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Radebeul führt Expertenrat für Neubauten ein

Architekten, Landschafts- und Stadtplaner sollen künftig angehört werden, welche Bauvorhaben in die Villengebiete passen.

Das Mehrfamilienhaus August-Bebel-Straße 55 (l.) ist fertig gebaut. Die Größe des Gebäudes stieß auf Protest.
Das Mehrfamilienhaus August-Bebel-Straße 55 (l.) ist fertig gebaut. Die Größe des Gebäudes stieß auf Protest. © Norbert Millauer

Radebeul. Neubauprojekte sorgen in jüngster Zeit immer wieder für Diskussionen und zu Protest in Radebeul. Aufgrund ihrer Größe und der überbauten Fläche, die neue Mehrfamilienhäuser vor allem in den Villengebieten nördlich der Meißner Straße, wie beispielsweise am Augustusweg und der August-Bebel-Straße, in Anspruch nehmen, werfen immer wieder die Frage auf, welche Architektur zur Lößnitzstadt passt und wie der Charakter einer Garten- und Villenstadt bewahrt werden kann.

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„Eine bauästhetische Entwicklung liegt uns allen am Herzen“, sagte Oberbürgermeister Bert Wendsche (parteilos) zu Beginn der ersten Stadtratssitzung nach der Sommerpause. Auf dieser beschlossen die Räte, ein neues Instrument einzuführen, um auf das private Baugeschehen Einfluss zu nehmen. Die Lößnitzstadt führt ein Gestaltungsforum ein, das im nächsten Jahr seine Arbeit aufnimmt.

Fünf Beiratsmitglieder mit Stimmrecht

Diesem Gremium sollen Baupläne für Vorhaben in den Villenvierteln Nieder- und Oberlößnitz vorgelegt werden, die nach Lage, Umfeld, Größe, Nutzung und Ensemblewirkung für das Stadtbild und für den Freiraum prägend sind und hinsichtlich der architektonischen und städtebaulichen Gestaltung Fragen aufwerfen. Konkret ist die Meinung des Forums zu Gebäuden ab vier Wohnungen, Gewerbeobjekten sowie vorhabenbezogenen Bebauungsplänen gefragt. Im vorigen Jahr gab es insgesamt zwölf Bauvoranfragen und Bauanträge, in diesem bislang eine Genehmigung, die die Stadt dem Gestaltungsforum zur Stellungnahme vorgelegt hätte, wenn dieser Beirat bereits bestehen würde.

Auch das neue Wohnhaus Augustusweg 78 ist umstritten. Als die Pläne dafür im Jahr 2019 bekannt wurden, riefen Anrainer die Bürgerinitiative „Rettet unsere Gartenstadt“ ins Leben.
Auch das neue Wohnhaus Augustusweg 78 ist umstritten. Als die Pläne dafür im Jahr 2019 bekannt wurden, riefen Anrainer die Bürgerinitiative „Rettet unsere Gartenstadt“ ins Leben. © Norbert Millauer

Fünf stimmberechtigte Mitglieder gehören dem Gremium an. Sie sind in den Fachgebieten Städtebau, Architektur und Landschaftsplanung tätig. „Wir werden das Gestaltungsforum aus Experten zusammensetzen, die in Radebeul weder ihren Wohnsitz noch ihre Arbeitsstätte haben“, informierte Baubürgermeister Jörg Müller (parteilos). Damit will die Stadt sicherstellen, dass die Fachleute unabhängig, überparteilich und sachbezogen arbeiten. Mit dem Blick von außen soll sich dieser Expertenrat mit Gestaltungsfragen beschäftigen. Vier Mitglieder werden von der Stadt berufen, eines durch den Verein für Denkmalpflege und neues Bauen. Zwei sachkundige Einwohner aus Radebeul ohne Stimmrecht komplettieren das Forum.

Zwei Jahre Probezeit

„Das Expertengremium hat nur eine beratende Funktion. Es spricht Empfehlungen für die Verwaltung aus. Der Stadtrat entscheidet, wie mit diesen umgegangen wird“, berichtete Müller. Für Honorare stellt die Stadt im Haushalt jährlich 25.000 Euro bereit. Das Forum soll zunächst zwei Jahre arbeiten, danach erfolgt eine Auswertung.

Laut Müller haben deutschlandweit 130 Kommunen solch einen Gestaltungsbeirat bisher eingeführt. In Ostdeutschland sind es zwölf. Und in Sachsen haben derzeit nur Dresden und Leipzig solch ein Forum.

„Wir halten den Versuch für lohnenswert, um zu schauen, ob er positive Ergebnisse bringt“, sagte Thomas Gey, Vizechef des Fraktionsbündnisses Bürgerforum/Grüne/SPD. Er hofft, dass viele Bauwillige den Expertenrat in Anspruch nehmen. Die Lößnitzstadt kann Bauherren und ihre Architekten nicht dazu verdonnern, ihre Baupläne dem Gestaltungsforum vorzulegen. Ihre Mitarbeit geschieht auf freiwilliger Basis.

Reaktion auf Offenen Brief

„Wir begrüßen die Initiative“ sagte CDU-Stadtrat Jens Baumann. Es ist die Aufgabe des Stadtrates, darauf einzugehen, was die Experten sagen. Baumann steht dem Verein für Denkmalpflege und neues Bauen vor. In einem Offenen Brief hatte der Denkmalverein im Winter dieses Jahres unter anderem das Einführen eines Gestaltungsbeirates gefordert.

„Wir erwarten eine Sensibilisierung beim Bauen in Radebeul“, so AfD-Stadtrat Detlev Spangenberg, der sich nach der Arbeitsweise erkundigte. So dauert eine Sitzung des Gestaltungsforums vom Morgen bis in die Abendstunden. Sie beginnt mit Ortsbegehungen, Vorstellen der einzelnen Bauprojekte und anschließender Diskussion, antwortete Baubürgermeister Müller.

Zustimmung für das Gestaltungsforum kam auch von den Freien Wählern (FW). „Wir freuen uns über den Versuch und erhoffen uns eine Vorbildfunktion einzelner Projekte für andere“, sagte FW-Stadtrat Hans Kraske.

Und Ratskollege Johannes Domasch (FDP) ergänzte: „Jeder Erkenntniszuwachs durch Fremdexpertise kann nur ein Gewinn sein.“

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