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Radebeul bekommt ein neues Kino

Lichtspieltheater kamen und gingen in der Lößnitzstadt. Die kinolose Zeit dauert nun seit 2013 an. Der Kulturverein will jetzt einen Neuanfang wagen.

Björn Reinemer hat schon mal mit einem Beamer in einem der Kinosessel aus der Dresdner Schauburg im künftigen Kinoraum Platz genommen. Bald gesellt sich ein Filmprojektor zur Ausstattung des Lichtspielhauses hinzu.
Björn Reinemer hat schon mal mit einem Beamer in einem der Kinosessel aus der Dresdner Schauburg im künftigen Kinoraum Platz genommen. Bald gesellt sich ein Filmprojektor zur Ausstattung des Lichtspielhauses hinzu. © Arvid Müller

Radebeul. Rote Sessel aus der Dresdner Schauburg, Stühle aus dem Zentralwerk und bald gesellen sich noch Sitzmöbel aus dem Theater Junge Generation vom alten Standort in Dresden-Cotta hinzu. Auf dem ersten Blick wirkt der breite Flur im ehemaligen Bürokomplex der Firma Peters am Anfang der Meißner Straße wie ein Stuhllager. Doch die gepolsterten Kinosessel mit den herunterklappbaren Sitzen lassen bereits mit etwas Fantasie erahnen, was der Radebeuler Kulturverein hier plant: ein kleines Filmtheater.

"Zwischen 50 bis 60 Besucher finden hier Platz", sagt Björn Reinemer, Geschäftsführer des Kulturvereins. Der Verein ist noch relativ jung. Im kommenden Frühjahr begeht er sein zweijähriges Bestehen. Rund 40 Mitglieder zählt er. "Und ein Kino haben sich viele von ihnen gewünscht", berichtet der 33-Jährige.

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1993 schloss das letzte große Kino in Radebeul

Von einst vier Kinosälen blieb Ende der 1980er-Jahre nur das 1910 eröffnete Filmtheater "Union" im Bahnhofshotel in Radebeul-Ost übrig. Laut Stadtlexikon hieß es im Volksmund auch "Flohkiste" wegen der beschränkten Zahl an Sitzplätzen. Zudem diente es ab den 1960er-Jahren als Kinder- und Jugendfilmtheater. Reinemer kennt es noch aus frühen Kindheitsjahren. "Das Dschungelbuch habe ich dort gesehen", erinnert er sich.

Doch nach Wende und deutscher Wiedervereinigung kam bald das Aus für das Programmkino. Im Dezember 1993 ging das Licht aus, im Januar erfolgte der Abriss. Das benachbarte Eckhaus Haupt-, Sidonienstraße durfte noch bis Herbst 2011 stehen bleiben. Dann wich es dem heutigen Gebäudekomplex mit Geschäften, Arztpraxen, Büros, Rewe-Supermarkt und Parkhaus neben dem Kultur-Bahnhof. Ein Verein von Filmfreunden setzte den Spielbetrieb in der Großdiskothek Mega-Drome fort. Aber auch dort war im Dezember 1994 Schluss.

Durch das Tor an der Meißner Straße 21 müssen Filmfreunde gehen. Das neue Kino befindet sich in dem hinteren Gebäude auf der rechten Seite.
Durch das Tor an der Meißner Straße 21 müssen Filmfreunde gehen. Das neue Kino befindet sich in dem hinteren Gebäude auf der rechten Seite. © Arvid Müller

In Radebeul-West gab es das kleinste Kino der Welt

Auch an das Palastkino kann sich Reinemer noch erinnern. Er hat es selbst besucht. Als ein "spektakuläres Kapitel in der Radebeuler Kinogeschichte" bezeichnet die ehemalige Stadtgaleristin Karin Baum, was Ende Oktober 2006 im Erdgeschoss des Bahnhofsgebäudes Kötzschenbroda begann. Damals startete dort Johannes Gerhardt mit dem kleinsten Kino der Welt. Mit diesem Titel schaffte es der Kinobetreiber sogar zu einem Eintrag ins Guinness Buch der Rekorde. Denn im Kinosaal fanden nur neun Zuschauer einen Sitzplatz. 2013 musste das Kino schließen, weil der neue Eigentümer des Bahnhofgebäudes andere Pläne hatte. Seither steht der Backsteinbau leer. Über die Radebeuler Kinogeschichte sind von Karin Baum zwei ausführliche Beiträge im Monatsheft "Vorschau & Rückblick" im vorigen Jahr - März- und Juli-Ausgabe - erschienen.

Nun möchte der Kulturverein ein neues Kapitel aufschlagen. "Eigentlich wollten wir schon viel weiter sein", berichtet Reinemer. Aber bis zur Eröffnung und der ersten Vorstellung im kommenden Oktober ist ja noch reichlich Zeit für den Auf- und Umbau des kleinen und kompakten Programmkinos. Ein Podest, auf dem ausgediente Kinosessel der Schauburg stehen, gibt es bereits. Dieses soll dazu dienen, dass auch das Publikum auf den hinteren Sitzreihen einen freien Blick auf die Leinwand hat.

Neustart mit klassischem Filmprojektor

Neben einem Beamer bekommt der Kulturverein bald auch ein altes Filmabspielgerät. Das ist noch ein richtiger Projektor, mit dem man Filmrollen abspielen kann. Damit gibt es nicht nur Filmkost in digitaler Form über Laptop oder Computer, sondern ganz klassisch und analog von einem Bildstreifen. An den Filmprojektor kommt der Kulturverein über einen Dresdner Kinoverein heran. "Dieser hat rund 250 Filme auf Lager", informiert Reinemer. Die Filmrollen sind in den Jahren 1995 bis 2005 entstanden, die der Kulturverein in seinem Lichtspielhaus am Vereinssitz vorführen möchte. "Hinzukommen alte Filme und Kinderfilme", so Reinemer.

Der Auftakt ist am 28. Oktober dieses Jahres mit "Als Mensch ein Solist". Der Film handelt vom Jazzmusiker Günter Baby Sommer, der auch den Vorsitz des Kulturvereins innehat. Sommer ist an dem ersten Filmabend im neuen Radebeuler Kino für Gespräche vor Ort und wird selbst verständlich auch musizieren. Die Kombination von Film und Musik wird dann einmal im Monat fortgesetzt. So folgen in diesem Jahr noch Kinoabende am 25. November und 21. Dezember.

Ab Oktober 2021 ein Filmabend mit Musik pro Monat

Bislang ist nur einmal im Monat eine Veranstaltung geplant. Dies ist dem Umstand geschuldet, dass das Kino von einem Verein geführt wird, sprich in der Freizeit ihrer Mitglieder. Ein Dauerspielbetrieb ist so nicht möglich. Laut Reinemer ist der Kulturverein für Kooperationen mit anderen Vereinen und Einrichtungen offen, die den keinen Saal und die Filmtechnik für weitere Kinoabende nutzen.

Eine Zusammenarbeit ist der Kulturverein bereits im vergangenen Jahr mit der Sternwarte eingegangen. Unter dem Titel "Traumfabrik" gab es dort vier Filmabende. "Das Sommerkino wurde ziemlich gut angenommen", sagt Reinemer. Daher gibt es 2021 eine Fortsetzung. Des Weiteren bringt die Stadtbibliothek mit ihrem Literaturkino im Kultur-Bahnhof regelmäßig Filme zum Flimmern. Zu einer festen Institution hat sich außerdem das Freilichtkino im Bilzbad entwickelt.

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Mit allen vier Kinoakteuren in Radebeul hat der Kulturverein einen Flyer mit allen Terminen in diesem Jahr herausgebracht. Gestaltet hat diesen der Künstler Manuel Frolick. Dies soll zu einer jährlichen Tradition werden. Immer ein neuer Künstler legt bei dem Programmflyer kreativ Hand an.

www.radebeuler-kultur.de

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