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"Nicht lamentieren, sondern helfen"

Wie ist Weinböhla durch 2020 gekommen? Wie sieht es mit dem Bau von Mietwohnungen, wie mit dem Gymnasium und dem Zentraler aus - Fragen an Bürgermeister Siegfried Zenker.

Bürgermeister Siegfried Zenker blickt nach vorn: „Weinböhla hat beste Voraussetzungen, sich weiterhin als bevorzugter Wohn- und Erholungsort sowie auch als Bildungsstandort zu etablieren."
Bürgermeister Siegfried Zenker blickt nach vorn: „Weinböhla hat beste Voraussetzungen, sich weiterhin als bevorzugter Wohn- und Erholungsort sowie auch als Bildungsstandort zu etablieren." © Arvid Müller

Herr Zenker, wie sieht es mit dem Haushalt aus, konnte die Gemeinde 2020 alle Ausgaben bezahlen, oder mussten Kredite aufgenommen werden, und wie sieht es für dieses Jahr aus?

Alle Pflichtaufgaben und auch die freiwilligen Aufgaben konnten bewältigt werden, es wurde alles bezahlt. 2020 erfolgten keine Kreditaufnahmen und auch im Haushalt 2021 ist dies nicht vorgesehen. Wir sehen uns auch weiterhin einer soliden Haushaltsführung verpflichtet und gleichzeitig wird es bei den freiwilligen Leistungen, wie zum Beispiel Elbgaubad oder Bibliothek, keine Kürzungen geben. Ein Fehlbetrag im Haushalt ist nicht zu erwarten. 2021 ist ein geringeres Haushaltsvolumen zu erwarten, natürlich auch geringere Einnahmen aus den allgemeinen Schlüsselzuweisungen und den Einkommenssteueranteilen.

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Als Bürgermeister sind Sie Chef der Gemeindeverwaltung, der Gemeinderat vereint die gewählten Interessenvertreter der Bürger. Wie läuft die Zusammenarbeit?

Die Arbeit im Gemeinderat funktioniert gut. Es herrscht eine wohlwollende und konstruktive Grundstimmung. Natürlich gibt es zuweilen unterschiedliche Auffassungen darüber, was die beste Entscheidung für das Wohl der Gemeinde darstellen könnte. Dies ist aber auch so gewünscht und erstrebenswert. Der Sinn einer solchen Erörterung besteht ja gerade darin, so die beste Lösung zu finden sowie den eigenen Standpunkt zu erweitern, um die andere Meinung nachvollziehen zu können. Deutlich spürbar ist nach wie vor die klare sachpolitische Orientierung im Gemeinderat, die eben konsequent das Gemeindewohl im Blick hat und nicht ideologiegefärbt ist. Gemeinsam mit der überaus starken Identifikation der Weinböhlaer mit ihrem Ort ist dies der entscheidende Pluspunkt für uns in Weinböhla.

Glauben Sie, dass Gemeindeverwaltung und Gemeinderat die Interessen der Wirtschaft im Blick haben?

Da der Gemeinderat sehr nahe am wirtschaftlichen Geschehen ist, die Gemeinderäte oftmals selbst Gewerbetreibende bzw. Handwerker sind, ist ein enger Bezug zur Wirtschaft im Ort per se gegeben. Unser Hebesatz für die Gewerbesteuer liegt seit 2003, also seit 18 Jahren, unverändert bei 375 Prozent. Dies ist ein deutliches Bekenntnis zur Wirtschaft im Ort. Uns ist sehr daran gelegen, gerade für unsere Gewerbetreibenden und Händler gute Rahmenbedingungen zu gewährleisten. Zu diesen Rahmenbedingungen gehören Punkte wie ein schnelles, leistungsfähiges Internet, eine ansprechende Infrastruktur, kostenfreie Parkmöglichkeiten, gute ÖPNV-Anbindungen oder ein sauberer und attraktiver Ortskern.

Manche Wirtschaftsforscher gehen davon aus, dass es in diesem Jahr viele Firmenpleiten geben wird. Kann die Gemeinde mithelfen, dass möglichst viele Arbeitsplätze in Weinböhlaer Unternehmen erhalten bleiben?

Natürlich sind wir daran interessiert, dass alle Arbeitsplätze in Weinböhla erhalten bleiben können. Von unseren Handwerksbetrieben haben wir – Gott sei Dank – noch keine gravierende Problemlagen gemeldet bekommen. Um die von uns allen so lieb gewonnene Struktur unseres Ortes mit ihren Einkaufsmöglichkeiten und Dienstleistungen, Veranstaltungen und gastronomischen Angeboten zu halten und zu stärken, sollten wir alle gemeinsam nach Überwindung der Krise unser Konsum- und Kaufverhalten nicht nur als kurzen Reflex sondern vielmehr langfristig anhaltend auf unseren Ort konzentrieren. Dies ist die beste und effizienteste Wirtschaftsförderung.

Wie sieht es mit der Sanierung und dem Bau von Wohnungen aus? Gehen Sie mit der Meinung mit, dass es in Weinböhla an Geschosswohnungsbau fehlt, um junge Familien anzuziehen?

Als Gemeinde haben wir lediglich einen sehr kleinen Wohnungsbestand. Dieser weist keinen Sanierungsbedarf auf. Der private Wohnungsbestand ist meiner Einschätzung nach ganz überwiegend in einem ansprechenden Zustand. Es ist richtig, dass Weinböhla hauptsächlich durch eine Einfamilienhaus-Bebauung geprägt ist, aber auch Mietwohnungsbau hat Weinböhla aufzuweisen: zum Beispiel an der Gutenbergstraße, Sörnewitzer Straße, Köhlerstraße, an der alten Gärtnerei oder eben auch an den Obstwiesen. Hier freuen wir uns gemeinsam, dass die Robert Bosch Wohnungsgesellschaft 60 Wohnungseinheiten, hauptsächlich die in Weinböhla begehrten Drei- bis Vierraumwohnungen schaffen wird. Um dieses Vorhaben wirklich zu einem gelingenden Wohnprojekt werden zu lassen, sind noch ein paar Rahmenbedingungen zu schaffen. Auch wenn die durch die hinzukommende Wohnbebauung wegfallenden Parkplätze niemals „offizielle“ Stellflächen waren, haben wir als Gemeinde bereits ein Grundstück erworben, auf dem als Ersatz für die wegfallenden Parkplätze neue Stellflächen entstehen werden. Weiterhin ist derzeit die Zufahrtssituation von der Friedensstraße zu den Obstwiesen nicht ausreichend. Es muss ein ordentlicher Begegnungsverkehr gewährleistet sein, der eine Verbreiterung der Zufahrt von der Friedensstraße in die Obstwiesen erforderlich macht. Allgemein gilt: Weinböhla benötigt für eine gesunde Durchmischung des Wohnungsangebots noch Mietwohnungsbau, der sich aber in die jeweilige Umgebungsbebauung städtebaulich einfügen muss. Ebenso ist es richtig, dass Weinböhla noch junge Familien anzieht, damit wir als Gemeinde nicht „schrumpfen“. 2020 hatte Weinböhla wieder knapp mehr als doppelt so viele Sterbefälle (151) als Geburten (75). Zuzug ist für Weinböhla also kein Selbstzweck oder dient gar der Befriedigung von Wachstumsfantasien. Wir haben derzeit circa 10.350 Einwohner. Fallen wir unter die Grenze von 10.000, dann erhält die Gemeinde viel weniger Geld vom Freistaat.

Wie sehen Sie die Entwicklung beim geplanten Gymnasium Köhlerstraße, wird es dort in diesem Jahr den ersten Spatenstich geben?

Wie geplant, werden zwei 5. Klassen den Gründungsjahrgang 2021/22 bilden. Das Freie Gymnasium Weinböhla stellt für unseren Ort eine wichtige Bereicherung dar und rundet unser Angebot an allgemeinbildenden Schulen ab. Weinböhla wird auch durch das sportlich-sprachliche Profil der Schule gewinnen. Durch die neue Dreifeldhalle kommen unseren Vereinen zusätzliche Hallenkapazitäten zugute. Einen etwaigen ersten Spatenstich haben wir mit dem Schulträger noch nicht besprochen. Fest steht aber bereits, dass Mitte Juli der vorläufige Schulbau steht. Der Gründungsschulleiter Florian Foltin kümmert sich bereits vorbildlich um die Vorbereitung des Schulstarts im August und steht mit beiden Schulen im Ort im Austausch.

Wie ist Weinböhla in Bezug auf Kindergärten und Schulen aufgestellt – ist die Betreuungs- und Bildungslandschaft Ihrer Meinung nach ein Argument für junge Familien, sich in der Gemeinde anzusiedeln?

Wir sind sehr stolz auf das hohe Niveau unserer Betreuungs- und Bildungslandschaft - Weinböhla ist hervorragend hinsichtlich der Kindereinrichtungen und des Angebotes an allgemeinbildenden Schulen aufgestellt. Das Freie Gymnasium Weinböhla rundet das Schulangebot in unserem Ort gelingend ab. Das Angebot in Weinböhla wird künftig von der Kinderkrippe bis zum Abitur reichen.

Am meisten haben die Kultureinrichtungen und Vereine unter den vom Landkreis und vom Land verfügten Beschränkungen wegen Covid zu leiden. Besteht nicht die Gefahr, dass Kultur und Sport irreparable Schäden erleiden, kann die Gemeinde hier helfen?

Natürlich ist es so, dass die Corona-Maßnahmen nahezu alle Lebensbereiche einschränken. Aber auch hierbei gilt, dass wir nicht „lamentieren“ wollen, sondern möglichst pragmatisch helfen möchten. So haben wir allen Weinböhlaer Vereinen und bei uns tätigen Interessengemeinschaften in diesem Jahr im Gemeinderat eine Sonderförderung in Höhe von insgesamt 70.000 Euro zuteilwerden lassen. Für den Zentralgasthof, unser Veranstaltungshaus, haben wir 2020 den alljährlichen Zuschuss von regulär 150.000 auf 170.000 Euro erhöht, für 2021 sind 175.000 Euro geplant.

Glauben Sie, dass es in diesem Jahr im Oberdorf Fortschritte geben wird, was den neuen Standort des Nettos an der Forststraße betrifft?

In diesem Jahr ist fest geplant, dass wir den entsprechenden vorhabenbezogenen Bebauungsplan zumindest zur Planreife führen. Die Bewohner des Oberdorfes sowie des advita-Hauses Waldhotel warten sehr berechtigt darauf, dass in diesem Jahr endlich der Ersatzbau für den wegfallenden einzigen Nahversorger im Oberdorf begonnen werden kann.

Glauben Sie, dass die Gemeindeverwaltung Weinböhla bürgerfreundlich ist?

Wir glauben an unsere Bürgerfreundlichkeit und sind auch überzeugt davon. Natürlich ist es ein Begriff, unter dem man vieles fassen kann und gewiss gibt es auch Verbesserungspotentiale. Bürgeranliegen, die an uns herangetragen werden, versuchen wir möglichst zeitnah und im Sinne des Bürgers wohlwollend zu bearbeiten. Da kann es auch schon mal vorkommen, dass ein Bürger auf seine Anfrage nicht erst eine Eingangsbestätigung erhält, sondern sogleich das Anliegen kurzerhand besprochen wird. Für mich sind möglichst zeitnahe Lösungen und das ehrliche Bemühen darum bürgerfreundlicher als formale Eingangsbestätigungen, darauf folgende lange Untätigkeitsphasen sowie ein stupides Abarbeiten. Von unserer konsequenten Bürgerfreundlichkeit zeugt wohl auch die Tatsache, dass der Besuch unseres Rathauses während der Corona-Krise bisher zwar zuweilen nur nach vorheriger Terminvereinbarung möglich war; das Rathaus aber niemals geschlossen war. Dafür bin ich den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sehr dankbar. Gerade vor dem Hintergrund unserer überschaubaren Mitarbeiterzahl ist das eine besondere Leistung.

Wie würden Sie die langfristige Strategie zur Entwicklung der Gemeinde umreißen?

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Die langfristige Strategie Weinböhlas muss natürlich zuvorderst durch den Gemeinderat bestimmt werden. Die Weiterentwicklung Weinböhlas zu einem attraktiven Wohn- und Erholungsort wird dabei oberstes Gebot sein. Spätestens im nächsten Jahr wird in Weinböhla ein Ortsentwicklungsprozess anlaufen, der selbstverständlich maßgeblich auch unsere Einwohner mehrfach einbinden wird. Die Gestaltung Weinböhlas als durchgrünten Ort mit eben vielen Grün- und Parkflächen sowie touristischen Angeboten sollte dabei eine zentrale Rolle spielen. Weinböhla hat beste Voraussetzungen, sich weiterhin als bevorzugter Wohn- und Erholungsort sowie auch als Bildungsstandort zu etablieren.

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