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Schöne und hässliche Seiten eines Wortes

Über den Begriff Mohr und seine heutige Verwendung haben Radebeuler diskutiert. Die Standpunkte sind konträr.

Im Kultur-Bahnhof wurden Pro- und Contra-Argumente zu einer Umbenennung von Mohrenhaus und Mohrenstraße ausgetauscht.
Im Kultur-Bahnhof wurden Pro- und Contra-Argumente zu einer Umbenennung von Mohrenhaus und Mohrenstraße ausgetauscht. © Arvid Müller

Radebeul. Der Brief mit der Forderung zur Namensänderung von Mohrenhaus und Mohrenstraße einer Gruppe Jugendlicher sorgte Anfang dieses Jahres in Radebeul für hitzige Diskussionen. Dies war auch das Ziel der rund ein Dutzend Schüler von der Initiative „Rassismus ist keine Alternative“ (Rika). Sie wünschen sich eine Auseinandersetzung über den Kolonialismus und dessen Folgen bis heute. „Uns geht es um einen angemessenen Umgang mit rassistischer und potenziell-rassistischer Vergangenheit auf regionaler Ebene“, sagte ein Vertreter der Gruppe am Mittwochabend im Kultur-Bahnhof.

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Dorthin hatten die beiden sachkundigen Einwohner des Bildungs-, Kultur- und Sozialausschusses, Anka Singer und Thomas Bürger, zu einem Bürgerdialog eingeladen. Denn bislang fand der Austausch der Pro- und Contra-Argumente pandemiebedingt vor allem in Internetkanälen statt. Um ins persönliche Gespräch zu kommen, wurde die Veranstaltung initiiert. Rund 40 Interessenten sind gekommen. Von ihnen konnte jeder, der wollte, seinen Standpunkt vortragen. „Wenn man hinter die Oberfläche schaut, ist dieses Thema komplexer. Bei dem Begriff Mohr gibt es eine schöne und eine hässliche Seite“, meinte Thomas Bürger.

Heiliger und Schutzpatron

Auf positiv besetzte Inhalte wies beispielsweise CDU-Stadtrat Sven Eppinger hin. Es gibt Mohrendarstellungen auf Stadtwappen und in Kirchen, wie im Magdeburger Dom. Diese stellen den Heiligen Mauritius dar. „Er hat im 3. Jahrhundert gelebt. Mit seiner Legion sollte er Christen umbringen. Sie weigerten sich jedoch, den Befehl auszuführen“, so Eppinger. Mauritius und seine Legionäre fanden den Tod und werden als Märtyrer verehrt. Kaiser Otto I. erklärte diesen zu seinem Schutzpatron.

Auch in der Bezeichnung Mohrenapotheke ist der Begriff positiv gemeint, und zwar anerkennend und wertschätzend für den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt des maurischen Spaniens im Mittelalter. Während der Blütezeit von al-Andalus lebten Muslime, Christen und Juden in einer toleranten Gesellschaft friedlich zusammen. Mit ihren Kenntnissen auf den Gebieten der Mathematik, Kunst und Literatur sowie vor allem der Medizin und Heilkunde waren sie damals dem restlichen Europa weit voraus und beeinflussten beispielsweise die Entwicklung der Pharmazie maßgeblich. Diesen Kontext hob AfD-Stadtrat Johannes Albert hervor.

Ein Vertreter von Rika argumentierte, dass die positive Bedeutung wie bei Mohrenapotheke nur bis ins 16. Jahrhundert Verwendung fand, danach habe sich die Wortbedeutung gewandelt.

Name Mohrenhaus stammt aus vorkolonialer Zeit

Als Kind verband Diskussionsleiter Thomas Bürger auch schöne Assoziationen bei dem Wort Mohrenkopf, was ein Gebäck bezeichnete. Zur Einleitung nahm er die Anwesenden in einem kurzen Vortrag durch die Kolonialgeschichte und die Darstellung von Mohren in der Kunst mit. Er erinnerte daran, dass dies der Name für dunkelhäutige Menschen bis ins 19. Jahrhundert hinein war. Die Bezeichnung Mohrenhaus ist urkundlich erstmals vor 200 Jahren belegt. Der Name für das Weingut stamme aus der vorkolonialen Zeit. „Er steht im Kontext des Umgangs mit dem Fremden und Exotischen, also der Beschäftigung mit Amerika, Orient und Afrika und den dort vorhandenen Luxusgütern wie Wein, Gold und Gewürzen“, so Bürger.

Über dem Ostportal des Mohrenhaus gibt es aus dem Jahr 1911 ein Relief, dass zwei Mohrenfiguren und ein Wappen zeigt.
Über dem Ostportal des Mohrenhaus gibt es aus dem Jahr 1911 ein Relief, dass zwei Mohrenfiguren und ein Wappen zeigt. © Arvid Müller

Bei dem Umbau zu der heutigen schlossartigen Villa wurde über dem Ostportal des Mohrenhauses 1911 ein Relief angebracht. Es zeigt zwei Mohrenfiguren, die ein Wappen tragen. Diese Darstellung stehe in einer langen europäischen Bildtradition. „Sie können keinen Künstler finden, der nicht Mohren gemalt oder gestaltet hat“, führte Bürger weiter aus.

Begriffsbedeutung hat sich gewandelt

Die Darstellung stehe aber auch in dem Kontext der Unterwerfung fremder Länder und ihrer Menschen. Zu dieser Zeit besaß das Deutsche Reich Kolonien in Afrika und in der Südsee. Unternehmen, beispielsweise wie Pfunds Molkerei, machten damals Reklame mit Kolonialbildern, auf denen Schwarze als grausame, unzivilisierte und barbarische Wilde dargestellt wurden. Es gab zudem Völkerschauen, bei denen Menschen wie in einem Zoo präsentiert wurden. Bürger empfahl einen Blick in Grimms Wörterbuch, das digital im Internet steht. „Dort finden sie wenig Schönes. Die Verwendung des Begriffs vom 17. bis 19. Jahrhundert ist ziemlich unangenehm und herabwürdigend“, so Bürger.

Ein junger Mann empfindet die Mohrendarstellungen als rassistisch, weil aus einer Vielzahl von Individuen ein Bild herausgequetscht wird. „Kleine, nackte, dickliche und in fellgekleidete Menschen werden beispielhaft als Mohr präsentiert“, lautete sein Diskussionsbeitrag.

Ein älterer Herr meinte dagegen, dass es wichtigere Dinge gibt, als über solch eine Nebensächlichkeit zu diskutieren. Er hat einmal in einem Telefonbuch aus dem Jahr 2010 für Dresden und Umgebung nachgeschlagen: „Ich habe 30 Personen gefunden, die Mohr heißen. Sollen sie alle zum Standesamt gehen und ihren Namen ändern?“, fragte er in die Runde. Er machte zudem keinen Hehl daraus, dass es seines Erachtens nach verschiedene Menschenrassen gebe, was bei den anderen Anwesenden für Kopfschütteln sorgte.

Kein offizieller Name für Gebäude

SPD-Stadtrat Thomas Gey informierte, dass der Name Mohrenhaus keine offizielle Bezeichnung des Gebäudes sei. Formal gesehen habe das Stadtparlament somit keine Umbenennung vorzunehmen.

Für Thomas Bürger ist die offene Frage, ob Straßennamen der Wertschätzung und Erinnerungskultur dienen sollen: „Erinnern wir mit ihnen an verdiente Personen und gesellschaftliche Ereignisse, oder soll man es riskieren, dass Namen Missverständnisse transportieren oder heute, beabsichtigt oder unbeabsichtigt, andere beleidigen?“

Der Radebeuler Historiker Frank Andert hat das Dokument vom 19. Juli 1821 entdeckt, in dem bislang erstmals das Wort Mohrenhaus verwendet wurde. Er hat eine Vermutung, wie der Straßenzug zu seinem Namen kam. Bis 1912 verlief dort nur ein Weg. Dann ergab sich jedoch die Notwendigkeit des Ausbaus zu einer Straße und das Mohrenhaus stand Pate für die Benennung. „Der Straßenname ist nicht schützenswert, er hat keine historische Relevanz“, so Andert und fragt: „Was löst eine Umbenennung beim heutigen Rassismusproblem?“

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CDU-Stadtrat Eppinger befürchtet, dass mit einer Namensänderung die Büchse der Pandora geöffnet wird. Denn es gebe weitere Straßennamen in Radebeul, an dem der ein oder andere Anstoß nehme. Er erinnerte daran, dass es seit der Rückbenennung des Dr.-Salvador-Allende-Platzes in Hörningplatz im Jahr 1999 es Konsens im Stadtrat sei, keine Umbenennungen von Straßen und Plätzen vorzunehmen.

Die Diskussion wird fortgeführt, ein weiterer Bürgerdialog folgt.

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