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Wie sich Radebeul verschönert hat

Mausgrau und kaputt waren einst Fassaden in Ost und West. Die Verwaltung zieht in einer Broschüre Bilanz zu 30 Jahre Bauen in der Lößnitzstadt.

Der Dorfanger Altkötzschenbroda ist heute ein beliebter Treffpunkt von Radebeulern und ihren Gästen. Vor 30 Jahren waren die Gehöfte stark verfallen und der Abbruch von Häusern drohte.
Der Dorfanger Altkötzschenbroda ist heute ein beliebter Treffpunkt von Radebeulern und ihren Gästen. Vor 30 Jahren waren die Gehöfte stark verfallen und der Abbruch von Häusern drohte. © Arvid Müller

Radebeul. Wer heute über den Dorfanger Altkötzschenbroda schlendert, benötigt schon viel Fantasie und Vorstellungskraft, um sich den Zustand der Gebäude vor 30 Jahren ins Gedächtnis zu rufen. Statt Gelb-, Ocker- und Rottönen an den Fassaden der sanierten Gehöfte, dominierte nach der deutschen Wiedervereinigung noch das Grau aus DDR-Zeiten.

Das Fachwerk an der heutigen Kulturschmiede war in einem katastrophalen Zustand. Der Lehm am Ausgedingehaus war schon sehr stark abgebröckelt und verwittert. Die Fenster im Dachgiebel fehlten ganz, im Geschoss darunter waren die Fensterscheiben weg. Wer die Gebäude des heutigen Kulturamtes der Stadt Radebeul auf einem Foto von 1992 sieht, bekommt Angst, dass der Dreiseithof jederzeit einstürzen könnte.

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In einem ähnlichen Zustand präsentierten sich weitere Höfe entlang des Dorfangers. Heute kaum noch vorstellbar, mussten die Bewohner ihr kleines und großes Geschäft auf Plumpsklos verrichten. Um zum stillen Örtchen zu gelangen, waren sie Wind und Wetter ausgesetzt, wenn sie über den Hof liefen. Denn rund 30 Prozent der Anrainergrundstücke verfügten nur über Außentoiletten. Es drohte der Abbruch des gesamten Viertels.

Wiedervereinigung brachte die Rettung

Denn zu DDR-Zeiten existierten seit den 1970er Jahren Pläne, an der Stelle des einstigen Dorfkerns von Altkö ein Plattenbaugebiet mit Sechs- und Elfgeschossern hochzuziehen. Doch die Wende 1989 und die deutsche Wiedervereinigung 1990 verhinderten das. Der Dorfanger bekam eine neue Chance. Ab 1994 wurden die Gebäude nach und nach mithilfe von fast 10,1 Millionen Euro an Städtebaufördermitteln wieder auf Vordermann gebracht.

In einem desolaten Zustand war die heutige Kulturschmiede Radebeul vor der Sanierung im Jahr 1992.
In einem desolaten Zustand war die heutige Kulturschmiede Radebeul vor der Sanierung im Jahr 1992. © Stadtverwaltung Radebeul
Heute ist das Fachwerk wieder intakt und der Dreiseithof beherbergt Kulturamt und Stadtgalerie.
Heute ist das Fachwerk wieder intakt und der Dreiseithof beherbergt Kulturamt und Stadtgalerie. © Arvid Müller
Ein unübersichtlicher Kreuzungsbereich mit Pflastersteinen war einst die Scharfe Ecke.
Ein unübersichtlicher Kreuzungsbereich mit Pflastersteinen war einst die Scharfe Ecke. © Stadtverwaltung Radebeul
Seit der Sanierung 2013/14 sind nur noch die Gehwege gepflastert. Auf der Straße liegt ordentlicher Asphalt.
Seit der Sanierung 2013/14 sind nur noch die Gehwege gepflastert. Auf der Straße liegt ordentlicher Asphalt. © Arvid Müller
Vor der Sanierung der Alten Post in Radebeul-Ost diente der Hinterhof als Parkplatz.
Vor der Sanierung der Alten Post in Radebeul-Ost diente der Hinterhof als Parkplatz. © Stadtverwaltung Radebeul
Heute befindet sich dort der Hochzeitsgarten, und die Fassade des Standesamtes ist hell und freundlich.
Heute befindet sich dort der Hochzeitsgarten, und die Fassade des Standesamtes ist hell und freundlich. © Arvid Müller
Mausgrau war auch das Hinterhaus, die ehemalige Polizeiwache, auf dem Rathausareal.
Mausgrau war auch das Hinterhaus, die ehemalige Polizeiwache, auf dem Rathausareal. © Stadtverwaltung Radebeul
Was neuer Putz und frische Farbe ausmachen, kann man nach der Sanierung deutlich erkennen.
Was neuer Putz und frische Farbe ausmachen, kann man nach der Sanierung deutlich erkennen. © Arvid Müller
Das Wohn- und Geschäftshaus, Sidonienstraße 1, war nicht mehr zu retten und musste abgerissen werden.
Das Wohn- und Geschäftshaus, Sidonienstraße 1, war nicht mehr zu retten und musste abgerissen werden. © Stadtverwaltung Radebeul
Das Haus wurde rekonstruiert wieder aufgebaut.
Das Haus wurde rekonstruiert wieder aufgebaut. © Arvid Müller

Der Dorfanger ist eins von 30 Beispielen, auf die die Stadtverwaltung in ihrer jüngsten Broschüre „Kommunales Bauen 1990 bis 2020“ näher eingeht. „30 Jahre Deutsche Einheit sind ein angemessener Zeitpunkt, auf das bisher Erreichte zurückzublicken und sich seines eigenen bescheidenen Beitrags bewusst zu werden“, schreibt Baubürgermeister Jörg Müller (parteilos) im Vorwort des rund 90 Seiten umfassenden Heftes.

Rund 300,4 Millionen Euro investiert

So bescheiden ist der Radebeuler Beitrag gar nicht. Die Verwaltung hat einmal ausgerechnet, wie viel Geld sie von 1991 bis einschließlich 2020 investiert hat. Unterm Strich steht die stolze Summe von fast 300,4 Millionen Euro. Davon flossen über 231,8 Millionen Euro in Bauprojekte, fast 21,5 Millionen Euro in den Kauf von Grundstücken, knapp 22 Millionen Euro in sogenannte Sachanlagen, womit beispielsweise die Büromöbel im Rathaus oder die technische Ausstattung wie die Heizungsanlagen in den Schulen gemeint sind, und circa 25 Millionen Euro in die Investitionsförderung an Dritte.

Vom finanziellen Umfang her hat die Lößnitzstadt die höchste Investitionstätigkeit mit knapp 15,7 Millionen Euro im vergangenen Jahr geleistet. Mit rund 5,8 Millionen Euro investierte sie im Jahr 2001 am wenigsten. Stemmen konnte die Stadt ihre Ausgaben unter anderem durch Einnahmen aus Fördermitteln, investiver Schlüsselzuweisung vom Freistaat Sachsen sowie Beiträgen von Bürgern, wie Ablösebeträge in den Sanierungsgebieten und Abwasserbeiträgen. Diese drei Einnahmequellen spülten von 1991 bis 2020 zusammenaddiert rund 156,3 Millionen Euro in das Stadtsäckel.

Der Geschäftsbereich von Baubürgermeister Müller hat noch weiteres Statistikmaterial zusammengestellt. So hat die Verwaltung von 1995 bis 2020 insgesamt 5.686 Baugenehmigungen erteilt. Die meisten Bauanträge wurden 1996 mit 517 Stück ausgereicht, die wenigsten 2018 mit 131. Vor März 1995 war das Landratsamt des damaligen Landkreises Dresden Baugenehmigungsbehörde für Radebeul.

Anzahl der Straßenbäume fast verdoppelt

Straßenbäume wurden 1990 exakt 2.000 im Stadtgebiet gezählt. Ihre Anzahl lag im vorigen Jahr bei 3.770, wobei der Zuwachs im Jahr 2017 mit 3.950 das bisherige Maximum erreicht hat. Seither sinkt die Zahl der Straßenbäume wieder, was wohl mit an der anhaltenden Dürre in den vergangenen Jahren liegt.

Die Broschüre ist reich bebildert. Auf den Fotos ist der Zustand von ausgewählten Beispielen vor und nach der Sanierung zu sehen. Wer erinnert sich noch, dass Kraftfahrer in ihren Autos auf Holperpisten aus Pflastersteinen einst durchgeschüttelt wurden. Diese gab es unter anderem auf der Gartenstraße, der Dresdner Straße sowie dem Kreuzungsbereich Scharfe Ecke. Mithilfe des Fördertopfs von rund 20 Millionen Euro für das Sanierungsgebiet Zentrum und Dorfkern Radebeul-Ost wurde nicht nur das Pflaster durch Asphalt ersetzt, sondern die Gartenstraße endet im Westen nicht mehr als Sackgasse. Die Stadt schuf eine Verbindung mit der Schildenstraße. Und den bis dato unübersichtlichen Kreuzungsbereich an der Scharfen Ecke ließ die Stadt überschaubarer gestalten.

1.000 Broschüren gedruckt

Mausgrau präsentierten sich einst auch die Fassaden der Alten Post neben der ehemaligen Polizeiwache hinter dem Historischen Rathaus. Heute sind die beiden Gebäude Bestandteil des Standorts der Stadtverwaltung und saniert. Zudem war einst der gesamte Hofbereich entweder zugepflastert oder asphaltiert und diente als Parkplatz. Heute sind dort Rabatten, Sträucher, Bäume, Weinstöcke und ein Wasserspiel zu finden, und die Gartenanlage dient als Kulisse für Hochzeitsfotos nach der Trauung im Standesamt.

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Die Broschüre ist in einer Auflage von 1.000 Stück erschienen. Ihr Druck hat die Stadt 2.843 Euro gekostet. Interessierte Einwohner können die Publikation kostenlos bekommen. Erhältlich ist sie im Büro des Baubürgermeisters. Nur bei Versand fallen Portokosten an.

Stadtverwaltung Radebeul, Büro des Ersten Bürgermeisters, Technisches Rathaus, Pestalozzistraße 8; Tel.: 0351 8311963; E-Mail: [email protected]

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