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Moritzburger Bücherwelt mit Tatort und Gütesiegel

Die Stephanus-Buchhandlung erhält den Deutschen Buchhandlungspreis. Das Geheimnis um Kategorie und Preisgeld wird am Sonntag gelüftet.

Strahlende Preisträgerin in Moritzburg: Carola Gaitzsch wird für ihre Stephanus-Buchhandlung von der Bundesregierung mit dem Deutschen Buchhandlungspreis geehrt. Fünf Mal hatte sich die Geschäftsführerin bereits beworben. Jetzt hat es geklappt.
Strahlende Preisträgerin in Moritzburg: Carola Gaitzsch wird für ihre Stephanus-Buchhandlung von der Bundesregierung mit dem Deutschen Buchhandlungspreis geehrt. Fünf Mal hatte sich die Geschäftsführerin bereits beworben. Jetzt hat es geklappt. © Norbert Millauer

Von Ulrike Keller

Moritzburg. Bücher über Bücher, und mittendrin eine kunterbunte Giraffe. Ein Tier, das für neue Perspektiven und Ziele steht. Dieses XXL-Kunstwerk ist im Frühjahr als Geschenk einer Kundin in die Moritzburger Stephanus Buchhandlung eingezogen. Seitdem erinnert es mit himmelblauem Mundschutz alle Eintretenden daran, die Maske aufzusetzen. Und nun hat sich das neue Maskottchen auch tatsächlich als Glücksbringer erwiesen: Zum ersten Mal wird das Geschäft mit dem begehrten Deutschen Buchhandlungspreis geehrt.

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Geschäftsführerin Carola Gaitzsch freut sich riesig darüber. „Hart erarbeitet“, sagt die studierte Buchhändlerin lachend. Damit meint sie nur bedingt ihre 36 Jahre Berufserfahrung und zehn Jahre Selbstständigkeit. Vielmehr das, was sie mit ihrem kleinen Team auf die Beine stellt. Um die 20 Veranstaltungen kommen in normalen Jahren wie 2019 zusammen. Sieben davon wandten sich an Erwachsene. Alle übrigen richteten sich an Kinder. Denn die Leseförderung ist ihr ein Herzensanliegen.

Überraschung beim Morgentee

Allein acht Veranstaltungen organisierte Carola Gaitzsch voriges Jahr zum Welttag des Buches für die 4. und 5. Klassen. Mit dem Literaturkurs der Radeburger Heinrich-Zille-Oberschule besuchte sie die Leipziger Buchmesse. Und auch Grundschüler und Kindergartenkinder hatte sie zu Vorlese- und Quizstunden zu Besuch. „Alle sitzen auf dem Boden, sind mucksmäuschenstill, und dann lesen wir vor“, erzählt sie mit leuchtenden Augen. „Kindern vorzulesen, ist so etwas Schönes!“

Ebenfalls eine Besonderheit ihres Ladens: das christliche Sortiment. „Das gehört zur Stephanus-Buchhandlung dazu“, sagt Carola Gaitzsch. „Viele Kunden genießen, dass es dasteht.“ Mehr als die Hälfte der Kunden zieht es in diesen Bereich, schätzt die 55-Jährige.

Von Engelsfigur bis Losung: Das christliche Sortiment ist eine Besonderheit der Moritzburger Buchhandlung. Viele Kunden schätzen es.
Von Engelsfigur bis Losung: Das christliche Sortiment ist eine Besonderheit der Moritzburger Buchhandlung. Viele Kunden schätzen es. © Norbert Millauer

Dennoch: Gerechnet hat sie mit dem Deutschen Buchhandlungspreis nicht. Sie erfährt davon am 20. Oktober. Es ist ein Dienstagmorgen, als sie sich mit einer Tasse Kräutertee in ihrer Buchhandlung am Kassentresen niederlässt und den Computer hochfährt. Wie immer öffnet sie als Erstes das Mailfach. Darin schlummert die unerwartete Mitteilung: „Sie sind nominiert.“ Carola Gaitzsch weiß: Nominiert heißt in diesem Fall, dass sie definitiv zu den Preisträgern gehört.

Ihr erster Gedanke: „Das gibt’s nicht! In diesem Jahr klappt es.“ Beim sechsten Anlauf. Als der Preis 2015 ins Leben gerufen wurde, machten Kunden sie darauf aufmerksam. Seitdem betrieb Carola Gaitzsch Jahr für Jahr den enormen Aufwand und reichte eine Bewerbung mit allen geforderten Nachweisen ein. Ihre Devise: „Ich probier’ das, sonst kann ich nicht schimpfen.“ Auf den Erfolg des Dranbleibens hat sie noch am Tag der Jubel-Nachricht mit ihrem Team und mit Kunden angestoßen.

Bei ihren zwei Mitarbeiterinnen gerät die Geschäftsführerin ins Schwärmen: „Ohne ihren Einsatz und die Liebe zum Buch und zu unserer Buchhandlung wäre alles nur halb“, sagt sie. Da ist das Dekorationstalent Jana Grunwald. Ihre Ideen geben der Buchhandlung einen ganz eigenen Charme. Als Beispiel: Ein rot-weißes Absperrband schräg über das Regalfach gespannt – und jeder weiß, dass hier die Krimis zum Tatort rufen. Auch Studentin Lilli Heinke gehört mit zum Team. „Sie bringt viel jugendlichen Schwung und Enthusiasmus mit“, sagt Carola Gaitzsch. „Die Atmosphäre in der Buchhandlung wird von uns allen geprägt.“

Mit dem Deutschen Buchhandlungspreis erhält das Trio eine Auszeichnung der Bundesregierung. Auf diese Weise ehrt sie inhabergeführte Buchhandlungen mit Sitz in Deutschland, die zum Beispiel ein literarisches Sortiment führen oder ein kulturelles Veranstaltungsprogramm anbieten. Weitere Voraussetzungen können innovative Geschäftsmodelle sein oder das Engagement für die Lese- und Literaturförderung.

Preisgeld für Technikkauf

Was die Jury diesmal an der Bewerbung aus Moritzburg überzeugt hat, vermag Carola Gaitzsch nicht zu sagen. Noch nicht. Denn bis zum Schluss bleibt für alle Beteiligten die Kategorie geheim, in der die Buchhandlung prämiert wird. Dieses Geheimnis lüften die Verantwortlichen erst am Sonntagnachmittag. In einer Online-Gala. Verliehen werden drei Arten von Gütesiegeln: das der hervorragenden Buchhandlung (dotiert mit 7.000 Euro), das der besonders herausragenden Buchhandlung (dotiert mit 15.000 Euro) und das der drei besten Buchhandlungen Deutschlands (dotiert mit 25.000 Euro). Bis zu 108 Buchhandlungen werden ausgezeichnet.

Carola Gaitzsch ist gespannt. Sie wird die Verleihung am ersten Advent von zu Hause verfolgen, in Pesterwitz. „Da haben wir bessere Technik“, erzählt sie. Und genau dieses Manko möchte sie mit dem Preisgeld beheben: „Wir brauchen in der Buchhandlung einen neuen PC und eine neue Kasse“, verrät sie. Vor allem aber träumt sie von einem „richtig guten Mikrofon“. Am besten als Headset, damit die Autoren bei Lesungen ganz frei agieren können. Auch eine hochwertige Lautsprecherbox wäre eine wichtige Investition. Bisher leiht Carola Gaitzsch diese Technik zu Veranstaltungen für viel Geld aus.

Das offizielle Gütesiegel ist gut sichtbar angebracht und weist auf die Auszeichnung der Buchhandlung hin.
Das offizielle Gütesiegel ist gut sichtbar angebracht und weist auf die Auszeichnung der Buchhandlung hin. © Norbert Millauer

„Ich bin so glücklich, die Buchhandlung noch zu haben und in so einer Gemeinde zu halten“, sagt sie. Ihre Herausforderung besteht darin, für rund 350 Stammkunden – von den Lofoten bis zum Chiemsee – in allen Bücherfragen da zu sein. „Großes Credo ist bei mir: Die Leute haben zu wenig Zeit, ein schlechtes Buch zu lesen“, so die Geschäftsführerin. Darum empfiehlt sie nur, was sie nach der eigenen Lektüre für gut befunden hat. Zwischen 500 und 600 Neuerscheinungen pro Jahr schaut sie sich persönlich durch. Dazu liest sie quer, von vorn bis hinten. „Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass ein Buch in der Mitte kippen kann“, erzählt sie. Und so kommt es schon einmal vor, dass sie einem langjährigen Kunden ehrlich ans Herz legt: „Lesen Sie das bitte nicht!“ Schlicht, um ihm eine Enttäuschung zu ersparen.

Das traditionsreiche Geschäft an der Schlossallee hat Carola Gaitzsch 2010 vom Verein Diakonenhaus Moritzburg übernommen. Schon damals hieß der Laden Stephanus-Buchhandlung, benannt nach dem ersten christlichen Märtyrer, der das Wort Gottes verbreitete und gesteinigt wurde. „Es war mir eine Ehre, den Namen zu behalten“, sagt sie. „Veranstaltungen und Lesungen sind nur durch die wunderbare Zusammenarbeit mit dem Diakonenhaus möglich.“

Die Familie hilft mit

Carola Gaitzsch strahlt Optimismus aus. Die Zukunft der Bücher und Buchhandlungen sieht sie lang nicht so düster wie andere. Wenn sie zurückdenkt, gab es auch früher schon schwierige Zeiten für die Branche. Natürlich habe es das Buch heute schwerer. „Früher war es für vieles Ersatz, zum Beispiel fürs Reisen“, vergleicht sie. „Auch das Fernsehen hat inzwischen einen anderen Stellenwert bekommen.“ Und macht dem Lesen mächtig Konkurrenz. Dennoch beobachtet sie seit zwei Jahren begeistert, dass auch wieder Jüngere ab 30 Jahren in ihre Buchhandlung kommen. Interessanterweise besteht die Kundschaft schon seit Langem überwiegend aus Frauen. Das war nicht immer so. „Als ich 1984 als Buchhändlerin angefangen habe, kauften bedeutend mehr Männer als Frauen Bücher“, erinnert sie sich.

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Im kommenden Jahr feiert die Buchhandlung 100-jähriges Bestehen. „Sollte sich alles ein wenig normalisieren, dann werden wir diesen Geburtstag gebührend feiern“, verspricht Carola Gaitzsch. In einigen Jahren möchte ihr heute 25-jähriger Sohn die Geschäftsführung übernehmen. Noch promoviert er im Bereich Theologie, hilft aber schon jetzt bei der Buchhaltung und bei der Pflege des Instagram-Kanals. Die 23-jährige Tochter unterstützt wiederum beim Online-Shop. Mit beiden Kindern tauscht sie sich gar zu gern über Bücher aus. „Und mein Mann stärkt mir den Rücken, ist Ratgeber in vielen Notlagen und hilft im Alltäglichen“, sagt Carola Gaitzsch. „Unsere Buchhandlung ist ein Stück weit auch ein kleines Familienunternehmen.“

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