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Steinway auf Odyssee

Die Villa Teresa in Coswig erhält bald ihren restaurierten historischen Flügel von Eugen d’ Albert zurück.

Eugen d´Alberts Steinway-Flügel – dass solch ein historisches Instrument, das von einer Persönlichkeit der Musikgeschichte gespielt worden ist, wieder am authentischen Ort erklingt, dürfte einmalig in Deutschland sein.
Eugen d´Alberts Steinway-Flügel – dass solch ein historisches Instrument, das von einer Persönlichkeit der Musikgeschichte gespielt worden ist, wieder am authentischen Ort erklingt, dürfte einmalig in Deutschland sein. © Villa Teresa

Coswig. Früh, am Morgen des 2. Juni, machten wir uns auf den Weg nach Hamburg, um einen alten Herrn zu besuchen. Er befindet sich zurzeit dort in einer Reha-Maßnahme“, das schrieb Brigitte Köhler. Die Rede ist von einem Flügel der Firma Steinway. Genauer gesagt, vom Instrument 92001, den die Firma Steinway und Sons in ihrem Hamburger Werk gefertigt hatte, und zwar im Jahr 1898.

Brigitte Köhler, die Vorsitzende der Teresa Carreño und Eugen d´Albert Gesellschaft Coswig e. V., hatte sich gemeinsam mit anderen Musikliebhabern auf den Weg nach Hamburg gemacht, um die dortige Klangmanufaktur zu besuchen, wo der Flüge restauriert wurde. Die Anregung dazu war von Ragna Schirmer, einer der profiliertesten europäischen Pianistinnen, gekommen. Sie hatte auf Bitten von Christiane Böttger, der Leiterin der Villa Teresa, eine Einschätzung dazu geschrieben, ob der Flügel restauriert werden soll. 

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„In Ihrem Fall handelt es sich um ein Instrument von historischem Wert, weil es einem der größten Pianisten der Geschichte gehörte. Zum anderen möchten Sie es - wunderbar, mich jucken schon sämtliche Zellen - zum Klingen bringen, für Konzerte spielbar machen. Hier ist ganz besonderes Fingerspitzengefühl vonnöten: Ich empfehle eine Überarbeitung mit großem Bedacht. Jedes Einzelteil des historischen Apparates muss angeschaut und geprüft werden, ob es erhalten werden kann oder ersetzt werden sollte. Im Falle des Ersetzens muss ein Teil ausgewählt werden, das den historischen Gegebenheiten und der historischen Bauweise entspricht. Da kann eine winzige Schraube alles beeinflussen. 

Dieses Fingerspitzengefühl sowie die notwendige Expertise und Kontakte zu den entsprechenden Firmen - Hersteller historischer Filze, Schrauben etc. - haben die Mitarbeiter der Klangmanufaktur in überragender Weise.“ Damit war die Entscheidung für die Hamburger Firma, die sich auf die Restaurierung von Steinway-Instrumenten spezialisiert hat, gefallen.

Verpfändet in Starnberg

Bevor der Coswiger Flügel aber nach Kötitz kommen konnte, hatte er eine verrückte Odyssee hinter sich. Eugen d’Albert hatte ihn 1898 in Köln gekauft und am 26. November erstmalig im großen Saal des Casinos von Elberfeld - heute Stadtteil von Wuppertal - öffentlich gespielt. Davon zeugt auch, dass sich d’Alberts unter dem Notenpult verewigt hat.

Das Instrument sollte den britisch-schweizerischer Komponisten und Pianisten Jahrzehnte hindurch begleiten. Eugen d’Albert war am 10. April 1864 in Glasgow geboren worden und am 3. März 1932 in Riga gestorben. Bei den Arbeiten in der Hamburger Klangmanufaktur war im Flügel ein „Kuckuck“ des Finanzamtes Starnberg mit Datum 10. 12.1934 entdeckt worden. Offenkundig war das Instrument, zwei Jahre nach Eugen d’Alberts Tod gepfändet worden. 

Dann verliert sich seine Spur im Dunkel der Geschichte. Bis er fast vierzig Jahre später wieder auftauchte. „Willy Flingelli, ein bekannter Münchner Herrenmaßschneider und auch Maler, sieht auf dem Weg zum Zahnarzt den Steinway-Flügel in einer Münchner Klavierhandlung und kauft ihn spontan“, hat Brigitte Köhler herausgefunden. 2003 zieht die Familie Flingelli um. „Aber der Flügel passte nicht durchs Treppenhaus, und weil die neue Wohnung dem Münchner Stadtmuseum gegenüberlag, hat man ihm das Instrument kurzerhand angeboten“, erzählt Villa-Chefin Christiane Böttger.

Im Münchner Stadtmuseum steht der Flügel auf dem Gang, niemand weiß etwas mit ihm anzufangen, er dient den Besuchern höchstens als Kleiderablage. Doch dann finden Museumsmitarbeiter heraus, dass es in Coswig, genauer im Stadtteil Kötitz das Kammermusikzentrum Villa Teresa gibt, einen authentischen Ort, wo Eugen d’Albert gelebt und gearbeitet hat und bieten ihn der Villa als Dauerleihgabe an.

So kommt der Flügel am 23. September 2010 nach Coswig. Und es soll noch einmal fast zehn Jahre dauern, nämlich bis zum April 2019 bis das Instrument in den Besitz der Teresa Carreño und Eugen d´Albert Gesellschaft gelangt - und zwar als kostenlose Übertragung.

Konzertflügel statt Museumsstück

„Es sind immer wieder Pianisten zu uns gekommen, die versucht haben, auf dem Flügel zu spielen, aber da kam nicht viel dabei heraus“, so Christiane Böttger. Damit stand die Frage im Raum, was mit Eugen d’Alberts Steinway werden sollte. Sollte man ihn aufarbeiten lassen, nicht als Museumsstück, sondern als Konzertflügel für die Programme in der Villa Teresa. Schließlich fiel die Entscheidung für die letztgenannte Option.

„Bei der Aufarbeitung historischer Flügel gibt es verschiedene Philosophien. Sie reichen vom einen Extrem: totale Entkernung des alten Korpus und Einbau einer neuen Mechanik bis zum anderen Extrem - Erhalt jedes noch so maroden Einzelteiles unter musealen Gesichtspunkten ohne Frage nach der Funktionalität. Dazwischen gibt es natürlich jede Menge Versionen.“

Was den Coswiger Steinway betrifft, liegt die Wahrheit wohl eher in der Mitte, denn einzelne Teile, die nicht mehr den Anforderungen der Spielpraxis genügen, sind ausgebaut worden. Sie werden allerdings nicht weggeworfen, sondern am 2. Oktober im Rahmen eines Benefizkonzertes zum 156. Geburtstag Eugen d’Alberts mit Andrei Gologan versteigert.

Damit wären wir beim lieben Geld. Rund 50. 000 Euro wird die Sanierung des Flügels kosten. So viel kann man für ein Auto ausgeben. Und auch hierzu hat Ragna Schirmer einen klaren Standpunkt: „Vorwegschicken möchte ich eine Anmerkung zu einem grundsätzlichen Aspekt des Vergaberechts bzw. der Vergabepraxis für (öffentliche) Aufträge: Weit verbreitet ist die Auffassung, der Auftraggeber habe das billigste Angebot zu wählen. Dies ist unzutreffend. 

Richtig ist vielmehr, dass das wirtschaftlichste Angebot zu wählen ist; und dies ist - gerade wenn es um historische Instrumente geht - in den seltensten Fällen jenes, das einfach nur den niedrigsten Preis bietet. Zu beachten sind neben dem Preis weitere Faktoren, insbesondere die Qualität (der Arbeit, des Materials etc.), eventuell besondere Expertise des Anbieters, Service, fällige Garantieleistungen und weiteres mehr.“ Und dann verweist sie darauf, dass die Klangmanufaktur Hamburg ihr Netzwerk aus hochkarätigen Klaviertechnikern ausbaut, „das sich dann auch jeweils vor Ort um die Instrumente kümmert“.

Trauminstrument für Pianisten

Bliebe die Frage, ob sich durch die Instandsetzung des Steinway-Flügels für die Stadt Coswig - die sich immerhin bereiterklärt hat, bis zu 19.000 Euro zuzuschießen, falls das Geld nicht durch Spenden zusammenkommt - ein Mehrwert ergibt. Ragna Schirmer etwa schreibt zum Schluss ihres Briefes: „Ich wünsche Ihnen viel Erfolg für Ihre Entscheidung, den Flügel in die bestmöglichen Hände zu geben und freue mich schon, diesen Flügel eines Tages anschauen und hoffentlich spielen zu dürfen.“

Christiane Böttger geht davon aus, dass sich die Pianisten die Klinke in die Hand geben werden um auf Eugen d´Alberts Flügel in der Villa Teresa zu spielen. Der Erste wird Hinrich Alpers sein. Er wird am 15. November den alten neuen Steinways erklingen lassen. Christiane Böttger: „Er freut sich schon wie ein kleiner König.“

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