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„Mit mir wird kein 19. Bärchen gefangen“

Auf der Jägerhofstraße in Radebeul kommt der Jäger, um Waschbären zu schießen. Eine junge Anwohnerin will das mit aller Kraft verhindern.

Claudia Jost aus Radebeul will nicht, dass Waschbären getötet werden: „Ich überlege, in unserem Garten eine Auffangstation für Waschbären einzurichten.“ Etwa vier Waschbären dürfte sie auf 30 Quadratmetern halten.
Claudia Jost aus Radebeul will nicht, dass Waschbären getötet werden: „Ich überlege, in unserem Garten eine Auffangstation für Waschbären einzurichten.“ Etwa vier Waschbären dürfte sie auf 30 Quadratmetern halten. © Arvid Müller

Von Beate Erler

Radebeul. Ein lautes metallenes Geräusch hat Claudia Jost eines Nachts aufgeschreckt. Sie ist Fotografin und arbeitet oft auch nachts: „Da wusste ich noch nicht, dass es die Falle war“, sagt sie. „Ich war noch nicht ganz eingeschlafen, als ich es knallen gehört habe.“ Am nächsten Tag fragt die 81-jährige Nachbarin, ob sie und ihr Mann einen Waschbären sehen wollen. Im Nachbargrundstück angekommen, entdecken sie die Lebendfalle, die direkt neben einem Vogelhäuschen steht: „Der kleine Waschbär darin war völlig verängstigt“, sagt Claudia Jost.

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Das war vor etwa zwei Wochen. In dieser Zeit tappte noch ein zweiter Waschbär in die Falle und wurde danach von einem Jäger erschossen. Bevor der kam, hat die 31-jährige Radebeulerin auf die Schnelle im Internet recherchiert, ob es noch eine andere Lösung gibt. Auch ein Gespräch mit dem Jäger brachte nichts als noch mehr Ärger: „Er hat mich überhaupt nicht ernstgenommen und als Stadtkind bezeichnet“, erinnert sie sich. Der Waschbär sei Ungeziefer und dürfe vom Jäger erschossen werden.

Erst vor zwei Jahren ist Claudia Jost mit ihrem Mann in die ruhige, idyllische Jägerhofstraße gezogen. Sie haben sich ein Haus gebaut und einen riesigen Garten mit viel Platz für ihren Hund und den Kater. Auf dem Grundstück standen lange Zeit nur leere Schuppen, die wohl von den Waschbären als Zuhause genutzt wurden. „Wir wohnen am Wald und da ist es normal, dass man mit Tieren lebt“, sagt sie. Fast jeden Abend sehen sie einen Fuchs, der quer durch den Garten läuft. Die gebürtige Dresdnerin ist sehr tierlieb. Ihren Hund hat sie auf Mallorca vor einer Tötung gerettet und der Kater ist aus dem Tierheim.

Dieser Waschbär auf einem Abrisshaus wurde sogar von der Feuerwehr in Riesa gerettet.
Dieser Waschbär auf einem Abrisshaus wurde sogar von der Feuerwehr in Riesa gerettet. © privat

Tiere verwüsten Garten und töten Vögel

Insgesamt 18 Waschbären hat die Nachbarin bereits gefangen, den Jäger gerufen und die Tiere erschießen lassen. „Mit mir wird es kein 19. Bärchen geben“, sagt Claudia Jost. Sie ist wütend und versteht nicht, dass man unschuldige Tiere einfach um die Ecke bringen darf, sagt sie. Die Nachbarin sei überzeugt davon, nichts Ungesetzliches auf ihrem Grundstück zu machen. Sie habe bereits vor zwei Jahren erzählt, dass sie schon mehrere Waschbären gefangen habe. Die Tiere würden ihren Garten verwüsten und Vögel töten.

Wie viele Waschbären es im Landkreis Meißen gibt, lässt sich nicht genau sagen. Eine Auskunft geben aber Zahlen und Daten von Jägern. So wurden in den Jagdjahren 2018/19 fast 3.000 Waschbären im Landkreis erlegt. In den Jahren 2010/2011 waren es nur 500 Tiere. Die Europäische Union erklärte den Waschbären 2016 zur sogenannten invasiven Art, weil er nachteilige Auswirkungen auf die biologische Vielfalt, die Gesundheit des Menschen und auf die Wirtschaft hat. In Deutschland hat sich der gebürtige Nordamerikaner inzwischen flächendeckend verbreitet.

Manche sprechen deshalb von einer Waschbärplage, denn die Tiere haben keine natürlichen Feinde, sind Allesfresser und finden überall Nahrung. Besonders gern mögen sie Obst und andere Essensreste: „Eine andere Anwohnerin hat ein Gewächshaus und das ist für die Tiere natürlich ein gefundenes Fressen“, sagt Claudia Jost. Auch in ihrem Garten haben Waschbären schon gebuddelt, aber von einer Plage würde sie niemals sprechen: „Wir wohnen seit zwei Jahren hier und ich habe noch nie einen einzigen Waschbären gesehen.“

Jagdbehörde: Erschießen soll zeitnah erfolgen

Sie will unbedingt verhindern, dass nebenan Tiere getötet werden. Sie wendet sich an die Polizei, den Tierschutz, das Ordnungsamt und den Tierarzt. „Ich wurde nur durchgereicht und hatte das Gefühl, dass sich niemand so richtig zuständig fühlt.“

Laut dem Sächsischen Staatsministerium für Energie, Klima, Umweltschutz und Landwirtschaft „besteht die Möglichkeit, dass in Problemfällen die Grundeigentümer in sogenannten befriedeten Bezirken Waschbären selbst fangen können“, sagt Referentin Ilka Burkhardt. Das Töten der Tiere sei nur sachkundigen Personen erlaubt, wie zum Beispiel Jägern oder Tierärzten.

An den Naturschutzbund Regionalverband Dresden-Meißen (NABU) hat sich Claudia Jost auch gewandt. Marion Lehnert vom NABU sagt: „Waschbären zu fangen, ist durch den Stress, den die Tiere erleiden Tierquälerei, die mit jeder Minute schlimmer wird.“ Außerdem seien sie über viele Stunden in der Falle gewesen, bis der Jäger gekommen ist. Laut Jagdbehörde sollte das Erschießen zeitnah erfolgen und dürfe keine zwölf Stunden dauern.

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Obwohl das Vorgehen ihrer Nachbarin zumindest rechtlich in Ordnung ist, will Claudia Jost nicht aufgeben: „Ich überlege, in unserem Garten eine Auffangstation für Waschbären einzurichten.“ Etwa vier Waschbären dürfte sie auf 30 Quadratmetern halten. Sie hat sich schon genau informiert und eine Skizze angefertigt. 

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