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Was die Feuerwehr auf der Spitzhaustreppe macht

Fast 400 Stufen hat in Radebeul kein Wohnhaus zu bieten. Dennoch üben Kameraden auf der langen Weinbergtreppe – aus einem ganz bestimmten Grund.

Kameraden der Radebeuler Feuerwehr erklimmen in kompletter Einsatzkleidung und mit Atemschutzgeräten die Spitzhaustreppe. Dieses Training dient einem überlebenswichtigen Gefühl.
Kameraden der Radebeuler Feuerwehr erklimmen in kompletter Einsatzkleidung und mit Atemschutzgeräten die Spitzhaustreppe. Dieses Training dient einem überlebenswichtigen Gefühl. © Arvid Müller

Radebeul. Die Spitzhaustreppe gleicht einem Freiluft-Fitnessraum. Im sportlichen Dress erklimmen Freizeitsportler in den Abendstunden die 397 Stufen, die einen mehr im Spaziergang, andere im Laufschritt. Ein junger Mann buckelt sogar sein Fahrrad über der Schulter hängend die 88 Höhenmeter hinauf. Oben am Muschelpavillon hat eine Gruppe Frauen Gummibänder gespannt und vollzieht verschiedene Dehnübungen.

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Als die Sonne hinter den Weinbergen orangestrahlend am Verschwinden ist, ertönt plötzlich ein Geräusch wie aus einem Science-Fiction-Film. Man glaubt, dass sich einem Star-Wars-Bösewicht Darth Vader leibhaftig von hinten nähert. Jedes Ein- und Ausatmen ist wie in dem Filmklassiker „Krieg der Sterne“ laut und deutlich zu hören. Beim Umdrehen kommen einem zwei Männer mit Maske entgegen. Anders als im Film bestehen ihre nicht aus einem schwarzen Visier, und einen schwarzen Umhang tragen sie auch nicht. Sondern sie sind komplett in Einsatzkleidung der Feuerwehr gehüllt, haben die Atemschutzausrüstung mit Flasche auf dem Rücken und die Maske vor dem Gesicht.

Zwei Belastungsübungen jährlich

Rund 30 Kameraden der Feuerwehr Radebeul, darunter zwei Frauen, haben sich am wohl letzten lauen Spätsommerabend dieses Jahres auf den Weg gemacht, die Spitzhaustreppe einmal hinab- und dann wieder hinaufzusteigen. Sie üben nicht für den Spitzhaustreppenlauf, wo Feuerwehrfrauen und -männer regelmäßig an den Start gehen. „Es handelt sich um eine Belastungsübung“, klärt Stadtwehrleiter Roland Fährmann auf.

Insgesamt 50 Atemschutzgeräteträger sind verteilt auf die Stadtteilwehren Radebeul-Ost, Kötzschenbroda, Lindenau und Wahnsdorf in der Lößnitzstadt aktiv. Zweimal im Jahr müssen sie Belastungsübungen vollziehen. Alljährlich steht der Besuch des Feuerwehrtechnischen Zentrums in Coswig auf dem Programm. In der dortigen Atemschutzübungsanlage ist beispielsweise ein Käfig aufgebaut, lernen die Brandbekämpfer, in voller Montur weitere Hindernisse wie enge Röhren zu überwinden, dies in Dunkelheit und komplett eingenebelt. Es wird quasi ein unbekanntes Terrain simuliert, durch welches sich die Feuerwehrleute, wie in einem brennenden Gebäude, zum Brandherd vorkämpfen müssen, um ihn zu löschen, oder wo sie Brandopfer bergen wollen.

Jährlich abwechselnd findet das zweite Training entweder im Brandcontainer oder auf der Spitzhaustreppe statt. Dieses Jahr sind wieder die Stufen zwischen der Wahnsdorfer Höhe und dem Weingut Hoflößnitz an der Reihe. In zweier Trupps gehen die Kameraden am Bismarckturm los, die Treppe hinunter bis zum Lust- und Berghaus, dort drehen sie um und steigen wieder hoch – das alles unter Atemschutz.

Über 26 Kilogramm schwere Ausrüstung

Auf die Frage, ab welcher Stelle des Weges der Kampf gegen den inneren Schweinehund beginnt, antwortet ein Wahnsdorfer: „Schon beim Loslaufen.“ Denn am Abend der Übung ist es noch schwülwarm. Die Sportler, denen die Feuerwehrleute begegnen, sind leicht und locker mit T-Shirt und kurzen Sporthosen bekleidet. Dagegen haben die Kameraden ihre schweren Einsatzuniformen mit vierlagiger Hose und Jacke an, hinzukommen Helm und die Atemschutzausrüstung mit Flasche und Maske. Über 26 Kilogramm Gewicht lastet so jeweils auf ihren Körpern.

Auf ihren Rücken tragen die Feuerwehrleute keine Sauerstoffflaschen. Sondern in den Stahlflaschen ist komprimierte Atemluft drin. 300 bar beträgt der Druck, wenn der Behälter zu Beginn eines Einsatzes voll ist. Die Radebeuler Feuerwehr verwendet Überdruckmasken. Diese liegen samt Luft direkt am Kopf an. Schon ein Dreitagebart kann die Abdichtung stören und dafür sorgen, dass lebenswichtige Luft an der Seite entweicht.

Es geht nicht um Schnelligkeit

Bei einer normalen Belastung reicht der Inhalt einer Atemluftflasche 30 bis 40 Minuten. Wird vom Körper dagegen eine schwere Leistung abverlangt, wie jüngst am vorigen Wochenende beim Wohnungsbrand in Radeburg, kann sie laut Fährmann bereits nach zehn Minuten fast leer sein. Um ein Gefühl zu bekommen, wie viel Luft auf dem Weg hinunter und wieder herauf verbraucht wird, dient die Übung auf der Spitzhaustreppe. Es geht nicht um Schnelligkeit. Sondern die Flasche soll soweit wie möglich leer geatmet werden, bis ein Pfeifton erschallt. Dieser signalisiert, dass der Luftvorrat zu Neige geht.

Ein Gefühl für diesen Alarm zu bekommen ist für Brandeinsätze ganz wichtig. Denn der Flascheninhalt darf nicht soweit runtergeatmet werden, dass man den Rückweg nicht mehr schafft. Bei der Belastungsübung sind zuerst Kameraden aus Wahnsdorf gestartet. In 19 Minuten gingen sie die Spitzhaustreppe hinab und wieder hinauf. Es blieb sogar noch Zeit für ein Erinnerungsfoto vor dem Lusthaus der Hoflößnitz. Als sie beim Bismarckturm wieder ankamen, betrug der Druck auf ihren Flaschen nur noch 80 bis 120 bar.

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