunden. Mit Kollegen der Felsenbühne Rathen brach er im Jahr 1992 auf, um sich mit Schauspielern der Karl-May-Bühne Bad Segeberg zu treffen. In Potsdam kamen sie zusammen, an jenem Schauplatz, wo bereits die Ufa Szenen nach den Abenteuerromanen nach Karl May drehte. Seither machen sich Reiter aus ganz Deutschland zu den Karl-May-Festtagen im Lößnitzgrund auf.

Puntila aus Brechts "Herr Puntila und sein Knecht Matti" zählt zu den Lieblingsrollen von Herbert Graedtke, hier bei einer Aufnahme aus dem Jahr 1998 an den Landesbühnen.
Puntila aus Brechts "Herr Puntila und sein Knecht Matti" zählt zu den Lieblingsrollen von Herbert Graedtke, hier bei einer Aufnahme aus dem Jahr 1998 an den Landesbühnen. © Hagen König/Landesbühnen Sachs

"Ausgebremst" ist ein Wort, das beim Rückblick auf die Radebeuler Feste immer wieder fällt. Denn als Bacchus, Weihnachtsmann und Moderator war Graedtke zum letzten Mal 2019 zu erleben. Wegen Corona fiel der Umzug zur Eröffnung des Weinfestes, der Weihnachtsmarkt und der Sternenritt im vorigen und in diesem Jahr aus. Ausgebremst hat den Volksschauspieler auch eine schwere Erkrankung, deren Folgen ihn immer noch etwas zeichnen. Doch die Zuversicht hat Graedtke nicht verloren, erneut in seine Paraderollen auf Radebeuls Festen zu schlüpfen, wenn die Zeiten wieder normal sind. "Ich verstecke mich nicht", sagt der Kunstpreisträger der Lößnitzstadt. 2006 hat er diese Auszeichnung bekommen.

Rund 500 Rollen

Am 9. Dezember 1941 erblickt Herbert Graedtke im brandenburgischen Altlandsberg das Licht der Welt. Bei Berlin groß geworden, studierte er von 1960 bis 1963 an der Filmhochschule Babelsberg. Noch während der Schauspielausbildung stand er in dem Kriminalfilm "Die Glatzkopfbande" zum ersten Mal vor der Kamera. Für Kino und Fernsehen spielte er in der Opernverfilmung "Der fliegende Holländer", im Tatort oder der Arztserie "In aller Freundschaft" mit. Auf der Bühne hat er in der Komödie "Stürmische Überfahrt bei spiegelglatter See" aus Frankreich angefangen, wo er einen Blinden Passagier darstellt, der ohne Geld die Überfahrt nach Amerika wagt. Regie führte der kürzlich verstorbene Walter Niklaus.

Ab 19984 spielte Herbert Graedtke (l.) Old Shatterhand (hier mit Jürgen Haase als Winnetou) auf der Felsenbühne Rathen. Er war der Erste in dieser Rolle in der DDR.
Ab 19984 spielte Herbert Graedtke (l.) Old Shatterhand (hier mit Jürgen Haase als Winnetou) auf der Felsenbühne Rathen. Er war der Erste in dieser Rolle in der DDR. © PR/Archiv

Rund 500 Rollen gehören zu Herbert Graedtkes Repertoire, wenn er alle, auch die kleinen, mitzählt. Wobei: "Kleine Rollen gibt es nicht, es gibt nur kleine Schauspieler", sagt der Mime, der seit 1965 für die Landesbühnen agiert. Dort schlüpfte er nicht nur in klassische Rollen von Shakespeare oder Schiller: "Ich habe als Erster in der DDR Old Shatterhand gespielt", sagt Graedtke nicht ohne Stolz, ab 1984 regelmäßig auf der Felsenbühne Rathen. Ein Highlight und so etwas wie seine Lieblingsrolle ist Brechts Puntila, den er im Radebeuler Stammhaus gab.

Immer brav gewesen

Dort und auf anderen Bühnen, wie dem Boulevardtheater in Dresden stand Graedtke nicht nur im Rampenlicht, sondern inszenierte auch selbst. "Regie zu führen, ist eine schwierige Angelegenheit. Man hat es mit renitenten Schauspielern zu tun", sagt er. Und auf die Frage, ob er auch solch einer ist, antwortet er mit einem verschmitzten Lächeln: "Ich war immer brav." Schauspiel ist für Graedtke nicht nur Beruf, sondern eine Berufung. Während der Spielpausen an den Landesbühnen arbeitete er immer wieder mit Laiendarstellern zusammen. So brachte er auf der Naturbühne Reichenau im Pulsnitztal jedes Jahr eine Komödie heraus.

Nicht nur als Darsteller hat sich Graedtke in Radebeul einen Namen gemacht. Im Jahr 2007 gehörte er zu den Gründern des Fördervereins des Internationalen Wandertheaterfestivals, dessen Vorsitzender er bis voriges Jahr war. Der Verein bringt jedes Mal zum Herbst- und Weinfest einen besonderen Wein heraus. Ein Radebeuler Künstler gestaltet das Etikett zu den limitierten Flaschen, die jedes Jahr ein anderer Winzer sponsert. Der Erlös aus dem Verkauf kommt einer Schauspielgruppe beim Wandertheaterfestival zugute.

Wunschfilme fürs Sommerkino

Graedtke ist Sozialdemokrat. Für die SPD saß er von 2014 bis 2019 im Stadtrat. Das Programm zur Schulsanierung oder, dass das Zentrum von Radebeul-West zum Sanierungsgebiet wurde, sind Entscheidungen, an die er gern zurückdenkt. Enttäuschung ist ihm dagegen anzuhören, dass der Kauf des Bahnhofsgebäudes Kötzschenbroda durch die Stadt nicht zustande kam.

So bleibt noch die Frage nach dem Geburtstagswunsch. "Wir wünschen uns, dass die Filme "Glatzkopfbande" und "Der fliegende Holländer" zum Sommerkino im Bilzbad gezeigt werden", sagt seine Frau Christine Ruby. Mit ihr verbringt Herbert Graedtke seinen heutigen Ehrentag.