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Radebeuler Stadtverwaltung gendert nicht

Bei der geschlechtergerechten Schreibung werden die weibliche und männliche Form in einem Wort verschmolzen. Die Stadt Radebeul sucht eine andere Lösung.

Eine Formulierung in gendergerechter Sprache wie „Mitarbeiter*innen“ verwenden die Mitarbeiter im Radebeuler Rathaus nicht. Sie halten sich an die Vorgaben des Rats für deutsche Rechtschreibung.
Eine Formulierung in gendergerechter Sprache wie „Mitarbeiter*innen“ verwenden die Mitarbeiter im Radebeuler Rathaus nicht. Sie halten sich an die Vorgaben des Rats für deutsche Rechtschreibung. © Sebastian Gollnow/dpa

Radebeul. Wie soll die Radebeuler Stadtverwaltung ihre Einwohner in öffentlichen Schreiben ansprechen? Bürgerinnen und Bürger, BürgerInnen, Bürger/-innen, Bürger*innen, Bürger:innen oder Bürger_innen? All diese Schreibweisen sind bei einer sogenannten geschlechtergerechten, gendergerechten, Sprache möglich. Jedoch Sonderzeichen, Schrägstrich oder Großbuchstaben mitten im Wort lassen sich in amtlichen Schriftstücken nicht finden. „Wir halten uns an die Regeln des Rats für deutsche Rechtschreibung und diese sehen keine Gendersprache vor“, stellt Oberbürgermeister Bert Wendsche (parteilos) klar.

Seit 25 Jahren sei nicht mehr der Duden maßgeblich, sondern jener Rat gibt vor, wie ein Wort geschrieben wird. „Sein Regelwerk bildet damit gleichsam den ‚Urmeter‘ der deutschen Rechtschreibung“, so Wendsche. Und diese Vorgaben bilden wiederum die Basis für das Handbuch der Rechtsförmlichkeit des Bundesjustizministeriums, an das sich die Stadtverwaltung ebenfalls hält.

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Danach sollen Schreiben aus dem Rathaus sachlich korrekt, verständlich und lesbar sein. „Die Mitarbeiter sind daher gehalten, im Sinne der Verständlichkeit und Lesbarkeit auf die Verwendung von Sternchen, Unterstrichen und das Binnen-I zu verzichten“, informiert Wendsche.

Verwaltung nutzt neutrale Begriffe

In Schriftstücken, in denen keine Einwohner konkret angesprochen werden, ist die Verwaltung bemüht, neutrale Formen wie Bürgerschaft zu verwenden. Spricht sie die Einwohner dagegen konkret an, nutzt sie sowohl die weibliche als auch die männliche Form, wie beispielsweise Bürgerinnen und Bürger. Ist ein Brief an eine Einzelperson gerichtet, ist deren Geschlecht maßgebend, ob die feminine oder maskuline Form eines Wortes angewandt wird. „Im Regelfall versuchen wir, neutral zu bleiben“, sagt Wendsche.

das Historische Rathaus der Lößnitzstadt steht im Zentrum von Radebeul-Ost.
das Historische Rathaus der Lößnitzstadt steht im Zentrum von Radebeul-Ost. © Arvid Müller

Das Stadtoberhaupt erteilte damit einem Antrag der AfD-Stadtratsfraktion eine Absage. Denn in Sachen geschlechtergerechte Sprache gibt es in seinem Haus klare Regeln. „Ich sehe keine Notwendigkeit für einen Beschluss“, sagte Wendsche.

Die sechs AfD-Stadträte wollten die Rathausmitarbeiter ausdrücklich dazu verdonnern, keine gendergerechte Sprache in allen Veröffentlichungen und Druckerzeugnissen sowie Formularen zu verwenden. „Uns geht es um eine Sensibilisierung für das Kulturgut Sprache“, sagte AfD-Stadtrat Detlev Spangenberg, als er den Antrag auf der jüngsten Sitzung des Stadtparlaments begründete.

Umständliche Ausdrucksweise meinen Kritiker

Gleichzeitig wetterte er gegen einen aggressiven Feminismus, der sich als Extremform aus den Frauen- und Gleichberechtigungsbewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts entwickelt habe und einen Geschlechterkampf führe. Den Feminismus macht er für die gendergerechte Sprache und deren Debatte darüber verantwortlich. Es handle sich um eine Ideologie und eine umständliche Ausdrucksweise, die die Lesbarkeit von Texten nicht verbessere. „Die Gendersprache ist aufgesetzt und hat sich nicht natürlich entwickelt“, meint Spangenberg.

Der AfD-Antrag fand keine Mehrheit, weil das Gros der Stadträte die Meinung des Stadtoberhauptes teilte, dass kein Regelungsbedarf besteht. „Wir sollten keine Zeit damit verschwenden, Debatten über Sprache zu führen“, sagte Albrecht Bolza-Schünemann (Bürgerforum/Grüne/SPD).

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Ilka Petzold (Freie Wähler) erinnerte daran, dass die Diskussion über gendergerechte Sprache nicht nur in Radebeul hitzig geführt werde. „Humorlose und bittere Grabenkämpfe, die dazu dienen, Andersdenkende zu diskreditieren, bringen uns nicht weiter“, sagte Petzold und appellierte für Sachpolitik statt Symbolpolitik.

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