merken
PLUS Radebeul

Wo Handwerk in Radebeul floriert

Der Gewerbehof an der Kötitzer Straße war nach der Wende dem Verfall preisgegeben. Nun brummen die Geschäfte dort.

Steinmetz Kai Nitzsche baut in seiner Werkstatt nicht nur profane Dinge aus Sandstein, wie Bausteine für Toreinfahrten, Freitreppen oder Fenstereinfassungen. Er betätigt sich auch künstlerisch, bearbeitet den Stein zu Skulpturen und Plastiken.
Steinmetz Kai Nitzsche baut in seiner Werkstatt nicht nur profane Dinge aus Sandstein, wie Bausteine für Toreinfahrten, Freitreppen oder Fenstereinfassungen. Er betätigt sich auch künstlerisch, bearbeitet den Stein zu Skulpturen und Plastiken. © Norbert Millauer

Radebeul. Wo Sandstein auf Edelstahl trifft - mit dieser Kurzformel lässt sich der Gewerbehof an der Kötitzer Straße in Radebeul-West beschreiben. Sieben Unternehmen sind dort ansässig. „Fast alle sind Handwerksbetriebe und von Anfang an hier“, sagt Eigentümer Manfred Meyer, der das Grundstück 2004 von der Treuhand übernahm.

Einer der ersten Mieter ist Steinmetz Kai Nitzsche. „Ich habe klein angefangen“, sagt der heute 43-Jährige. Als frischgebackener Meister suchte er vor 17 Jahren nach einer Stätte für seinen Betrieb und wurde an der Ecke Kötitzer, Emil-Schüller- und Fabrikstraße fündig. Auf knapp 25 Quadratmetern ist er in die Selbstständigkeit gestartet. „Es war ein besserer Schuppen“, meint Nitzsche rückblickend. Nun umfasst sein Steinmetzbetrieb die Garagen sowie ein Großteil der Halle, die an das Nachbargrundstück mit dem Netto-Supermarkt grenzen, - zusammenaddiert circa 535 Quadratmeter Fläche.

Arbeit und Bildung
Alles zum Berufsstart
Alles zum Berufsstart

Deine Ausbildung finden, die Lehre finanzieren, den Beruf fortführen - Hier bekommst Du Stellenangebote und Tipps in der Themenwelt Arbeit und Bildung.

Zweite Verwendung für alte Steine

Von der Straße aus lässt sich ein Blick auf das Leistungsspektrum des Steinmetzmeisters erhaschen. Verschiedene Grabmale sind dort aufgestellt. Für diese gestaltet er einheimische Hartgesteine und überarbeitet alte. „Grabsteine aus den 1950er- und 1960er-Jahren sind viel zu schade, um sie zu Schotter zu zerkleinern“, sagt Nitzsche. Manche Gesteinsarten werden heutzutage gar nicht mehr gebrochen.

Chromplan-Geschäftsführer Torsten Fuchs (l.) baut mit seinem Mitarbeiter Marcel Wieland eine Installationswand für Großküchen aus Edelstahl.
Chromplan-Geschäftsführer Torsten Fuchs (l.) baut mit seinem Mitarbeiter Marcel Wieland eine Installationswand für Großküchen aus Edelstahl. © Norbert Millauer

Das Hauptmaterial, mit dem Nitzsche arbeitet, ist Sandstein. Diesen bearbeitet er nicht nur neu als Bausteine für Grundstückseinfahrten, Freitreppen, Bänken, Trögen, Vasen oder Postamente, sondern restauriert auch an Fassaden Tür- und Fenstereinfassungen sowie Gesimse. Sichtbare Spuren seines Schaffens hat Nitzsche in Radebeul beispielsweise an den Gauben des Gebäudes Hauptstraße 9 hinterlassen und das Karl-May-Grabmal saniert

Steinmetz mit großer Säge

.In seiner Werkstatt steht eine Frauen-Skulptur. „Diese Figur ist ein persönliches Anliegen. Den Auftrag habe ich mir selbst erteilt“, berichtet Nitzsche, der Entspannung am Schlagzeug findet. Acht Jahre lang arbeitete er als Ein-Mann-Betrieb, bis er sich mit einem Mitarbeiter verstärkte. Heute zählt er zwei Angestellte. „Im nächsten Jahr sind wir drei“, kündigt der Radebeuler an. Je nach Auftrag kommen freie Mitarbeiter zur Unterstützung hinzu. Er bildet auch aus. Vier Frauen haben bei ihm das Handwerk des Steinmetzes gelernt.

Früher hat Nitzsche große Steinblöcke mit der Hand gebrochen. Dafür ritzte er das Gestein an der Bruchstelle mit einer Flex an und haute in den Riss Eisenkeile hinein. Die Bruchseiten mussten danach aufwendig bearbeitet werden, weil beim Spalten keine glatten Flächen entstehen. Heute ist das anders. In der großen Werkhalle steht eine Steinsäge mit 42,5 Zentimeter Schnitttiefe. „Er ist einer der wenigen Steinmetze in der Region mit einer so großen Säge“, sagt Meyer. Als nächste Investition steht bei Nitzsche eine Maschine an, mit der er Inschriften auf Grabsteinen per Strahl gravieren kann.

Die Fassade des Hauptgebäudes strahlt wieder weiß, verziert mit Klinkern. Als Eigentümer Manfred Meyer das Grundstück übernahm, war es völlig verwildert.
Die Fassade des Hauptgebäudes strahlt wieder weiß, verziert mit Klinkern. Als Eigentümer Manfred Meyer das Grundstück übernahm, war es völlig verwildert. © Norbert Millauer

Über mangelnde Aufträge können Ines und Torsten Fuchs derzeit nicht klagen. „Wir erleben einen Auftragsboom. Unsere Bücher sind bis nächstes Jahr gefüllt“, sagen der Geschäftsführer und die Prokuristin von Chromplan. Mit ihrem Unternehmen hat sich das Ehepaar auf den Bau von Küchen aus Edelstahl und Lüftungstechnik für Gastronomie und Industrie spezialisiert. Händeringend suchen sie Verstärkung ihres insgesamt zehnköpfigen Teams, die beiden Firmeninhaber inbegriffen, und zwar einen Konstruktionsmechaniker.

Keine Kurzarbeit

Als im März vorigen Jahres die Corona-Pandemie nach Deutschland kam und der erste Lockdown begann, plagten die Eheleute zunächst Zukunftsängste. Die ersten Tage stand das Telefon auch still. „Doch dann haben wir schnell gemerkt, dass es weitergeht. Wir mussten in der gesamten Corona-Zeit bislang keinen Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken“, sagt Torsten Fuchs.

Seine Küchenmöbel aus Edelstahl sind gefragt. Das mittelständische Unternehmen hat sich seit der Firmengründung Ende 2006, die beiden Eheleute und ein Mitarbeiter, auf dem Markt für Edelstahlsonderbau etabliert. So baute Chromplan in den zurückliegenden Monaten beispielsweise eine 30 Meter lange Ausgabe an der Oldenburger Polizeischule oder stattete den Dresdner Luisenhof mit Herdblöcken aus. Zu den treuen Kunden zählt der bekannte Koch Gerd Kastenmeier. Angestiegen ist in jüngster Zeit die Nachfrage nach Außenküchen sowie Grills im privaten Bereich.

Gewerbestandort seit über 100 Jahren

Neben Steinmetz Nitzsche und Chromplan sind auf dem Gewerbehof noch die Unternehmen Fuchs Europoles, spezialisiert auf Bau und Wartung von Funk-, Licht- und Strommasten, Deutsche Metall, die Metallteile und Halbfertigteile an Metallbauer, Glaser und Tischler verkauft, Hengst Ausbau mit einem Lager, Bildhauer Thomas Schmidt sowie Steuer- und Wirtschaftsberater Helmut Nitzsche anzutreffen. Rund 5.000 Quadratmeter Gewerbefläche vermietet Manfred Meyer dort. Über 80 Leute stehen nach seiner Schätzung auf dem Areal in Lohn und Brot.

Weiterführende Artikel

Mit Ballettstangen zum Erfolg

Mit Ballettstangen zum Erfolg

Familie Bibas liefert Holzstangen aus Radebeul nach ganz Europa aus. Die Stäbe dienen nicht nur zum Tanzen.

Arevipharma investiert und stellt ein

Arevipharma investiert und stellt ein

Die neuen südkoreanischen Besitzer des Radebeuler Pharmaunternehmens halten die beim Eigentümerwechsel versprochenen Zusagen.

Citizen eröffnet Niederlassung in Radebeul

Citizen eröffnet Niederlassung in Radebeul

An der Forststraße in Radebeul-Ost gibt es ein neues Unternehmen. Es liefert Drehmaschinen nach Ostdeutschland und in die Nachbarstaaten.

Vor über 100 Jahren hat die Geschichte des Gewerbestandorts begonnen. Aufgebaut hat ihn laut Meyer die Fahd’sche Motorsägenfabrik. Weil der Betrieb nicht kriegsnotwendig war, wurde er während des Zweiten Weltkrieges stillgelegt. Zu DDR-Zeiten war dort der Schuhgroßhandel beheimatet. Nach der Wende stand der Gewerbehof reichlich zehn Jahre lang leer, mehrere Investoren wollten die Gebäude für Discounter plattmachen. Doch dann kam Meyer, der den Standort für Handwerksbetriebe wieder flottmachte.

Mehr zum Thema Radebeul