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Wo spezielle Tapeten und Werkbänke in Radebeul entstehen

Vor 30 Jahren musste Myraplast schließen. Auf dem Werksgelände in Radebeul-Ost haben neue Firmen ihren Standort gefunden und das erfolgreich.

An der Schauwand präsentiert Enrico Kretzschmar die verschiedenen Designs der Sandsteintapeten, die sein Unternehmen Sandstein-Concept in Radebeul im Angebot hat. Nicht nur Gelb-, Braun- und Ockertöne sind dabei, sondern auch Blau.
An der Schauwand präsentiert Enrico Kretzschmar die verschiedenen Designs der Sandsteintapeten, die sein Unternehmen Sandstein-Concept in Radebeul im Angebot hat. Nicht nur Gelb-, Braun- und Ockertöne sind dabei, sondern auch Blau. © Norbert Millauer

Radebeul. Es sind besondere Tapeten, die das Radebeuler Unternehmen Sandstein-Concept fertigt. Während die einen ihre Wände mit farbigem Papier bekleben, um den grauen Putz darunter zu verbergen, bringt das Unternehmen Verkleidungen aus Sandstein, Beton, Marmor Granit oder gar Rost an Innenwände und Außenfassaden. Hierbei ist das Unternehmen mit Sitz im Gewerbehof, einst Myraplast, an der Gartenstraße international unterwegs.

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Neulich traf eine Bestellung aus Hongkong ein für ein Gebäude in der philippinischen Hauptstadt Manila. „174 Bahnen für eine Fläche von über 500 Quadratmetern werden per Luftfracht in den Inselstaat geliefert“, berichtet Enrico Kretzschmar, der für den Verkauf bei dem im Jahr 2007 gegründeten Unternehmen zuständig ist. Mit drei Beschäftigten fing die Firmengeschichte in Dresden-Kaditz an. Bereits im Jahr darauf erfolgte der Umzug nach Radebeul, wo an zwei Standorten heute zehn Mitarbeiter „flexible Produkte aus mineralischen Rohstoffen herstellen“, so Kretzschmar.

Kein Unterschied zu massivem Stein

Die aktuelle Kollektion umfasst zwölf Designs für Sandstein, fünf aus Beton, zwei Rost-, vier Marmor- beziehungsweise Granit- und zwei glatte Sandsteinoberflächen. Bei der manuellen Produktion werden beispielsweise acht verschiedene Sandtöne für Farbe und Maserung verwendet, diese mit Ton und Lehm vermischt. Der lose Sand wird mit Bindemittel auf Baumwollgewebe aufgebracht, wozu das Textil auf die Mineralien gepresst wird. Um die zwei Millimeter ist die Beschichtung dünn. Der flexible Sandstein kann auf allen gängigen Untergründen von Holz über Putz bis Trockenbau eingesetzt werden. Kleben die Bahnen einmal an der Wand, „kann man nicht unterscheiden, ob es sich um eine massive Sandsteinmauer oder Sandsteintapete handelt“, berichtet Kretzschmar. Die Spezialtapeten sind wetterfest.

Im Schnitt produziert das Unternehmen rund 20.000 Quadratmeter im Jahr. Seine Steinoberflächen kommen in der Möbelindustrie sowie an und in Gebäuden zur Anwendung. So lassen sich Tapeten von Sandstein-Concept an der Außenfassade der Studiobar in der Dresdner Neustadt, an Säulen im Schloss Rathen sowie auf dem Fußboden im Pirnaer Finanzamt finden. Zudem exportiert der Betrieb in ein Dutzend Länder, besonders nach Italien.

Andreas Fuchs steht in seiner Produktionswerkstatt der Pro-Alutec GmbH an der Bohrmaschine und baut einen Werkzeugwagen aus Aluminiumprofilen.
Andreas Fuchs steht in seiner Produktionswerkstatt der Pro-Alutec GmbH an der Bohrmaschine und baut einen Werkzeugwagen aus Aluminiumprofilen. © Norbert Millauer

Die Coronakrise hat die bereits durch die Niedrigzinsphase boomende Bauwirtschaft weiter beflügelt. Statt für Reisen gaben etliche Hausbesitzer ihr Geld fürs Renovieren aus. 2020 hat Sandstein-Concept einen Jahresumsatz von rund 1,6 Millionen Euro gemacht, eine Steigerung um 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Für dieses Jahr rechnet Kretzschmar mit einen Absatz von 1,5 Millionen Euro.

Größter gemischter Gewerbehof in Radebeul-Ost

Sandstein-Concept ist eines von sieben Unternehmen auf dem ehemaligen Betriebsgelände von Myraplast. Hinzukommen fünf weitere Firmen auf dem östlich benachbarten Grundstück. Insgesamt ist der Standort an der Gartenstraße rund 11.000 Quadratmeter groß. „Es ist der größte gemischte Gewerbehof in Radebeul-Ost“, sagt Manfred Meyer.

Sein Vater Gerhard hat Myraplast aufgebaut. Mit bunten Bällen hat alles in den Nachkriegsjahren begonnen. Aus schlichter PVC-Folie wurden die luftgefühlten Hohlkugeln geformt. Am Material wurde immer weiter getüftelt, bis Gerhard Meyer das Patent auf das Ergebnis seines Erfindergeistes 1950 anmelden konnte. In der Folge baute er an der Gartenstraße ein Werk zum Herstellen seiner PVC-Folien auf.

Rund 180 Tonnen Maschinenschrott

„Myraplast war in den 1950er- und 1960er-Jahre einer der Hauptdevisenbringer der DDR“, informiert Manfred Meyer. Der Bilanzgewinn lag bei einer Million DDR-Mark pro Jahr. 95 Prozent davon gingen als Steuer an den Staat. Trotz oder gerade wegen des Erfolges nahm die staatliche Einflussnahme auf das Unternehmen und der persönliche Druck durch die Staatssicherheit immer mehr zu, so dass sich Gerhart Meyer mit seiner Familie 1960 zur Flucht nach Westdeutschland genötigt sah.

Mit Wende und Wiedervereinigung kam Sohn Manfred Meyer in die alte Heimat zurück. „Myraplast war der erste Betrieb, den die Treuhand in Radebeul zurückgegeben hat“, erinnert er sich. Das war vor 30 Jahren. Die Produktionsanlagen waren jedoch verschlissen und veraltet, der Versuch das Unternehmen zu retten, scheiterte. Zwar war die Qualität der Folien immer noch hoch, doch deren Produktion zu teuer und zu langsam, somit nicht mehr konkurrenzfähig. 1991 folgte die Stilllegung. Rund 180 Tonnen Maschinenschrott fiel beim Umbau zum Gewerbepark an. Reichlich 3,5 Millionen Euro hat Meyer in die Transformation von Myraplast und das benachbarte Grundstück investiert.

Arbeitsbereiche für Automobilindustrie

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In der Halle, wo einst die Walzen für die Folienproduktion standen, ist unter anderem Andreas Fuchs mit seinem Unternehmen Pro-Alutec eingezogen. Aus Aluminiumprofilen, dem Rohmaterial, baut er Arbeitsbereiche von der Werkbank über Regalwagen bis hin zum Werkzeugschrank. Diese stehen fest, lassen sich auf Rollen durch den Raum bewegen oder an der Decke montiert von oben auf den Boden herunter- und wieder hinaufheben lassen. Vor allem die Automobilindustrie gehört zu seiner Kundschaft, für die er individuell und auf Maß gewünschten Aluminiumprofile baut. Der Jahresumsatz 2020 betrug rund 400.000 Euro. Seit 2018 ist das im Frühjahr 2016 in Dresden gegründete Unternehmen in der Lößnitzstadt ansässig.

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