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„Jedes Kind hat sein eigenes Entwicklungstempo"

Wenn Mädchen und Jungen im Vorschulalter Probleme bei der Sprache, Konzentration oder Motorik haben, bekommen sie in Radebeul Hilfe.

Anke Kern hilft Kindern durch gezielte Frühförderung bei ihrer Entwicklung. Damit der fünfjährige Jackson lernt, sich zu konzentrieren, muss er Farbsteine nach dem Muster, das die Heilpädagogin in der Hand hält, auf einem Spielbrett anordnen.
Anke Kern hilft Kindern durch gezielte Frühförderung bei ihrer Entwicklung. Damit der fünfjährige Jackson lernt, sich zu konzentrieren, muss er Farbsteine nach dem Muster, das die Heilpädagogin in der Hand hält, auf einem Spielbrett anordnen. © Norbert Millauer

Radebeul. Auf den ersten Blick wirkt das Spiel wie „Mensch ärgere dich nicht“. Jeweils vier Figuren in vier Farben sind auf dem Brett zu finden. Allerdings sind sie wild verstreut und der fünfjährige Jackson muss sie in die Ausgangssituation bringen. Die vier roten, grünen, lila und gelben Steine in eine der vier Ecken rücken.

Einfach anheben lassen sich die Figuren nicht. Sie müssen auf labyrinthisch verlaufenden Bahnen verschoben werden. Mitunter enden sie in einer Sackgasse oder es bedarf einer Drehscheibe, um die Strecke wechseln zu können. Damit der Junge die Steine einer Farbe in einer Ecke anordnen kann, muss er zunächst andere im Labyrinth aus dem Weg rücken. Das verlangt von dem kleinen Jackson Konzentration.

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Heilpädagogen und Therapeuten unter einem Dach

Genau diese sowie die visuelle Wahrnehmung wie das Erkennen der Grundfarben, die Merkfähigkeit und das logische Denken möchte Anke Kern bei dem Jungen spielerisch trainieren. Sie leitet seit Dezember vorigen Jahres das Förder- und Therapiezentrum des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) in Radebeul. Die Erzieherin mit langjähriger Berufserfahrung ist spezialisiert auf Heilpädagogik sowie Kunst- und Kreativtherapie. Außerdem absolviert sie derzeit eine berufsbegleitende Ausbildung zur Fachtherapeutin für systemische Kunsttherapie. Mit ihrem fünfköpfigen Team ist sie für Vorschulkinder da, die Schwierigkeiten mit der Motorik, der Wahrnehmung oder der Sprache haben oder sich schnell von anderen Einflüssen in ihrem Umfeld ablenken lassen, sich auf eine Sache nur schwer konzentrieren können.

Bewegungsprobleme hatte auch der kleine Jackson. Wenn er etwa mit Bauspielzeug eine Mutter auf eine Schraube drehen sollte, bewegte er den ganzen Arm statt mehr das Handgelenk zu benutzen. Einen Stift zum Malen nahm er gar nicht in die Hand, wie sein Vater berichtet. Zweimal die Woche sucht er mit seinem Sohn das Förder- und Therapiezentrum in der Meißner Straße 218 auf. Eine Stunde lang bekommt Jackson jeweils spielerisch eine Frühforderung. Seither malt und zeichnet er nicht nur während der Sitzungen, sondern auch zu Hause.

Hilfe bei Entwicklungsverzögerungen

Das ASB-Förder- und Therapiezentrum arbeitet auch im Lockdown. Nach Vereinbarung gibt es Termine in den hellen Räumlichkeiten, wo neben pädagogischem Spielzeug auch Sportgeräte für Bewegungsübungen wie Bankrutschen, Hoch- und Runterhüpfen oder Balancieren auf die jungen Klienten warten. Aber auch Hausbesuche sind möglich.

„Jedes Kind hat sein eigenes Entwicklungstempo“, berichtet Anke Kern. Das Wort Entwicklungsdefizite mag sie nicht. Gezielt und individuell werden die Kinnings vom Säuglings- bis zum Vorschulalter unterstützt, um den Anschluss an ihre Altersgruppe zu halten. Jede Mitarbeiterin des Zentrums betreut derzeit jeweils zwölf Kinder. Bei der Entwicklungsförderung arbeiten sie interdisziplinär. So sind Heilpädagogen, Ergo- und Sprachtherapeuten unter einem Dach vereint.

Das Einzugsgebiet der Radebeuler Frühförderstelle umfasst neben der Lößnitzstadt auch Coswig und Radeburg sowie Teile von Dresden, Klipphausen und Meißen. Im Jahr 1991 wurde sie beim Landratsamt Meißen gegründet, 1993 ging sie in die Trägerschaft des ASB über. Im Alter von null bis sieben Jahren wird Kindern dort geholfen. Oft suchen Eltern die Frühförderung nach der Schuleingangsuntersuchung auf. Besser wäre, wenn sie schon früher kämen, meint Kern. Wenn Entwicklungsverzögerungen zu beobachten sind, sollte die spielerische Hilfeleistung schon im Alter von drei Jahren beginnen.

Individueller Therapieplan für jedes Kind

Durch den langen und harten Lockdown sieht Kern mehr Arbeit auf ihr Förder- und Therapiezentrum zukommen. Während Kitas- und Schulen geschlossen blieben, gab es im vergangenen Januar viele Beratungsgespräche. Eltern hatten beispielsweise Probleme, Kinderbetreuung und Homeoffice unter einen Hut zu bekommen. „Und die Kinder waren von ihren Eltern überfordert“, sagt Kern.

Der erste Schritt für eine heilpädagogische Frühförderung ist eine Überweisung des Kinderarztes. Gemeinsam mit ihm wird ein Förder- und Behandlungsplan erstellt, der individuell auf das Kind ausgerichtet ist. Die heilpädagogische Frühförderung wird vom Sozialamt bezahlt. Die häufig mit beantragten medizinisch-therapeutischen Leistungen wie Logopädie und Ergotherapie trägt die Krankenkasse.

In der Förderstelle lernen nicht nur Kinder. Auch Eltern erhalten wertvolle Tipps. So gesteht Jacksons Vater, dass er früher manchmal etwas laut wurde, wenn sein lebhafter Junge beispielsweise unvermittelt ins elterliche Bett und damit auf ihn oder seine Frau mit voller Wucht sprang. „Ich habe gelernt, mein Kind besser zu verstehen“, sagt der junge Mann. Ruhig bleiben helfe. Er beobachtet, dass hauptsächlich Mütter ihre Kinder zu den Therapiesitzungen begleiten. „Es müssten mehr Väter dabei sein“, meint Jacksons Papa.

www.asb-dresden-kamenz.de/angebote-fuer-sie/foerder-und-therapiezentrum-radebeul

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