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„Werden wir vergessen?“

Im Wohnpark Lößnitzblick in Radebeul leben Senioren. Seit Anfang Januar ist dort alles für das mobile Impfteam vorbereitet.

Rosemarie Mauer lebt im Seniorenwohnpark Lößnitzblick und möchte endlich die Corona-Schutzimpfung bekommen.
Rosemarie Mauer lebt im Seniorenwohnpark Lößnitzblick und möchte endlich die Corona-Schutzimpfung bekommen. © Arvid Müller

Radebeul. Wann kommt das mobile Impfteam? Diese Frage stellen sich seit Wochen die Bewohner des Radebeuler Seniorenwohnparks „Lößnitzblick“. Die Corona-Schutzimpfung wird in dem Betreuten Wohnen der Volkssolidarität Elbtalkreis-Meißen sehnsüchtig erwartet. Doch bislang ist kein Termin in Sicht.

Katrin Hanitsch, Leiterin der Einrichtung, steht bereits seit Anfang Januar in den Startlöchern. Sie hat die 80 Bewohner befragt, wer den Piks mit der Nadel bekommen möchte, der den Schutz vor einem schweren bis tödlichen Verlauf einer Covid19-Erkrankung verspricht. „Fast alle wollen sich impfen lassen“, sagt Hanitsch. Als Pflegekraft hat sie bereits mit anderen Kollegen die Schutzimpfung erhalten. Dafür sind sie zweimal zum zentralen Impfzentrum des Landkreises Meißen nach Riesa gefahren. Nach diesem Vorbild baute Hanitsch eine Impfstrecke im Begegnungszentrum des Wohnparks an der Thalheimstraße im Stadtteil Oberlößnitz auf.

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Impfstrecke schon seit Wochen aufgebaut

Wer durch die Eingangstür kommt, kann sich zur Impfung anmelden. Danach geht es zum Beratungsgespräch mit dem Impfarzt in ein separates Zimmer. Von dort aus führt der Weg weiter zum Impfbereich. Hierbei handelt es sich um einen mit Sichtschutz abgetrennten Bereich im Saal. Hier steht eine Liege für diejenigen bereit, denen beim Anblick einer Spritze schwindelig wird. Wer schwindelfrei ist, kann sich auf einen Stuhl setzen. Nach der Impfung nehmen die Bewohner in einem Wartebereich Platz. Nach 15 Minuten können sie diesen und das Begegnungszentrum durch die Glastür in Richtung Grünanlage verlassen.

Die Leiterin der Einrichtung, Katrin Hanitsch, hat eine Impfstrecke aufbauen lassen. Im Anmeldebereich nahm sie schon einmal Platz.
Die Leiterin der Einrichtung, Katrin Hanitsch, hat eine Impfstrecke aufbauen lassen. Im Anmeldebereich nahm sie schon einmal Platz. © Arvid Müller

Alle notwendigen Formulare haben die Impfwilligen bereits soweit als möglich ausgefüllt. Hierzu zählt unter anderem ein Anamnesefragebogen zu Vorerkrankungen. „Wir haben unsere Impfstrecke nach dem Einbahnstraßensystem aufgebaut“, berichtet Hanitsch. Das soll Begegnungen vermeiden. Alles steht seit vielen Wochen bereit. Doch bislang hat sich kein mobiles Impfteam angekündigt.

Älteste Bewohnerin ist 102 Jahre alt

„Ich habe die Nase voll“, bringt Rosemarie Mauer den Unmut vieler Bewohner des Betreuten Wohnens auf den Punkt. Immer wieder hat sie nachgefragt, wann es endlich einen Impftermin gibt. Der Altersdurchschnitt der Bewohner des Seniorenwohnparks „Lößnitzblick“ liegt bei 86,7 Jahren. Die älteste Seniorin zählt 102 Lenze. Alle gehören der Personengruppe mit der höchsten Impfpriorität an. Dies gilt auch für die insgesamt 507 Senioren, die in den zehn Wohnanlagen der Volkssolidarität Elbtalkreis-Meißen leben, vier davon stehen in der Lößnitzstadt.

„Werden wir vergessen?“, ist eine Frage, die sich viele Bewohner immer häufiger stellen. Denn während die mobilen Impfteams die Pflegeheime ansteuern, schaute im Betreuten Wohnen der Volkssoli bislang keines vorbei. Zudem lesen die Bewohner in den Zeitungen oder hören in den Nachrichten, dass zum Beispiel Kita-Erzieher und Lehrer in der Impfreihenfolge vorgezogen werden. Zudem geht es mit der Terminvergabe im Impfzentrum ganz schnell. Denn Rosemarie Mauer hatte die Warterei satt. Ihr Sohn hat am vergangenen Wochenende einen Termin in Riesa vereinbart. Am heutigen Mittwoch fährt er sie zur ersten Impfung dort hin.

Doch der Stuhl vor ihr bleibt wie die im separierten Impfbereich leer.
Doch der Stuhl vor ihr bleibt wie die im separierten Impfbereich leer. © Arvid Müller

Bewohner wollen Angehörige wieder umarmen können

In einem Wohnpark oder in einer Wohnanlage haben die dort lebenden Senioren eine eigene barrierefreie Wohnung, je nach Bedarf buchen sie ambulante Pflege- und andere Dienstleistungen. Nicht alle Bewohner sind noch so rüstig wie Rosemarie Mauer. „Wir haben Bewohner mit Demenz“, berichtet Hanitsch. Sie können keinen Impftermin am Telefon ausmachen und erst recht nicht übers Internet. Und wer keinen Angehörigen in der Nähe hat, der sie in die Stahlstadt fährt, muss ein Taxi oder einen anderen Chauffeurdienst in Anspruch nehmen. „Das sorgt für unnötige Kontakte“, sagt Hanitsch. So werden die betagten Rentner dem Risiko einer Infektion ausgesetzt. Mit der Impfstrecke im Haus lässt sich das alles vermeiden.

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„Wir finden es gut, dass Lehrer und Erzieher jetzt geimpft werden“, berichtet Hanitsch. Auch möchten sich ihre Senioren in der Impfreihenfolge nicht vordrängeln. Was sie wollen, ist endlich eine Information, wann sie mit einem Termin rechnen können. „Sie haben Ostern vor einem Jahr und Weihnachten sowie Geburtstage allein gefeiert. Nun stehen wieder die Osterfeiertage vor der Tür“, sagt Hanitsch. Der einzige Wunsch der Senioren im ambulanten Pflegebereich ist eine Perspektive, wann sie geimpft ihre Liebsten wie Enkel und Urenkel wieder in den Arm nehmen können, ohne Angst vor einer Corona-Infektion mit schwerem Krankheitsverlauf haben zu müssen.

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