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Villa Kleinsorgenfrei wird Domizil für Kinder

In dem Haus in Radebeul eröffnete eine Wohngruppe für Geschwister. Das Jugendamt Meißen musste 2020 mehr Kinder aus Familien holen.

Das Villengebäude hat Anfang der 1930er-Jahre Architekt Alfred Tischer bauen lassen. Er wohnte damals in der Villa Sorgenfrei, die auf dem westlichen Nachbargrundstück steht.
Das Villengebäude hat Anfang der 1930er-Jahre Architekt Alfred Tischer bauen lassen. Er wohnte damals in der Villa Sorgenfrei, die auf dem westlichen Nachbargrundstück steht. © Arvid Müller

Radebeul. Luftballons schmücken die Tür zur Terrasse der Villa Kleinsorgenfrei. Auf dem Rasen des großzügigen Gartens an der Ecke Augustusweg, Eduard-Bilz-Straße stehen Tische und Stühle für die Eröffnungsfeier. Während der Aufbauarbeiten am Freitagvormittag sausen immer wieder Jette* und Aurora* um die fleißigen Helfer, sind neugierig, was in ihrem Domizil passiert.

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Die Fünf- und die Dreijährige sowie der zwei Jahre alte Theo* sind die neuen Bewohner der um 1930 erbauten Villa, in der bis vor rund einem Jahr Bernhard Freiherr von Loeffelholz, einstiger Direktor der Dresdner Bank und Präsident des Sächsischen Kultursenates, wohnte. Der 1934 in Weimar geborene Banker und Kulturförderer ist in altenbetreutes Wohnen umgezogen. Die neun Zimmer in der stattlichen Villa, die in unmittelbarer Nachbarschaft zur Villa Sorgenfrei steht – daher auch die Bezeichnung Kleinsorgenfrei – beziehen nun Kinder.

Der Name des Hauses ist Programm. Die pro juve Kinder- und Jugendhilfe GmbH hat sich zur Aufgabe gemacht, Kindern eine sorgenfreie Zeit zu bieten, die „bislang in schwierigen Verhältnissen lebten“, wie Bereichsleiter Andreas Feistel berichtet. Wenn das Jugendamt Mädchen und Jungen aus ihren Familien nehmen muss, weil deren Eltern mit der Erziehung überfordert waren oder ihre Sprösslinge vernachlässigten oder misshandelten, springt pro juve als freier Träger ein und gibt den Kindern ein Obdach.

Junges Unternehmen aus Potsdam

„Auch Unglücke können ein Grund sein, warum Kinder zu uns kommen“, sagt Erzieher Jörg Franke, der die neue Einrichtung leitet. So berichtet er von einem Fall, bei dem ein zweifacher Familienvater vom Gerüst fiel und sich dabei schwer verletzte. Rund ein halbes Jahr lag er im Koma. Gleichzeitig erkrankte seine Frau schwer und fiel ebenfalls längere Zeit ins Koma. Während des Klinikaufenthalts als auch danach konnten sie sich wegen der langen Bewusstlosigkeit und der Folgeschäden nicht um ihre beiden Kinder kümmern.

Jette, Aurora und Theo sind die ersten drei Bewohner. „Wir nehmen hier bis zu sechs Kinder im Alter ab zwei Jahren auf“, informiert Sylke Hofmann. Sie ist Geschäftsführerin der pro juve GmbH. Vor allem Geschwisterkinder sollen in der Radebeuler Villa ein zuhause finden. Von sieben Erziehern werden sie intensivpädagogisch betreut. „Unser Ziel ist ein Rückführen in das Elternhaus. Wenn dies nicht möglich ist, werden sie hier groß“, sagt Hofmann.

Die pro juve GmbH ist noch ein junges Unternehmen der Kinder- und Jugendhilfe. Im Jahr 2016 nahm es in Potsdam die Arbeit auf. Der Schwerpunkt liegt in der Individualpädagogik. Um den Schutzbefohlenen eine Ersatzfamilie zu bieten, begleiten die Mitarbeiter eine sogenannte Erziehungsstelle. Sie nehmen die Kinder mit zu sich nach Hause. „Mit drei Familien haben wir angefangen“, erinnert sich Hofmann. Aktuell zählt pro juve 65 Beschäftigte, die derzeit 49 Kinder in ihrer Obhut haben.

Sofort in Grundstock und Gebäude verliebt

Der noch junge Träger der Kinder- und Jugendhilfe befindet sich quasi noch in der Aufbau- und Wachstumsphase. Nach einem Wohnhaus für Geschwisterkinder in Parchim, Mecklenburg-Vorpommern, ist die nun in der Lößnitzstadt eröffnete Einrichtung die zweite unter den Fittichen der pro juve GmbH.

„Wir haben uns bewusst für eine Geschwisterwohngruppe entschieden, weil diese viele andere Jugendhilfeträger nicht anbieten. Wir möchten aber, dass Geschwister und Familien zusammenbleiben“, sagt Hofmann. In Dresden und Umgebung schaute sie sich nach einem geeigneten Haus um, in Radebeul wurde Einrichtungsleiter Franke fündig.

„Ich war sofort schockverliebt“, berichtet Hofmann, als sie die Villa mit dem parkähnlichen Garten sah. Erbaut wurde das Gebäude Anfang der 1930er-Jahre vom Architekten Alfred Tischer, der von 1920 bis 1940 die Villa Sorgenfrei besaß. Hofmann begeisterte zum einen das große Grundstück, das viel Platz zum Spielen bietet und wo alte Bäume an heißen Tagen Schatten spenden sowie die Lage mitten in der Stadt.

Eigentümer von neuem Mieter begeistert

Zum anderen verfügt das Haus über großzügige Räume. Im Erdgeschoss befindet sich der Wohnraum mit einem großen Sofa in der Mitte zum Kuscheln. Ihm schließt sich das Esszimmer sowie die Küche an. Im Obergeschoss gibt es drei Schlafzimmer, die sich jeweils zwei Kinder teilen sowie zwei Badezimmer mit Wanne, Dusche und WC. Über 100.000 Euro hat pro juve in die Hand genommen, um die Räume zu renovieren und für die Geschwisterwohngruppe auszubauen. Ins Dachgeschoss zieht vorerst die Unternehmenskoordinatorin für Sachsen ein. Perspektivisch sollen in den Zimmern unter dem Dach zwei weitere Plätze für Kinder entstehen.

„Es ist mir eine Herzensangelegenheit, den Kindern das Haus zu geben“; sagt Friedrich Kozka, Eigentümer und Vermieter. Der Geschäftsführer von Pentagon Immobilien hat das Anwesen von Bernhard Freiherr von Loeffelholz übernommen. Mit pro juve schloss er einen langfristigen Mietvertrag, als er von der Idee der Geschwisterwohngruppe hörte. „Die Kinder sollen hier aufwachsen können“, so Kozka.

Zu den Besonderheiten des Gebäudes zählen historische Fensterelemente, Holzjalousien sowie Beschläge an Türen und Fenstern aus der Bauzeit. In den Zimmern im Erdgeschoss ist das historische Parkett noch vorhanden.

Mehr Arbeit fürs Jugendamt

In dem Haus bringt primär das Jugendamt Meißen Kinder nach einer sogenannten Inobhutnahme unter. Wenn der Kreis keinen Bedarf hat, stehen die freien Plätze bundesweit für Mädchen und Jungen offen, die Behörden aus den Familien vorübergehen oder für immer nehmen müssen. Laut Statistischem Landesamt in Kamenz gab es im Jahr 2020 sachsenweit 8.335 Fälle, bei denen eine Gefährdung des Kindeswohls geprüft wurde, ein Anstieg um 33 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Im Landkreis Meißen gab es 675 Verfahren mehr als doppelt so viele im Vergleich zum Vorjahr.

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*Namen geändert

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