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Ein Pflegeheim für Igel

Die Igelhilfe Radebeul hat ein neues Gehege gebaut. Das ist nicht die einzige Baustelle, da die Zahl der kranken und verletzten Stachler wächst.

Nur schnüffelnd kann sich der Igel durch Geruch in seiner Umwelt orientieren, denn er ist blind.
Nur schnüffelnd kann sich der Igel durch Geruch in seiner Umwelt orientieren, denn er ist blind. © Arvid Müller

Radebeul. An jedem Häuschen und jeder Pflanze schnüffelnd erkunden die beiden Stachler Uli und Flips ihr neues Gehege in Radebeul-Lindenau. An Fressnäpfen mit fetten Maden stärken sich die Igel, an den zahlreichen Wassernäpfen nehmen sie ein Schluck erfrischendes Nass. Auf ihrem Streifzug zeigen sie keine Scheu vor Menschen. Füße und Schuhe werden intensiv beschnuppert.

„Uli und Flips sind blind“, sagt Katrin Westerhausen. Bei der Igelhilfe Radebeul haben beide ein Obdach gefunden. Dass sie nichts sehen können, ist daran zu erkennen, dass beide am hellerlichten Tag bei Sonnenschein durch das Gehege an der Ecke Rietschkegrund, Steinbergweg streifen. Normalerweise sind Braunbrustigel, so der eigentliche Name der in unseren Breiten vertretenen Säugetierart, nachtaktiv. „Tagsüber verlassen sie ihren Bau nur, wenn sie sehr durstig, hungrig oder blind sind“, informiert Westerhausen. In der Wildnis hätten die Stachler kaum Überlebenschancen und würden vermutlich von Autos überfahren werden. Uli lief mittags auf einer Straße herum, als er aufgegriffen und zur Igelhilfe gebracht wurde.

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Igelfreundin Katrin Westerhausen hat für Uli und andere pflegebedürftige Stachler ein neues Freigehege gebaut.
Igelfreundin Katrin Westerhausen hat für Uli und andere pflegebedürftige Stachler ein neues Freigehege gebaut. © Arvid Müller

Das rund 400 Quadratmeter große Freilandgehege teilen sich die beiden blinden Igel mit neun weiteren Vertretern ihrer Art. Darunter ist eine Igeldame, die kaum Stacheln hat und somit Gefahr läuft, gefressen zu werden. Denn sie ist wehrlos, wenn sie sich zusammenrollt. „Das Gehege ist unser Alten- und Pflegeheim. Hier kommen Igel hinein, die wir nicht wieder auswildern können“, berichtet Westerhausen.

Pflegestation für kranke und verletzte Igel

Ein halbhoher Bonanzazaun aus Querlatten umgibt das Areal, das nur wenige Meter von der eigentlichen Igelstation, Steinbergweg 30, entfernt liegt. Seit fünf Jahren besteht die Igelhilfe Radebeul, ein Teil der Arbeitsgruppe „Wildtiere in Not“ beim Nabu Dresden. Gegründet hat den Verein Cornelia Schicke und ihr Gartengrundstück dient als Kranken- und Pflegestation für kranke und verletzte Igel. Das Freigehege dort ist in die Jahre gekommen und liegt auf einem abschüssigen Gelände. Bevor es neu gestaltet werden kann, musste ein neues Heim für die behinderten Stacheltiere her.

In dem Gehege stehen zahlreiche Häuschen zum Verstecken.
In dem Gehege stehen zahlreiche Häuschen zum Verstecken. © Arvid Müller

Unterstützung bekamen die über 20 ehrenamtlichen Igelhelfer von Freigängern der Justizvollzugsanstalt Zeithain. Diese bauten unter anderem den Holzzaun mit Gittern auf der Innenseite auf. Im April gingen die Arbeiten los, Ende Mai war das neue Gehege fertig.„Hier standen nur Bäume“, sagt Westerhausen, die die Bauarbeiten leitet. Nun gibt es zahlreiche Holzhäuschen dort, in die sich die Igel sich zum Schlafen zurückziehen können. Etliche Schalen mit Wasser stehen auf dem Gelände. „Im Sommer werden oft Igel zu uns gebracht, die dehydriert sind“, berichtet Westerhausen. Wenn Garten- und Grundstücksbesitzer ebenfalls Wassernäpfe bei sich aufstellen, kann dies gegen Flüssigkeitsmangel bei Igeln und anderen Tieren helfen.

Rund 1.000 Igel im vorigen Jahr geholfen

Auf dem Areal haben die Igelfreunde Stauden, Farne und Blumen gepflanzt. „Alles wird bald buschig und überhängend sein“, erläutert Westerhausen, die seit 2018 Igelhelferin ist. So finden ihre Schützlinge Verstecke, wo sie sich verkriechen können, wenn beispielsweise Gefahr von oben durch Greifvögel wie dem Uhu droht. Damit alles wächst und gedeiht, schleppte Westerhaussen allein am Donnerstag Kannen mit Wasser zum Gießen. 600 Liter hat sie insgesamt getragen. Nun hat sie sich einen 50 Meter langen Gartenschlauch organisiert, was das Wässern erleichtert.

In dem neuen Gehege fühlen sich Uli, Flips und weitere Stacheltiere wohl. Ein paar Igelimpressionen.
In dem neuen Gehege fühlen sich Uli, Flips und weitere Stacheltiere wohl. Ein paar Igelimpressionen. © Arvid Müller
In dem neuen Gehege fühlen sich Uli, Flips und weitere Stacheltiere wohl. Ein paar Igelimpressionen.
In dem neuen Gehege fühlen sich Uli, Flips und weitere Stacheltiere wohl. Ein paar Igelimpressionen. © Arvid Müller
In dem neuen Gehege fühlen sich Uli, Flips und weitere Stacheltiere wohl. Ein paar Igelimpressionen.
In dem neuen Gehege fühlen sich Uli, Flips und weitere Stacheltiere wohl. Ein paar Igelimpressionen. © Arvid Müller
In dem neuen Gehege fühlen sich Uli, Flips und weitere Stacheltiere wohl. Ein paar Igelimpressionen.
In dem neuen Gehege fühlen sich Uli, Flips und weitere Stacheltiere wohl. Ein paar Igelimpressionen. © Arvid Müller
In dem neuen Gehege fühlen sich Uli, Flips und weitere Stacheltiere wohl. Ein paar Igelimpressionen.
In dem neuen Gehege fühlen sich Uli, Flips und weitere Stacheltiere wohl. Ein paar Igelimpressionen. © Arvid Müller

Geld- und vor allem Materialspenden sowie viel Eigenleistung machen die Bauarbeiten bei der Igelhilfe erst möglich. Gebrauchte Pflanzsteine stapeln sich schon dort. Diese hat ein Helfer in Hainichen besorgt. Mit diesen und viel Muttererde werden auf dem Areal des alten Freigeheges Terrassen angelegt, auf denen sechs oder mehr voliereartige Käfige ebenerdig platziert werden können. Dort kommen kranke Igel zum Aufpeppen hinein. „Die Gittergatter sind begehbar und lassen sich leichter händeln“, so Westerhausen. Denn zu Stoßzeiten sind zwischen 6 und 22 Uhr immer Helfer dabei, Igel zu versorgen. Im Jahr 2018 behandelten sie rund 600 Tiere, 2019 waren es 800 und im vorigen Jahr 1.000.

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