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Arevipharma Radebeul ist verkauft

Der letzte verbliebene Hersteller von Arzneimitteln in Radebeul wurde von einem Unternehmen aus Südkorea aufgekauft. Investitionen sind geplant.

Weithin sichtbar sind die Syntheseanlagen des Radebeuler Arzneimittelwerkes Arevipharma vor allem von der Eisenbahn aus.
Weithin sichtbar sind die Syntheseanlagen des Radebeuler Arzneimittelwerkes Arevipharma vor allem von der Eisenbahn aus. © Arvid Müller

Radebeul. Was Anfang September an die Öffentlichkeit drang, ist jetzt Wirklichkeit. Radebeuls letztes Werk, welches Arzneimittel selbst herstellt, ist verkauft. Zum 1. Januar 2021 wurde die Akquisition der Arevipharma durch die südkoreanische Yonsung-Gruppe erfolgreich beendet, heißt es in einer Pressemitteilung.

Yonsung Fine Chemicals Co. Ltd. entstand 2000 als Ausgründung der Sungkyunkwan Universität in Seoul. Die Gründungsmitglieder um Professor Won-Hun Ham sind heute noch in der Unternehmensführung aktiv. Yonsung ist einer der größten Anbieter der Wirkstoffgruppe der Prostaglandine und fokussiert auf hochaktive Substanzen, besagt die interne Beschreibung. Prostaglandine sind Gewebshormona, die zum Beispiel in der Augenheilkunde genutzt werden.

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Neben Wirkstoffen hat Yonsung auch die Entwicklung eigener Fertigarzneimittel begonnen. Durch zahlreiche Eigenentwicklungen und Patente gelang in den vergangenen drei Jahren ein Wachstum um über 100 Prozent auf mittlerweile über 50 Millionen US-Dollar Umsatz, so die Mitteilung zum zustande gekommenen Kauf von Arevipharma.

Der letzte öffentlich bekannt gegebene Umsatz des Radebeuler Werkes lag vor sieben Jahren bei rund 30 Millionen Euro. Derzeit werden hier unter anderem Wirkstoffe gegen Herzkreislauf-Beschwerden, Narkotika und Psychopharmaka hergestellt. Auch Mittel gegen Krebs gehörten schon zur Produktpalette.

Seit Dezember gibt es eine neue Fahne am Eingang des Werkes an der Meißner Straße - ein Zeichen der Mehrheitseigentümer.
Seit Dezember gibt es eine neue Fahne am Eingang des Werkes an der Meißner Straße - ein Zeichen der Mehrheitseigentümer. © Arvid Müller

Die Geschichte des Radebeuler Arzneimittelwerkes - vor allem seit der Wende - ist sehr wechselhaft. Dreimal wurde die Produktionsstätte von Arevipharma mit ihren Anlagen an der Meißner Straße 35 verkauft, stand sogar einmal unter der Degussa-Fahne vor dem Aus. In den letzten reichlich zehn Jahren haben die Hexal-Gründer Andreas und Thomas Strüngmann erst direkt und nach dem Hexal-Gesamtverkauf an Novartis weiter unter dem Dach einer Holding durchgehend Wirkstoffe herstellen lassen.

Den 1950 geborenen Zwillingen gehört die letzte noch aus dem Arzneimittelwerk Dresden in Radebeul übrig gebliebene Fabrik an der Meißner Straße 35. Der Ursprung geht auf die Gründung der Chemischen Fabrik von Heyden im Jahr 1874 zurück. Dank des Einsatzes von Werksmanagement und Mitarbeitern hat sich der Standort in den letzten Jahren gut entwickelt.

Doch die beiden inzwischen im siebzigsten Lebensjahr befindlichen Milliardäre - der Hexal-Verkauf brachte 5,65 Milliarden Euro - und deren Nachkommen wollten sich vom Radebeuler Werk trennen. Gerüchte zu Interessenten aus China und Indien machten die Runde. Auch schwante die Gefahr, dass Radebeul nur von asiatischen Großkonzernen aufgekauft werden würde, um deren Vormachtstellung weiter in Europa zu stärken.

Das ist nun nicht passiert. Arevipharma-Geschäftsführer Dirk Jung - der diese Position auch weiter ausüben wird - sagt, dass mit Yonsung ein aufstrebendes, sich solide entwickelndes Unternehmen als wesentlicher Haupteigentümer zum Zuge gekommen sei, der vor allem auch hier investieren wolle. So gibt es nicht nur Pläne, die Produkte der Koreaner von hier zu vertreiben, sondern vor allem auch eigene Technologien für komplette Fertigarzneimittel zu schaffen. Und zwar unabhängig von bisher vielfach marktbeherrschenden chinesischen und indischen Substanzen.

In welcher Höhe mögliche Investitionen in Anlagen und neue Herstellungsstrecken in Radebeul geschehen sollen, konnte Geschäftsführer Jung noch nicht sagen. Dazu solle in den nächsten Monaten eine Strategie gefunden werden. Allerdings sei die Weiterentwicklung des hiesigen Werkes auch Bestandteil des Kaufes und biete somit eine hohe Sicherheit für das Werk in Sachsen.

Eine Aussicht, die auch vom Betriebsrat von Arevipharma positiv aufgenommen wurde. Vorsitzende Bärbel Starke: „Es ist zum einen ein gutes Zeichen, dass die Strüngmann-Brüder offenbar ihr Unternehmen in gute Hände geben wollten und zum anderen haben wir großes Vertrauen in das Handeln unseres Geschäftsführers.“ Er sei ein ausgewiesener Fachmann, der es verstehe, die Belegschaft auch mitzunehmen. In dieser Woche sollen die Mitarbeiter konkreter über den Verkauf und die neuen Eigentümer informiert werden, so Bärbel Starke.

Nach dem Niedergang von Arevipharma bis vor etwa fünf Jahren entwickelt sich das Werk wieder solide. Von damals 130 Mitarbeitern ist die Belegschaft auf jetzt 180 gewachsen. Innerhalb der Yonsung-Gruppe stellen die Radebeuler die stärkste Mannschaft. Etwa 400 Mitarbeiter an fünf Standorten gehören zu dem südkoreanischen Unternehmen. Dessen Werke befinden sich zweimal in Korea, je ein weiteres in der Schweiz, in Baden-Württemberg und hier.

Derzeit sind 180 Mitarbeiter bei Arevipharma beschäftigt.
Derzeit sind 180 Mitarbeiter bei Arevipharma beschäftigt. © Arevipharma

Dirk Jung sagt, dass die Produktion in Radebeul 2021 kontinuierlich weiter laufe. Das Produktportfolio umfasst zurzeit mehr als 30 Wirkstoffe verschiedenster Anwendungsgebiete in der Human- und Veterinärmedizin mit besonderem Fokus auf der Herstellung von Betäubungsmitteln. Mit den vorhandenen Kapazitäten können sowohl kleinste Mengen im Gramm-Maßstab wie auch große Anforderungen im mehrfachen Tonnen-Bereich hergestellt und geliefert werden.

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Radebeuls Oberbürgermeister Bert Wendsche (parteilos): „Als wir 2003 mit der Belegschaft um den Erhalt des Standortes rangen, fuhren wir gemeinsam nach Holzkirchen bei München zu den Eigentümern der Firma Hexal, den Gebrüdern Strüngmann. Letztlich gelang es, sie von einem Engagement in den Radebeuler Standort zu überzeugen.“ Es sei immer ein Drahtseilakt gewesen, die als Ultima Ratio drohende Standortschließung zu verhindern. Ein immens breites Netzwerk an Unterstützern im politischen und behördlichen Raum, angefangen vom Landtagspräsidenten Matthias Rößler (CDU), über zahlreiche Landes- und Landkreisvertreter, hat seinen Teil zum Gelingen beigetragen – Respekt und vielen Dank dafür, so OB Wendsche. „Die Radebeuler Pharmatradition hat wieder eine reale Zukunftsperspektive. Kraft, Glück und Erfolg den neuen Eigentümern, der Geschäftsführung und vor allem der gesamten Belegschaft.“

www.arevipharma.com

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