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Tafel hilft in Corona-Zeit mehr Menschen

Jetzt sind die Ehrenamtler in Radebeul sogar für zwei Preise nominiert.

Immer freitags teilen die Helfer der Radebeuler Tafel im Gemeindehaus der Lutherkirche Lebensmittel an Menschen mit geringem Einkommen aus.
Immer freitags teilen die Helfer der Radebeuler Tafel im Gemeindehaus der Lutherkirche Lebensmittel an Menschen mit geringem Einkommen aus. © Arvid Müller

Von Beate Erler

Radebeul. Fast sieht es aus wie in einer ganz normalen Obst- und Gemüseabteilung beim Supermarkt nebenan. Die Auswahl ist riesig: Stiegen voll mit Äpfeln, Pfirsichen, Bananen, Trauben bis hin zu Ananas, Avocados und Feigen. Weiter hinten liegt das Gemüse wie Blumenkohl, Brokkoli, Salatköpfe, Zucchini und Gurken. Dieser spezielle Supermarkt hat zwei Mal die Woche geöffnet und für fünf Euro können die Kunden hier kaufen was und wie viel sie wollen.

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Mittwochs hat die Tafel Radebeul ihre Ausgabestelle von 12 bis 13.30 Uhr an der Friedenskirche in Altkötzschenbroda und freitags von 15 bis 16 Uhr in Ost geöffnet. In Ost dient das neue Gemeindehaus der Lutherkirche als Ersatzsupermarkt für die Bedürftigen der Stadt. Gegen 14 Uhr sitzen schon viele von ihnen im Gemeindesaal beim Tafelcafé, das eine Stunde vor der Ausgabe kostenlos Kaffee, Tee und Kuchen für sie bereitstellt. „Das ist immer das Schönste in der ganzen Woche“, sagt einer der Tafelkunden, „es gibt Kuchen und Kaffee und vor allem ein bisschen Sozialkontakt.“

Während viele Tafeln in Deutschland während der Pandemie ihre Arbeit einstellen mussten, stand die Radebeuler Ausgabe die ganze Zeit offen. Jede geschlossene Tafel bedeutet für viele Bedürftige, dass ihre dringend benötigten Lebensmittel fehlen. Selbst wer von allem nur das Billigste kaufen würde, müsste im normalen Lebensmittelgeschäft viel mehr berappen: „Für das, was die Kunden bei uns für fünf Euro mitnehmen können, würden sie sonst um die 20 bis 25 Euro zahlen“, sagt Christian Schmidt, der die Radebeuler Tafel 2016 als eigenständigen Verein gegründet hat.

Er und seine 30 ehrenamtlichen Helfer aus Radebeul und Dresden, von denen viele selbst bedürftig sind, freuen sich über die Nominierung für gleich zwei Preise: Zum ersten Mal haben sie sich in diesem Jahr für den Deutschen Nachbarschaftspreis beworben und wurden aus deutschlandweit 900 Bewerbern ausgewählt. In Sachsen gibt es insgesamt neun Kandidaten für den Landespreis, der mit 2.000 Euro dotiert ist. Aus den 16 Landessiegern werden dann noch drei Bundessieger gekürt, die wiederum ein Preisgeld erhalten. Neu in diesem Jahr ist der Publikumspreis „Coronahilfe“, für den es 10.000 Euro gibt.

Die Tafel Radebeul hatte in dieser Zeit nicht nur durchgängig geöffnet, sondern hat ihr Angebot sogar noch erweitert: Da viele Arbeitnehmer durch die Kurzarbeit und Selbstständige durch weggebrochene Aufträge viel weniger Geld zur Verfügung haben, dürfen auch sie Lebensmittel bei der Tafel abholen. „Ein Einkommensnachweis ist nicht nötig, wir vertrauen auf die Richtigkeit der Angaben bei der ersten Abholung“, heißt es auf der Website.

Der Deutsche Nachbarschaftspreis wird von der Stiftung nebenan.de seit 2017 vergeben. Damit sollen Initiativen ausgezeichnet und unterstützt werden, die sich in der direkten Nachbarschaft für ein offenes, solidarisches, nachhaltiges und demokratisches Miteinander einsetzen. Johanna Sattler, Projektleiterin bei der Berliner Stiftung, hat die Bewerbungen aus Sachsen gelesen: „Die Radebeuler Tafel hat mich sofort überzeugt. Besonders beeindruckend fand ich, dass in der Coronakrise das Angebot sogar noch ausgebaut wurde“, sagt sie.

Durch die neue Kurzarbeiterregelung waren im Schnitt etwa zehn Tafelkunden pro Ausgabetag mehr da, schätzt Christian Schmidt. Inzwischen gehen die meisten wieder voll arbeiten. Dennoch bleibt das Angebot weiterhin bestehen, denn die Bundesregierung hat die Kurzarbeiterregelung erst kürzlich bis Ende nächsten Jahres verlängert.

In Radebeul gehen etwa 150 Personen regelmäßig zur Tafel. Es sind vor allem ältere Menschen mit kleiner Rente, alleinerziehende Mütter, Russlanddeutsche und Asylbewerber. Zwei ältere Männer aus Moritzburg und Dresden holen sich seit 2012 einmal pro Woche ihre Lebensmittel hier ab: „Damit komme ich eine Woche hin“, sagt der 68-jährige Mann, der bis zur Wende als Meister in einem Kraftwerk gearbeitet hat.“

Er bekommt 800 Euro Rente und nach der Miete bleiben ihm noch 180 Euro zum Leben. Im Supermarkt besorgt er sich die Dinge, die es bei der Tafel nicht gibt: Kaffee zum Beispiel: „Aber mehr als vier Euro pro Woche gebe ich da nicht aus“, sagt er. Auch mal ins Café oder essen gehen, ist den beiden nicht möglich. Auch deshalb sind sie immer beim Tafelcafé vor der Lebensmittelausgabe dabei.

Die Tafel Radebeul ist inzwischen gut aufgestellt: Es gibt zwei Ausgabestellen, zwei Transporter und eine Lagerhalle in Radebeul West. „Wir brauchen dringend noch eine Kühlzelle und ein Kühlauto“, sagt Christian Schmidt. Falls sie Landes-, Bundes- oder Coronahilfe-Sieger werden, würde er das Preisgeld gern dafür verwenden.

Mittwoch im Lutherhaus der Friedenskirche: 12-13.30 Uhr Ausgabe; Freitag im Gemeindehaus der Lutherkirche: 14-15 Uhr Tafelcafé, 15-16 Uhr Ausgabe

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