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Wo Frauen mit ihren Kindern Schutz finden

Das Frauenhaus in Radebeul besteht seit 30 Jahren. Dieses Angebot ist wichtiger denn je, wie die Pandemie offenbart.

Häusliche Gewalt besteht nicht nur aus Faustschlägen, Prügel und körperlicher Misshandlung, wie in dieser Szene nachgestellt ist. Wenn Frauen diese Gewalt zu Hause nicht mehr aushalten, finden sie Hilfe im Frauenhaus. Symbolbild
Häusliche Gewalt besteht nicht nur aus Faustschlägen, Prügel und körperlicher Misshandlung, wie in dieser Szene nachgestellt ist. Wenn Frauen diese Gewalt zu Hause nicht mehr aushalten, finden sie Hilfe im Frauenhaus. Symbolbild © Maurizio Gambarini, dpa

Radebeul. Häusliche Gewalt erleben Frauen nicht nur durch einen prügelnden Ehemann. Sie ist nicht nur an blauen Flecken zu erkennen. Neben körperlicher Gewalt gibt es auch die psychische. „Frauen werden verbal klein gemacht, beleidigt und erniedrigt“, sagt Ingeburg Pydde, Koordinatorin beim Sozialdienst katholischer Frauen (SkF). Sie muss es wissen, denn ihr Verein betreibt seit 30 Jahren das Frauen- und Kinderschutzhaus in Radebeul.

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So berichtet Pydde beispielsweise von einer Frau, die mit Mann und Schwiegermutter auf einem Bauernhof im Landkreis Meißen lebte. Von ihm bezog sie nicht nur Schläge, sondern musste sich von ihm und seiner Mutter immer wieder anhören, sie sei nichts wert, sie tauge zu nichts. „Sie wurde immer wieder total beschimpft“, erinnert sich Pydde, bis sie dieses Martyrium nicht mehr aushielt und Schutz beim Sozialdienst katholischer Frauen suchte.

Schutzhaus für den gesamten Kreis Meißen

Die erste Frau zog am 9. September 1991 in die damalige Frauenschutzwohnung ein. Acht Betten standen dort, die auf zwei Zimmer verteilt waren, und es gab eine kleine Küche. Die Frau war vor ihrem gewalttätigen Lebensgefährten geflohen. Rund ein halbes Jahr zuvor wurde der Verein gegründet. „Der Bürgermeister hat sich an zwei Radebeulerinnen von der katholischen Gemeinde gewandt, weil bei ihm eine Frau Hilfe suchte, die häusliche Gewalt erlebte“, berichtet Pydde. Damals gab es noch keinen Schutzraum. Daher wurde der Verein gegründet, um diesen zu schaffen.

In Radebeul werden Frauen und Kinder aus dem gesamten Landkreis Meißen aufgenommen. Denn es ist das einzige Schutzhaus im Kreisgebiet. In der Anfangszeit bestand es aus einer Kellerwohnung. Schnell stellte sich allerdings heraus, dass die Wohnung nicht dem tatsächlichen Bedarf entsprach. Der Verein, der noch heute ehrenamtlich geleitet wird, kämpfte um Fördermittel und konnte mit Unterstützung der Zentralen Fachstelle des SkF in Dortmund ein sanierungsbedürftiges Haus kaufen. Dieses wurde wieder flottgemacht, ein weiteres Haus und ein Anbau auf dem Grundstück errichtet. 16 Plätze bietet das Schutzhaus heute.

Von häuslicher Gewalt Frauen und Männer betroffen

Neben physischer und psychischer Gewalt gibt es noch sexuelle sowie ökonomische. Bei letztgenannter Form nimmt der Ehepartner das Geld weg und sorgt so für eine Abhängigkeit. „Häusliche Gewalt umfasst verschiedenste Delikte aus dem Strafgesetzbuch“, so Polizeisprecher Marko Laske. Um welche Vergehen es sich im Einzelnen konkret handelt, sagt die Statistik der Polizeidirektion Dresden nicht. Von häuslicher Gewalt sind auch Männer betroffen, jedoch weitaus weniger als Frauen. So gab es im Jahr 2019 laut Laske insgesamt 472 Fälle häuslicher Gewalt mit 257 weiblichen und 140 männlichen Opfern. 2020 waren es 455 Fälle mit 261 betroffenen Frauen und 109 betroffenen Männern.

Laut Statistik könnte man annehmen, dass die Fallzahlen im Vergleich vom ersten Coronajahr zur Vorcoronazeit gesunken sind. Wer aber genau hinschaut, bemerkt, dass einige der Opfer nicht nur einmal, sondern wiederholt Gewalt erlebten und es bei den weiblichen Opfern einen leichten Anstieg gab. Während des ersten Lockdowns habe die Gewalt zugenommen. „2020 hat sich die Auslastung unseres Hauses um zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr erhöht“, berichtet Pydde. Aktuell sind fünf Frauen und sieben Kinder im Haus.

Täter kommen aus allen Gesellschaftschichten

Insgesamt gab der Verein in den vergangenen 30 Jahren 1.245 Frauen und 1.370 Kindern ein Obdach. Wenige bleiben nur eine Nacht, der Großteil zwischen einem und drei Monate. Vier Mitarbeiter kümmern sich um sie und geben Hilfe zur Selbsthilfe, damit ihre Schützlinge das Erlebte psychisch verarbeiten können und den Weg in ein eigenständiges und gewaltfreies Leben finden. Der Verein mit 52 Mitgliedern betreibt zudem eine Beratungs- und Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt. Auch diese war nach dem ersten Lockdown sehr gefragt.

„Die Täter kommen aus allen Gesellschaftsschichten“, berichtet Daniela Kuge. Die Meißner CDU-Landtagsabgeordnete hat wiederholt Aktionen für Geld- und Sachspenden für das Frauenschutzhaus organisiert, um die Arbeit dort zu unterstützen. „Die Mitarbeiter gehen mit den Hilfesuchenden ganz behutsam um, und bringen ihnen viel Respekt entgegen. Die Art und Weise, wie dort miteinander umgegangen wird, ist bewundernswert“, so Kuge. Das Angebot mit dem Frauenschutzhaus und der Beratungsstelle sei ganz wichtig.

Zum 30-jährigen Bestehen wird es von kommenden Montag an bis Donnerstag,9. September 2021, eine Ausstellung auf dem Grünstreifen des Dorfangers Altkötzschenbroda geben, die Einblicke in die Situation der von Gewalt betroffenen Frauen offenbart. Zudem informiert der Verein über seine Arbeit. Die Ausstellung kann täglich von 11 bis 17 Uhr besucht werden.

www.frauenhaus-skf-radebeul.de

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