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Keine Amtsmüdigkeit nach 20 Jahren an der Stadtspitze

Bert Wendsche feiert rundes Dienstjubiläum als Oberbürgermeister von Radebeul. Im Interview spricht er über Erfolge, Niederlagen und große Projekte.

Bert Wendsche (parteilos) lenkt als Oberbürgermeister seit zwei Jahrzehnten die Geschicke der Stadt Radebeul. Kurz vor seinem Amtsjubiläum kündigte der 57-Jährige an, sich im nächsten Jahr zur Wiederwahl für eine vierte Amtszeit zu stellen.
Bert Wendsche (parteilos) lenkt als Oberbürgermeister seit zwei Jahrzehnten die Geschicke der Stadt Radebeul. Kurz vor seinem Amtsjubiläum kündigte der 57-Jährige an, sich im nächsten Jahr zur Wiederwahl für eine vierte Amtszeit zu stellen. © Arvid Müller

Herr OB Wendsche, seit 20 Jahren sind Sie Stadtoberhaupt von Radebeul. Sagen Sie eher, „Was für eine Ewigkeit“ oder „Wie schnell doch die Zeit vergeht“?

Eindeutig Letzteres, die Zeit verging und vergeht wie im Fluge. Jeden Tag stehen neue Projekte und neue Herausforderungen an.

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Was sind die großen Erfolge für die Stadt während Ihrer bereits drei Amtszeiten, auf die Sie gern zurückblicken?

Vor 20 Jahren drohte uns als Stadt eine Verschuldung von über 1.700 Euro pro Einwohner zu erdrücken. Eine Haushaltsnotlage stand bevor und die Kraft zum Investieren wurde immer kleiner. Gemeinsam – Rathausmannschaft, Stadtrat und die Menschen unserer Stadt – haben wir den Trend seitdem konsequent gedreht, Schulden abgebaut und unsere finanzielle Handlungsfähigkeit zurückerlangt. Das war und ist das Fundament all unserer Erfolge.

Auf welche Vorhaben sind Sie besonders stolz, weil Sie diese trotz Widrigkeiten oder harter Kämpfe, zum Beispiel um Fördermittel, haben umsetzen können?

Hier seien beispielhaft drei Projekte genannt. Das eine ist der Erhalt der Straßenbahn. Eigentlich war zu Beginn meiner ersten Amtszeit im Land schon entschieden, die Straßenbahn durch Busse zu ersetzen. Und auch im Stadtrat gab es erste Stimmen in diese Richtung. Gemeinsam mit Herrn Andreas Herr vom Landratsamt und dem damaligen Regierungspräsidenten, Herrn Dr. Henry Hasenpflug, konnten wir die Zweifler aller Ebenen jedoch überzeugen. Damit wurde eine unverzichtbare und ausstrahlende Basisinfrastruktur für die Stadt erhalten, so herausfordernd sie baulich auch ist.

Das Weingut Hoflößnitz hat sich zu einer Perle in den Weinbergen Radebeuls entwickelt.
Das Weingut Hoflößnitz hat sich zu einer Perle in den Weinbergen Radebeuls entwickelt. © Norbert Millauer

Als Zweites möchte ich den Bau der Schiffsmühlenbrücke nennen. Nach dem Hochwasser 2002, als unser größtes Gewerbegebiet in Radebeul-Naundorf nahezu abgeschnitten und damit bedroht war, waren unser damaliger Straßenbauchef, Herr Rainer Siebert, und ich uns einig, nur eine hochwassersichere Brücke mit Direktanbindung an die Meißner Straße ist eine Zukunftslösung. Auch hier wurden wir vom Land anfangs für verrückt erklärt. Nun geht es im kommenden Jahr mit dem Bauen los.

Und was ist das dritte Projekt?

Zu guter Letzt ist die Hoflößnitz zu erwähnen. Damals gab es einen Sanierungsstau an allen Ecken und Enden und finanziell war sowohl bei Stiftung als auch Weingut „Schmalhans Küchenmeister“. Auch hier wollten Zweifler sich zumindest vom Weingut trennen. Die Zeiten sind längst vorbei, die Hoflößnitz als Einheit von denkmalgeschütztem Ensemble, Sächsischem Weinbaumuseum und aktivem Bio-Weinbau hat sich zu einer beliebten Perle gemausert.

In 20 Jahren Amtszeit bleiben Niederlagen oder Fehlschläge nicht aus. Bei welchem Projekt bedauern Sie besonders, dass es nicht realisiert werden konnte?

Am bittersten war, und das schmerzt bis heute, das Nichtzustandekommen des Erwerbs des Bahnhofs Kötzschenbroda. Die Ruine wäre heute längst Geschichte. Doch der Erwerb wurde vehement torpediert, indem dies als „Orchideenpolitik“ abgetan und behauptet wurde, die Stadt bräuchte keinen weiteren Kulturbahnhof. Jahre später wurde dann zwar auch von den Zweiflern eine zukünftige kulturelle Nutzung bestätigt, doch die Chance war längst vertan. Chancen sind bekanntlich höchst scheue Wesen.

Die Stadt hat das Gespräch mit dem Eigentümer des Bahnhofgebäudes Kötzschenbroda gesucht, um unter anderem die Stadtbibliothek West dort unterzubringen. Wie stehen die Chancen hier zu einer Lösung?

Zurzeit ist da leider nichts abzusehen.

Für das Bahnhofgebäude in Radebeul-West zeichnet sich keine positive Entwicklung ab.
Für das Bahnhofgebäude in Radebeul-West zeichnet sich keine positive Entwicklung ab. © Norbert Millauer

Auf welche Erfahrung, die Sie als Oberbürgermeister machen mussten, hätten Sie gern verzichtet?

Ja, auch Wunden und Narben bleiben nicht aus. Nennen möchte ich hier die harte, teils böswillige Auseinandersetzung um die Kulturamtsleiterwahl. Bewerber, Menschen wurden öffentlich beschädigt. Im Nachgang bin ich weiterhin überzeugt, dass mein Widerspruch gegen die erste Wahl für die Stadt die richtige Entscheidung war.

Was ist die größte Herausforderung, vor der heute die Lößnitzstadt steht?

Die größte Herausforderung der kommenden Jahre ist aus meiner Sicht die demografische. Jedes Jahr erreichen in Sachsen doppelt so viele Menschen das Rentenalter, wie ins Berufsleben neu einsteigen. Dieser Trend geht auch an Radebeul nicht spurlos vorbei. Es muss uns gemeinsam gelingen, dennoch Wertschöpfung, Wohlstand und sozialen Ausgleich in unserer Stadt zu verbinden. Eine gigantische Aufgabe und nur im Miteinander lösbar.

Elbaufwärts muss beispielsweise die Stadt Pirna wegen der Coronakrise einen harten Sparkurs fahren. Wie haben Sie es geschafft, dass die Verwaltung in Radebeul bislang nicht weiter den Rotstift ansetzen muss?

Ich maße mir nicht an, andere Städte zu bewerten. Für uns gilt es jeden Tag aufs Neue zu verinnerlichen, dass wir Treuhänder der Bürger sind. Das erfordert Demut und die Selbstbeschränkung, nur das Geld auszugeben, was Bürger und Unternehmen als Treugeber zur Verfügung stellen. Gerade dies setzt jedoch immer wieder auch Kräfte der Kreativität frei. Die Basis ist realistisch Maß halten. Dies hat uns bisher gut durch die Zeit gebracht.

Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr kommt immer wieder die Frage, wann der Bau der langersehnten neuen Feuerwache in Ost beginnt. Können Sie den Kameraden einen Termin für den Baustart nennen?

Die Baugenehmigung ist erteilt, die Ausführungsplanung läuft und die Finanzierung ist gesichert. Jetzt sollten wir die Planer erst einmal in Ruhe arbeiten lassen. Ich verstehe die Ungeduld. Aber Ungeduld war noch nie ein guter Ratgeber.

Der Bismarckturm und das Spitzhaus sowie das Areal ringsum gelten als der Balkon Radebeuls. Dresdner und andere Touristen steuern mit ihren Fahrzeugen den beliebten Ausflugs- und Aussichtspunkt an. Die Situation mit dem Parken ist allerdings bescheiden. Wann kommt endlich der langersehnte Parkplatz?

Richtig, von den Wahnsdorfern, von den Gästen und auch von mir langersehnt. Aber vergessen wir nicht, dass es auch Zweifler gibt und die planerischen Herausforderungen an dieser sensiblen Stelle immens sind. Und mit den Grundstückseigentümern muss sich schließlich auch noch geeinigt werden, da verbieten sich öffentliche „Wasserstandsmeldungen“ derzeit von selbst.

Herr OB Wendsche, Sie stellen sich nächstes Jahr für eine weitere Amtszeit zur Wiederwahl. Was möchten Sie für Radebeul noch erreichen?

Ach da wäre so vieles zu nennen, Schulcampus Kötzschenbroda, Hort Oberlößnitz, die Umnutzung der Post Kötzschenbroda zur Musikschule, noch engere Zusammenarbeit mit unseren Nachbargemeinden, Fortsetzung der Sanierung der Meißner Straße ... Dabei sollten wir den Weg der soliden Beschränkung auf das Machbare auch in den nächsten Jahren weitergehen, damit Radebeul seine Attraktivität erhält. Daran möchte ich gern weiter mitwirken.

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Und bei welchen von Ihnen soeben aufgezählten Bauvorhaben möchten Sie als Stadtoberhaupt nach einem erfolgreichen Wiedereinzug ins Rathaus für weitere sieben Jahre die Einweihung feiern?

Möglichst bei allen, da mir alle diese Projekte am Herzen liegen und bereits auch viel Mühe drin steckt.

Das Interview führte Silvio Kuhnert.

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