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„Ruft unsere Fähigkeiten eher ab“

Fabian Scholz leitet des Technische Hilfswerk Radebeul, zuständig für große Teile des Kreises Meißen. Er ist gerade aus Nordrhein-Westfalen zurück. Was der Einsatz dort als Lehren auch für hier mitbringt.

Fabian Scholz ist Ortsbeauftragter des Technischen Hilfswerkes in Radebeul und mit seinen Mitstreitern für große Teile des Kreises Meißen zuständig. In Nordrhein-Westfalen hat er die Einsätze von Helfern aus der ganzen Bundesrepublik koordiniert.
Fabian Scholz ist Ortsbeauftragter des Technischen Hilfswerkes in Radebeul und mit seinen Mitstreitern für große Teile des Kreises Meißen zuständig. In Nordrhein-Westfalen hat er die Einsätze von Helfern aus der ganzen Bundesrepublik koordiniert. © Norbert Millauer

Radebeul/Ahrweiler. Vor wenigen Tagen sind Kameraden des Technischen Hilfswerkes (THW) Radebeul aus dem Flutgebiet in Nordrhein-Westfalen zurückgekommen. Nicht wie die Feuerwehrleute mit schlammverschmierter Kleidung und pflegebedürftigen Einsatzfahrzeugen, ihre Führungsfähigkeiten wurden im Einsatzstab für die Fluthelfer angefordert. Fünf Kameraden sind noch dort. Fabian Scholz, Ortsbeauftragter und mit 111 Mitstreitern für große Teile des Landkreises Meißen zuständig, sagt, was sie dort geleistet haben und was an Erfahrung für uns hier nützlich ist.

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Herr Scholz, warum sind Sie und Ihre Leute angefordert worden?

Insgesamt sind wir neun Radebeuler im Flutgebiet in NRW. Es wurden Spezialisten für die Führung gesucht. Auf eine bundesweite Abfrage haben wir uns gemeldet. Ich selbst war in Hilden im Leitungs- und Koordinierungsstab. Zu dritt waren wir dort. Wir hatten auch keine Technik mit, sondern waren wirklich als Führungskräfte im Einsatz. Überblick, kühlen Kopf behalten, die Einheiten und Kräfte einteilen, das war gefragt. Ich war zuständig für das tägliche Lagebild - vorausschauen, wie sich der Einsatz entwickelt, welcher Bedarf daraus abzuleiten ist.

Für welches Gebiet waren Sie zuständig?

Für komplett Nordrhein-Westfalen. Für alle Einsatzkräfte des THW. Wir hatten im Schnitt um die 1.000 Helfer vor Ort, deren Einsatz wir organisiert haben - wo ist welcher Bedarf, wie muss die Ablöse geregelt werden, woher müssen Leute nachgefordert werden, wenn welche wieder nach Hause fahren. Wir haben aus dem ganzen Bundesgebiet neue Leute gerufen.

Wie liefen die ersten Tage? Gab es viel Hektik?

Wir sind eine Woche nach der Flut als Unterstützungspersonal angereist. Auch nach sieben Tagen gab es noch straff was zu tun. Sich in die Lage reinfinden. Die Örtlichkeiten kennenlernen, sich reinarbeiten. Wir haben in drei Schichten gearbeitet. Wir Radebeuler von 6 bis 14.30 Uhr etwa.

Sind Sie direkt an den Orten der Zerstörung gewesen?

Ja, wir sind alles abgefahren - zweimal waren wir unterwegs. Unsere Schwerpunkte waren in Bad Münstereifel mit einer großen Schadensstelle. Eingestürzte und beschädigte Gebäude, Brücken total weg, die durchs THW wieder gangfähig gemacht wurden. Kaputte Wege. Fahrzeuge in Straßengräben.

Wohin haben Sie zuerst Helfer geschickt, wie organisiert man das sinnvoll?

Es gibt eine technische Einsatzleitung direkt vor Ort. Diese koordiniert die ganzen taktischen Einheiten - von dieser Einsatzleitung werden die Aufträge der Bürgermeister vor Ort entgegengenommen. Die sagen, wo sie Hilfe brauchen. Das THW berät und sagt, was es leisten kann. Wo und wie kann wieder Strom- und Wasserversorgung gesichert werden. Die Einsatzleitungen haben gesagt: Wir brauchen und wir haben uns gekümmert. Zum Beispiel: Vier Tage Arbeit für die Wasserversorgung organisieren, dann neue Chemie für die Wasseraufbereitung besorgen, die Ablöse der Einsatzkräfte steuern.

Auch eine Sprengung mussten die THW-Leute an einer zerstörten Eisenbahnbrücke im Flutgebiet vornehmen.
Auch eine Sprengung mussten die THW-Leute an einer zerstörten Eisenbahnbrücke im Flutgebiet vornehmen. © THW Radebeul

Feuerwehrleute wurde nach zwei Tagen ausgetauscht. Wie lange bleiben die THW-Leute?

Bei uns wird mit mindestens einer Woche Einsatzzeit gerechnet. Der gesamte Einsatz wird sich noch über viele Wochen oder gar Monate ziehen. Die nächsten Anfragen für Ablösungen liegen bereits vor.

Was lief gut, was hätte besser sein können?

Ich denke, die ersten Tage, die sogenannten Chaosphase, hätten kürzer sein können. Durch Absprache unter den Organisationen, durch bessere Vorbereitung könnte manches schneller gehen.

Welche Arbeiten verrichten die THW-Leute jetzt noch dort?

Viele Dinge in der Infrastruktur - Brücken wieder herstellen. Temporäre Brücken wie Stege für Fußgänger, damit sie über Bäche gelangen, große Brücken für Fahrzeuge. Die stehen dann etwa fünf Jahre. Wir selber haben eine Brücke, deren Fahrbahn komplett zerstört ist, so überbaut, dass sie wieder befahrbar ist. Auch eine Sprengung einer Brücke mussten wir vornehmen. Eine Eisenbahnbrücke lag mit den Gleisen im Flussbett. Durch das umgeleitete Wasser wurde ein benachbartes Klärwerk mit Unterspülung gefährdet. Die Brücke musste gesprengt und beräumt werden, damit der Fluss wieder gerade abfließen kann.

Haben die THW-Leute aus Sachsen mehr Fähigkeiten als andere, weil sie an der Elbe und Nebenflüssen bereits große Hochwasser bewältigt haben?

An der Elbe ist das Hochwasser ja wirklich langsam gewachsen. Diese plötzliche Wucht der Wassermassen in NRW ist allenfalls mit Geschehnissen im Erzgebirge in Pockau oder an der Weißeritz in Weesenstein zu vergleichen. Wir sind befähigt, weil wir teils schon lange dabei sind und Erfahrung haben.

Was lässt sich aus dem Einsatz im Westen für uns als Lehre ziehen?

Ich denke, die Zusammenarbeit mit den Organisationen, mit den Gemeinden im Kreis muss schneller und umfassender sein. Da darf man nicht zögern oder Angst vor Kosten haben.

Können Sie das konkreter machen?

Wir als THW sind ja eine Bundesorganisation. Wir müssen angefordert werden. Einfach rausfahren geht nicht. Die Anforderung muss von den Gemeinden, von der Feuerwehr, vom Katastrophenschutz kommen. Unsere Fachberater sollten gleich zu Beginn der besonderen Situation mit am Tisch sitzen. Das passiert aus unserer Sicht noch zu spät.

Weil mancher wegen der Kosten für den THW-Einsatz abwartet?

Dafür wurde ja voriges Jahr das THW-Gesetz geändert, welches besagt, dass vieles nicht in Rechnung gestellt wird, wenn es keinen Verursacher gibt, es also Sturm, Flut oder Feuer ist, was hereinbricht. Dann kann man uns als THW ganz normal mit anfordern. Dafür sollten wir direkt mit dem Geschehen mit an der Beratung teilnehmen. Um besser vorbereitet zu sein. Beispiel: Ein großer Flächenbrand, der sich bis in die Dunkelheit hinzieht, zu dem am Abend für den Einsatz Scheinwerfer gebraucht werden. Solche Situationen haben wir trainiert und können sie auch schon im Voraus planen. Wenn wir dann rechtzeitig einbezogen sind, können die Scheinwerfer schon da sein, wenn es dunkel wird und nicht erst dann angefordert werden. Wir haben längere Anrückzeiten, die vorher geplant werden könnten. Kurz: Ruft unsere Fähigkeiten eher ab.

Gibt es technische und Ausrüstungsdinge, die Sie mit der Erfahrung aus NRW hier noch gebrauchen könnten?

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