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Radebeul: Stolpersteine für die Familien Wach und Schaye

In Radebeul erinnern Denkmäler an ehemalige Einwohner, die in der NS-Zeit als "jüdisch" und "jüdisch versippt" diffamiert und verfolgt wurden.

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Vor dem Wohnhaus Augustusweg 1 wurden die Stolpersteine für Wilhelm und dessen Frau Gertrud Schaye verlegt.
Vor dem Wohnhaus Augustusweg 1 wurden die Stolpersteine für Wilhelm und dessen Frau Gertrud Schaye verlegt. © Arvid Müller

Radebeul. Fünf weitere Stolpersteine erinnern an das Schicksal jüdischer Mitbürger in Radebeul, die während der Nazizeit verfolgt und entrechtet wurden. Im Jahr 1942 störte sich der damalige Oberbürgermeister der Lößnitzstadt, Heinrich Severit (NSDAP) daran, dass sich in der Grabstätte Karl Mays die Leiche eines Halbjuden liege. Wie muss es dann lebenden Menschen dieses Glaubens ergangen sein?

Seit 2005 erinnern fünf Stolpersteine an das Schicksal der Familie Freund vor dem Wettin-Haus an der Moritzburger Straße, die in Auschwitz beziehungsweise Theresienstadt ermordet wurde. Die Idee zu diesen Denkmälern stammt von dem Künstler Gunter Demnig, der seit 1996 „Stolpersteine“ in verschiedenen Städten verlegt. In Radebeul nahm die AG Geschichte um Thomas Berndt und den promovierten Historiker Daniel Ristau die Idee auf. In Kooperation mit einem Schülerprojekt des Lößnitzgymnasiums und der Kinderarche Sachsen gehen sie Einzelschicksalen nach.

Die Kosten von 120 Euro pro Stein stammen aus Spenden. Der Radebeuler Stadtrat gab im Dezember 2022 den Startschuss für die weitere Umsetzung, die allerdings erst am Montagnachmittag erfolgen konnte. Die Verzögerung ist den langwierigen biografischen Recherchen geschuldet.

Als jüdisch diffamiert

Erinnert wird an Familie Schaye: Ida, Jahrgang 1871, als „Jüdin“ gesehen, wurde am 24. Dezember 1942 in Theresienstadt ermordet. Bis zu ihrer Deportation lebte und arbeitete sie in der Meißner Straße 152. Das ist heute die Adresse der Landesbühnen Sachsen. Der an sie erinnernde Stolperstein wurde daher vor der „Goldenen Weintraube“ verlegt. Idas Sohn Wilhelm, „Jude“ und dessen Frau Gertrud, „jüdisch versippt“, lebten auf dem Augustusweg 1. Dort erinnern zwei Stolpersteine an die beiden. Wilhelm war in sogenannter Schutzhaft in Buchenwald und verrichtete Zwangsarbeit in Dresden. Er überlebte, ebenso wie seine Frau Gertrud, die als „jüdisch versippt“ weniger erdulden musste, jedoch ihrem Mann die Treue hielt.

Erinnert wird auch an Katharine und Felix Wach. Katharine Wach, Jahrgang 1876, eine gebürtige von Mendelssohn-Bartholdy, wurde 1933, obwohl evangelisch getauft, als „jüdisch“ definiert. Nach der Enteignung des Grundstücks am Augustusweg musste sie mit ihrem Mann nach Dresden umziehen. Dort starb 1943 ihr Mann Felix. Dieser, ein evangelischer Beamter, als „jüdischer Mischling 2. Grades“ angesehen, wurde weniger drangsaliert als die „Volljuden“. Mit der Machtergreifung der Nazis 1933 wurde er lediglich zwangspensioniert. Seine Frau war damit geschützt.

Doch mit Felix‘ Tod wurde Katharine 1944 ins Ghetto Theresienstadt deportiert, kurz darauf kam sie ins Internierungslager Liebenau. Im Zuge eines „Einzelaustauschs“ konnte sie zunächst nach Schweden emigrieren und ging im Herbst 1945 in die Schweiz, wo sie 1956 starb. Auch Tochter Susanne, verheiratete Heigl, wurde in Liebenau interniert, doch sie überlebte. Ihre Brüder Joachim und Hugo wurden entrechtet und verfolgt, konnten aber ebenfalls entkommen.

Erst einmal Übergabe, Verlegung erfolgt später

In der „Villa Wach“ hat die Kinderarche heute ihre Geschäftsstelle. Die Übergabe der Stolpersteine erfolgte dort nur symbolisch. Verlegt werden sie nach Fertigstellung des neuen Ortsgebäudes, was Ende 2027 oder Anfang 2028 der Fall sein soll.

In der „Arbeitsgemeinschaft (AG) Geschichte Radebeul“ haben sich 2021 Bürgerinnen und Bürger sowie Angehörige der Verwaltung (Kulturamt, Stadtarchiv) zusammen geschlossen, um im Sinne einer lebendigen Erinnerungskultur Forschung und Wissensvermittlung zu lokalen Ereignissen des letzten Jahrhunderts zu unterstützen sowie Gedenkveranstaltungen zu organisieren. Im Mittelpunkt stehen die Zeit des Nationalsozialismus und seine Opfer. Dies führte u. a. zur Ausstellung „Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz. Deutsches Reich – Sachsen – Radebeul“, maßgeblich betrieben von Klaus-Dieter Müller und Frank Andert. (SZ/sku)