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Hornissen - „Bloß nicht hektisch werden!“

Nur zwei Stunden vor dem Hornissen-Angriff im Dresdner Großen Garten am Sonntag war eine Expertin zur Nestbergung in Radebeul. Wir haben mit ihr gesprochen.

Auf Schwarmrettung spezialisiert:
Marion Loeper vom Imkerverein Dresden mit dem Hornissennest aus Radebeul-Lindenau, welches sie am Sonntag nach Dresden umsiedelte.
Auf Schwarmrettung spezialisiert: Marion Loeper vom Imkerverein Dresden mit dem Hornissennest aus Radebeul-Lindenau, welches sie am Sonntag nach Dresden umsiedelte. © Norbert Millauer

Radebeul/Dresden. Es hat deutschlandweit für Aufsehen gesorgt. Am Sonntagmittag mussten in Dresden acht Personen notärztlich versorgt und teils in umliegende Krankenhäuser gebracht werden, weil sie von Hornissen im Großen Garten gestochen wurden. Zufall: Nur zwei Stunden vor dem Angriff der Wespenart im Dresdner Großen Garten war die Expertin zur Nestbergung, Marion Loeper, in Radebeul.

Doch zuerst nach Dresden. Loeper zu ihrem Einsatz in Dresden, der bei ihr ebenfalls mit einem schmerzhaften Hornissenstich in die Nase endete: „Die Feuerwehr hat meine Telefonnummer für solche Notfälle - unter Schwarmalarm stehe ich auf der Seite des Imkervereins Dresden.“ Vor Ort im Großen Garten habe sie die Situation gleich erkannt. Ein Baum in der Mitte der Herkulesallee, in einem Astloch, etwa auf Kopfhöhe von Spaziergängern und Radfahrern, tummeln sich aufgeregt Hornissen, die dort Futter gefunden haben.

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Die Expertin, die für solche Aktionen zertifiziert ist, sagt, dass Hornissen, eine eigentlich friedliche Wespenart, von Mitte August bis Mitte September am aktivsten sind, weil sie den Nachwuchs versorgen müssen. Zugleich sei es gerade jetzt, wegen der Nässe, sehr schwierig, größere Nektarstrecken zu finden. Deshalb werde alles energisch von den Arbeitswespen verteidigt, was es an der wenigen Nahrung gibt. Loeper: „An dieser Stelle im Großen Garten, an der Radfahrer, Skater und Spaziergänger direkt vorbeigehen, braucht nur einer mal an den Baum stoßen, schon sehen sich die Hornissen bedroht.“

Die Hornissen kommen aus ihren Waben gekrabbelt.
Die Hornissen kommen aus ihren Waben gekrabbelt. © Norbert Millauer

Selbst nach der Absperrung durch die Feuerwehr hätten noch Neugierige die Absperrbänder gehoben und seien nah rangegangen. Einem Radfahrer, den die Hornissen verfolgten, wollte die Fachfrau warnen. Dabei ist sie selbst gestochen worden. Die allergischen Reaktionen beschreibt die Bienenzüchterin, die im eigentlichen Beruf Krankenschwester ist, so: Ab zwei bis drei Stichen stellt der Körper auf Abwehr der fremden Eiweiße um und kollabiert, einfach um Ruhe für die Abwehr zu haben und sich nur darauf zu konzentrieren. Zur Unterstützung werde dann üblicherweise eine Kortisonspritze gegeben.

Völlig undramatisch und ohne Stich verlief die Rettungsaktion eines Hornissennestes zuvor im Radebeuler Ortsteil Lindenau. Christian Fischer, ehemaliger Stadtrat für die Linken und von Beruf Rechtsanwalt, hat auf der Höhe ein Grundstück mit einer alten Garage, die abgerissen werden soll. Darin hat er ein großes Hornissennest entdeckt. Fischer: „Als Freund der Insekten möchte ich, dass das Nest mit den Hornissen umgesetzt wird, erlebte allerdings auf der Suche nach den richtigen Leuten dafür beinahe eine Odyssee.“ Erst hat er die Untere Naturschutzbehörde beim Landratsamt angerufen. Die verwies ihn an den Zoo Dresden. Dort hieß es, dass die Feuerwehr vor Ort zuständig sei. Doch den Kameraden, die auch mal einen Vogel retten und die Katze aus der Dachrinne holen, war die Hornissenbergung zu heikel.

Der nächste Tipp für ihn: die Naturschutzstation der NABU-Regionalgruppe Meißen auf Schloss Heynitz. Von dort bekam er eine Telefonnummer in Leipzig. Die Leipziger schließlich machten ihn auf eine Kollegin in Dresden aufmerksam, die da die Spezialistin ist: Marion Loeper.

Mit einer Art Staubsauger werden die Tiere sanft aus dem Nest aufgenommen und in eine Zwischenstation mit dort gelagerter Nahrung gesogen.
Mit einer Art Staubsauger werden die Tiere sanft aus dem Nest aufgenommen und in eine Zwischenstation mit dort gelagerter Nahrung gesogen. © Norbert Millauer

Und die war am Sonntagvormittag, der Regen hatte aufgehört, in Lindenau. Ihre Ausrüstung: Eine Art Staubsauger mit geringerer Saugkraft und im Absaugrohr ein dicker Behälter, in welchem sogenannter Bienenteig mit Staubzucker klebt. Bekleidet mit Schutzanzug, saugt die Fachfrau behutsam die Hornissen aus dem Nest. Etwa 500 Tiere sind das, die in dem Auffangbehälter Zwischenstation machen.

Nach etwa 20 Minuten hält sie inne. Wartet weitere Minuten, damit die vom Nahrungssammlungsflug heimkehrenden Hornissen ins Nest krabbeln und schließlich auch noch aufgenommen werden können. Zwischendurch erklärt sie, dass die Königin, die etwa anderthalb Mal größer als die Arbeitshornissen ist, geschlechtsfähigen Nachwuchs zur Welt bringt. Larven, die besonders gefüttert werden müssen. Die Arbeitstiere leben nur 35 Tage und müssen sich in dieser Zeit intensiv um Nahrung bemühen. Die Larven wiederum produzieren ein Tröpfchen, welches die Arbeitswespen von ihnen aufnehmen - eine Art Flugbenzin, mit dem die Arbeitstiere etwa 40 Minuten in der Umgebung zur Nahrungssuche fliegen können. Ein fester Kreislauf, der sich gegenseitig bedingt.

Fischer und die SZ-Leute stehen teils dicht am Nest. Die Hornissen bewegen sich ruhig, weil wir auch ruhig sind. „Bloß nicht hektisch werden, dann geht alles gut“, sagt Marion Loeper und geht wieder an ihre Aufgabe. Eine Stunde habe sie Zeit, um die Hornissen mit dem Nest umzusiedeln. Die Königin bleibt drin im Nest, welches die Fachfrau abschneidet. Hornissen nehmen für den Bau Totholz, vermischen es mit Speichel. Fünf sogenannte Teller - wie Etagen eines runden Hochhauses - sind so mit unzähligen Waben entstanden.

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Für das Nest hat sie einen Holzbehälter. Nach etwa einer Dreiviertelstunde ist alles im Auto verstaut. Die Fahrt geht in ein Waldstück nahe Dresden. Dort wird das Nest an einen Baum geklebt und die Hornissen aus ihrem Zwischenbehälter wieder freigelassen. Sofort nehmen sie ihre Behausung wieder in Besitz. Die meisten der in der Natur nützlichen Tiere konnten mit umziehen. Nützlich sind Hornissen auch, weil so eine Nestbevölkerung an einem Tag etwa ein halbes Kilo Insekten, wie etwa Mücken, aus dem Garten vertilgt.

Christian Fischer hat die Aktion 50 Euro gekostet. Für den Schädlingsbekämpfer hätte er mindestens 200 Euro und eine Genehmigung der Behörde gebraucht.

Kontakt zu Marion Loeper per E-Mail an ü[email protected]

Marion Loeper beim Einsatz im Großen garten in Dresden am Sonntag. Die Feuerwehr hatte hier um einen Baum herum abgesperrt.
Marion Loeper beim Einsatz im Großen garten in Dresden am Sonntag. Die Feuerwehr hatte hier um einen Baum herum abgesperrt. © Henry Berndt

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