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"Das können sich die wenigsten Bauherren erlauben"

Stadtsanierung, Bahnhofstraße und Erhaltungssatzung - Radebeuls Baubürgermeister berichtet, wie es bei diesen und anderen Projekten weitergeht.

Von Silvio Kuhnert
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Im Interview steht Radebeuls Baubürgermeister Jörg Müller (parteilos), Jahrgang 1963, Rede und Antwort. Ob er nach drei Amtszeiten symbolisch eine weitere Kerze für eine vierte anzünden kann, entscheidet der Stadtrat am 19. Januar 2022.
Im Interview steht Radebeuls Baubürgermeister Jörg Müller (parteilos), Jahrgang 1963, Rede und Antwort. Ob er nach drei Amtszeiten symbolisch eine weitere Kerze für eine vierte anzünden kann, entscheidet der Stadtrat am 19. Januar 2022. © Norbert Millauer

Herr Erster Bürgermeister Jörg Müller, Sie hatten 2021 Ihr 20-jähriges Dienstjubiläum in Radebeul. Auf welche Vorhaben blicken Sie besonders gern zurück?

Das sind das Sanierungsgebiet Radebeul-Ost und der Moritz-Ziller-Preis für Stadtgestaltung. Beide Vorhaben tragen in besonderem Maße meine persönliche Handschrift, wenn ich das so sagen darf. Gleich nach meinem Amtsantritt 2001 hatte ich mich mit Erfolg um die Aufnahme in das Städtebauförderprogramm bemüht. Mittlerweile stehen wir kurz vor dem Abschluss. Und mit dem von mir initiierten Zillerpreis verfügt unsere Stadt über einen über unsere Region hinaus viel beachteten Nachwuchsförderungspreis, der in der Regel alle drei Jahre vergeben wird. Das nächste Mal 2024.

Bei welchen Projekten haben Sie zum Abschluss im sprichwörtlichen Sinn drei Kreuze gemacht, weil diese aufgrund von Schwierigkeiten, Komplikationen oder Problemen ein gutes Ende nahmen?

Dies war eindeutig die Umgestaltung des Bahnhofareals in Radebeul-Ost, weil hier zeitlich parallel insgesamt rund 20 Projekte verschiedener Bauherren zu steuern waren. Neben dem Umbau des Empfangsgebäudes zum Kultur-Bahnhof waren das zum Beispiel die Umgestaltung des Bahnhofsvorplatzes, wo noch die Kraterspuren und Stützen des ehemaligen Kaufhausprojektes vorhanden waren, die Umfahrung im Zusammenhang mit der Neuverlegung der Gleisanlagen, der Bau des Rewe-Marktes mit Parkhaus und Ärztehaus, der Bau der Sidonienhöfe und der Ausbau der Sidonienstraße. Das waren die großen Projekte. Dann gab es noch viele kleinere wie der Abriss der sogenannten Basa-Station, ein Trafogebäude der Deutschen Bahn, wo sehr viele Leitungen lagen. Hier mussten wir erst einmal analysieren, wem diese Stränge alle gehörten und wofür sie dienten - eine unheimliche Schwierigkeit. Ich habe immer gesagt: Das ist unser kleiner Potsdamer Platz. Belohnt worden sind wir alle mit einer Auszeichnung im Rahmen des Sächsischen Staatspreises für Baukultur. Weil hier ein neues Stadtteilzentrum geschaffen wurde, das von der Bevölkerung auch angenommen wurde.

Seit fast zwei Jahren hat die Corona-Krise uns im Griff. Wie wirkte sich diese bislang auf das Baugeschehen der Stadt Radebeul aus?

Je länger uns das Virus im Griff hat, desto häufiger kommt es zu Einschränkungen bei den Firmen und deren Mitarbeitern. Außerdem gibt es Lieferschwierigkeiten bei Materialien. Terminliche Verzögerungen hinsichtlich der Fertigstellung sind die Folge, manche Baumaßnahme musste zeitlich gänzlich verschoben werden. So wollten wir im vergangenen Jahr den Gehweg in der Winzerstraße sanieren. Dieses Vorhaben gehen wir nun erst 2022 an, weil die Baufirma bislang keine freien personellen Kapazitäten hatte. Außerdem gibt es erhöhte Sicherheitsanforderungen, zum Beispiel doppelt so große Baustellencontainer, um die Mindestabstände zwischen den Teilnehmern bei Bauberatungen einhalten zu können.

Baufirmen können sich über Aufträge nicht beschweren. Kann die Stadt auf ihre Ausschreibungen hin immer ein Unternehmen binden?

Bislang hatten wir weitestgehend Glück, dass sich wenigstens ein Bieter gefunden hat. Wiederholt werden musste zum Beispiel die Ausschreibung für ein Gewerk bei der laufenden Sanierung des Lößnitzgymnasiums in der Steinbachstraße.

Auf der Bahnhofstraße ist im nördlichen Bereich der Gehweg auf der Ostseite saniert. Wie geht es in diesem Jahr weiter?

Die Westseite zwischen Meißner Straße und Bahnhofsvorplatz soll im Frühjahr 2022 beginnen, sobald bauoffenes Wetter herrscht. Bis zum Sommer wollen wir die Sanierung abschließen. Die Westseite ist nicht so lang wie die Ostseite. Ich hoffe, wir haben hier nicht solche Probleme mit Leitungen und Kanalschächten, die in keinen Unterlagen verzeichnet sind und ungeordnet lagen. Diese zu beseitigen hat zu den Verzögerungen im Bauablauf im vorigen Jahr geführt.

Die Sanierung es Bahnhofsgebäudes in Radebeul-Ost sowie die Neugestaltung des Areals drumherum stellte eine große Herausforderung dar.
Die Sanierung es Bahnhofsgebäudes in Radebeul-Ost sowie die Neugestaltung des Areals drumherum stellte eine große Herausforderung dar. © Arvid Müller

Wann liegen die Pläne für die Sanierung des mittleren Abschnitts vor? Wann wird dort gebaut?

Aktuell werden die Planungen für die beiden Kreuzungspunkte mit der Güterhofstraße und der Hermann-Ilgen-Straße erarbeitet. Zudem erfolgt eine Variantenuntersuchung, wie vom Stadtrat gewünscht, zum Parken, und zwar einmal mit und das andere Mal ohne Stellflächen. Der mittlere Abschnitt an sich kann aufgrund der Denkmaleigenschaft nur bestandsnah saniert werden. Das Pflaster wird herausgenommen und danach ordentlich neu verlegt. Nach einer im Jahr 2022 vorgesehenen Öffentlichkeitsbeteiligung ist die Realisierung im Folgejahr eingeplant.

Der Realisierungszeitraum für das Sanierungsgebiet Zentrum Radebeul-West endet nach bisherigem Stand Ende 2023. Welche Vorhaben möchte die Stadt bis dahin noch umsetzen? Und ist eine Umsetzung bis dahin zu schaffen?

Neben der Maßnahme Parkplatz Güterhofstraße, die 2022 realisiert werden soll, hat der Stadtrat bereits grünes Licht für den Umbau der Alten Post zur Musikschule gegeben. Die Fertigstellung ist für Mitte 2024 geplant, weshalb wir bereits mit dem Fördermittelgeber die Verlängerung des Sanierungsgebietes bis Ende 2024 besprochen haben. Den Neubau der Oberschule Kötzschenbroda möchten wir über das Schulhausprogramm gefördert bekommen. Und der Neubau eines Rossmann-Drogeriemarktes neben der Alten Post wird privat finanziert. Der Spielplatz im Apothekerpark steht bereits kurz vor der Fertigstellung.

Für das Sanierungsgebiet in Radebeul-Ost wurde jüngst der Realisierungszeitraum verlängert. Von den angestrebten und noch offenen Sanierungszielen möchten Sie welches unbedingt umsetzen?

Dies ist insbesondere der Abriss der alten Kfz-Werkstattgebäude der ehemaligen Aral-Tankstelle an der Meißner Straße. Hier besteht die besondere Herausforderung, dass der Komplex an die Villa Bärenfett angebaut ist. Zusammen mit dem Abriss des benachbarten Eckgebäudes durch die Karl-May-Stiftung könnte hier zunächst provisorisch eine neue Eingangssituation für das Karl-May-Museum geschaffen werden. Durch die Abrisse an der Meißner Straße wird die Sicht auf das Museumsareal eine ganz andere.

Welche Bebauung ist neben dem ehemaligen AWD-Klubhaus, Gasthof Krone, zu erwarten?

Das städtebauliche Neuordnungskonzept sieht hier Mehrfamilienhäuser entlang der Gartenstraße und Einfamilienhäuser im rückwärtigen Bereich vor.

Die Alte Post in Radebeul-West soll zur Musikschule umgebaut werden.
Die Alte Post in Radebeul-West soll zur Musikschule umgebaut werden. © Arvid Müller

Wie stehen die Chancen und Möglichkeiten für neue Sanierungsgebiete im Stadtgebiet? Könnte eventuell die Erweiterung des Karl-May-Museums, die Sanierung des Ehrenhains und die Neugestaltung des Vorplatzes vor der Lutherkirche über ein neues Städtebauförderprogramm gelingen?

Für unsere Stadtgröße sind wir mit insgesamt drei Sanierungsgebieten, dem abgeschlossenen in Altkötzschenbroda sowie den beiden laufenden in den Zentren von Ost und West, überdurchschnittlich „gesegnet“ worden. Ein weiterer Bedarf, der die hohen Anforderungskriterien erfüllen muss, ist aktuell auch nicht erkennbar. Aber kategorisch ausschließen möchte ich dennoch nichts. Die von Ihnen angesprochene Gebietskulisse ist Bestandteil des noch laufenden Sanierungsgebietes Radebeul-Ost und scheidet damit aus. Es gibt grundsätzlich keine Möglichkeit, Areale, die bereits Bestandteil eines Fördergebietes waren, unmittelbar danach in ein neues Sanierungsprogramm wieder aufzunehmen.

Das Thema Bauen bewegt immer wieder die Gemüter. Im neuen Jahr soll ein Gestaltungsbeirat die Arbeit aufnehmen. Zudem haben Stadtrat und Verwaltung Grundsätze zum Bauen verabschiedet. Welche Wirkung erhoffen Sie sich von diesen Instrumenten?

Stadtrat und hauptamtliche Verwaltung haben damit eindrucksvoll dokumentiert, dass sie an einem Strang beim Thema „Bauen privater Dritter“ ziehen. Das stärkt nicht nur das Fachamt in seinem Handeln, sondern schafft auch die notwendige Transparenz der neuen „Spielregeln“ gegenüber den Bauherren. Wir laden alle ein, sich mit uns auf diesen neuen Weg zu begeben. Anderenfalls droht für entsprechende Gebiete ein Bebauungsplanverfahren mit Veränderungssperre. Dann kann erstmal gar nichts mehr passieren. Das können sich die wenigsten Bauherren erlauben.

Darüber hinaus ist eine Erhaltungssatzung in Arbeit. Wie ist hier der aktuelle Stand?

Ein Zwischenstand zur Erarbeitung konnte vor kurzem vom beauftragten Planungsbüro dem Stadtentwicklungsausschuss in nicht öffentlicher Sitzung vorgestellt werden. Nächste Etappe ist die Vorbereitung der Öffentlichkeitsbeteiligung zum dann vorliegenden Gesamtwerk, die im Herbst 2022 vorgesehen ist.

Und in welche Richtung geht es, wird es eine oder mehrere Erhaltungssatzungen für die Villengebiete Ober- und Niederlößnitz geben?

Es tendiert zu einer Satzung. Der Geltungsbereich wird allerdings wahrscheinlich etwas kleiner als das Untersuchungsgebiet sein.

In der kommenden Woche steht die turnusmäßige Wahl des Ersten Bürgermeisters an. Herr Müller, Sie haben sich erneut beworben. Welche Vorhaben möchten Sie gern nach einer Wiederwahl in den nächsten sieben Jahren umsetzen?

Unter anderem stehen die Fertigstellung des Sanierungsgebiets Radebeul-West und der Neubau der Oberschule Kötzschenbroda auf der Tagesordnung, wie auch die Sanierung der nächsten Abschnitte der Meißner Straße sowie die Neubauten für die Freiwillige Feuerwehr Radebeul-Ost und den Schulhort Oberlößnitz.

Und welche neuen Projekte möchten Sie gern anschieben?

Neu anschieben möchte ich gern zum Beispiel die Umgestaltung des Quartiers rund um Schloss Wackerbarth und die Entwicklung eines neuen Wohnquartiers auf dem ehemaligen Sportplatzgelände an der Kötitzer Straße. Bei letztgenanntem Projekt könnte sich maßgeblich unsere kommunale Wohnungsgesellschaft einbringen. Im Quartier um Schloss Wackerbarth geht es einerseits um eine Neuordnung der Wirtschaftsanlagen des Staatsweingutes in Richtung Mittlerer Bergstraße. Andererseits bietet sich südlich der Meißner Straße an, unter anderem das dort befindliche Gewerbe durch eine neue Verkehrsverbindung von der Cossebauder Straße aus zu erschließen. Auch sonst gibt es jede Menge zu tun. Packen wir es gemeinsam an.