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Wo Ersatzmutti Tränen trocknet

Seit 20 Jahren besteht die Wohngruppe der Kinderarche in Radebeul-Naundorf. Dort finden Kinder Geborgenheit.

Yvonne Opitz (l.) ist als Teenager mit Erzieherin Manuela Hieblak in das Wohnhaus an der Weistropper Straße gezogen. Beim Plausch im Garten werden Erinnerungen an die erste Wohngruppe wach, die in dem Kinderarche-Haus lebte.
Yvonne Opitz (l.) ist als Teenager mit Erzieherin Manuela Hieblak in das Wohnhaus an der Weistropper Straße gezogen. Beim Plausch im Garten werden Erinnerungen an die erste Wohngruppe wach, die in dem Kinderarche-Haus lebte. © René Plaul

Radebeul. Das familiäre Miteinander werde hier groß geschrieben, sagt Yvonne Opitz über das Kinderarche-Haus an der Weistropper Straße in Radebeul-Naundorf. „Im Urlaub haben wir alle zusammen aus einer großen Puddingschüssel gegessen“, erinnert sich die heute 34-Jährige. Bei Betreuerin Manuela Hieblak fand sie immer ein offenes Ohr. „Sie hat uns Tränen weggewischt, in den Schlaf gekrault und Vertrauen entgegengebracht“, fährt die Mutter einer zehnjährigen Tochter und eines 13-jährigen Sohnes fort.

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All dies hat Yvonne Opitz zu Hause nicht erlebt, als sie im Alter ihres Erstgeborenen war. „Hier in der Wohngruppe gab es immer eine warme Mahlzeit, jemanden, der bei den Hausaufgaben und Schularbeiten half und sich für uns Zeit nahm“, berichtet sie. Dieser soziale Umgang hat sie während ihrer zwei Jahre in der Wohngruppe besonders geprägt, auch bei der Wahl ihres heutigen Berufes. Seit 2009 arbeitet Yvonne Opitz in der Altenpflege und macht aktuell eine Ausbildung zur Pflegefachkraft. Gegenüber ihren eigenen Eltern empfand sie als Teenager nur eine riesige Enttäuschung. Denn das, was sie bei der Kinderarche fand, hat sie bei ihnen nicht bekommen.

Haus war frisch saniert

Als Yvonne Opitz und Manuela Hieblak an diesem Montag aufeinandertreffen, werden Erinnerungen wach. Denn beide gehören zu den ersten Bewohnern des Wohnhauses. Vor 20 Jahren bezogen neun Kinder und Jugendliche vom Grundschulalter bis 16 Jahre mit vier Erziehern das frisch sanierte Haus. „Hier konnten wir auch mal Krach machen, ohne andere zu stören“, meint Opitz. Zuvor wohnte sie mit den anderen im Gebäude Augustusweg 62b, im Erdgeschoss war ein Hort, in der Etage darüber das Domizil für Heimkinder. Die jüngeren Hortkinder hielten jeden Tag Mittagsschlaf.

Auf Initiative von Mitarbeitern des Kinderheimes kam es 1992 zur Gründung der Kinderarche in Radebeul. Die Erzieher wollten ihren Schützlingen familienähnliche Strukturen in kleineren Gruppen bieten. Zuvor waren alle Kinder zentral untergebracht, sechs Jungen teilten sich beispielsweise einen Schlafsaal. Beim ersten Umzug in die Wohngruppe am Augustusweg gab es vorwiegend Doppelzimmer. Im Wohnhaus an der Weistropper Straße „konnte jeder sein Zimmer aussuchen“, berichtet Yvonne Opitz. Nur zwei Kinder teilten sich in der Anfangszeit noch einen Raum. Heute hat jeder Bewohner seinen Rückzugsort.

Ersatzfamilie für über 100 Kinder

Acht Plätze bietet die Einrichtung. Fünf Betreuer passen abwechselnd auf die Mädchen und Jungen auf, übernachten während ihres langen Dienstes im Haus und sind so 24 Stunden als Ansprechpartner und Bezugsperson für die Kinder und Jugendlichen da. „Jeder Tag ist anders, es stellen sich immer wieder neue Herausforderungen. In dem Job wird es nie langweilig. Das ist das Schöne an ihm“, sagt Hieblak. Die 54-Jährige hat mit ihren Kollegen in der Wohngruppe bereits über 100 Schutzbefohlene betreut und ihnen eine Ersatzfamilie geboten.

Anders als am Ausgustusweg fanden Yvonne Opitz und ihre Mitbewohner an der Weistropper Straße einen großen Garten vor. Dort steht heute ein Trampolin zum Austoben, existiert eine Feuerstelle für gemeinsame Grillabende. Auch die Elbe ist nicht weit, an deren Flussufer sich die Jugendlichen gern zurückziehen. In der Wohngruppe selbst hat jeder abwechselnd gewisse „Ämter“ zu erfüllen, wie Abwasch oder Haus- und Zimmerputz. Dies praktiziert Yvonne Opitz auch bei ihren Kindern. Taschengeld erhalten sie nur, wenn sie Aufgaben im Haushalt erledigen. „Geld gibt es nicht geschenkt, man muss dafür arbeiten“, ist die Botschaft, die Yvonne Opitz vermitteln will.

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Die Kinderarche Sachsen betreibt vier Wohngruppen mit insgesamt 37 Plätzen im Radebeuler Stadtgebiet.

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