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Supermarkt statt Bühne

Der Meißner Künstler Bernd Pakosch jammert nicht, sondern verdient seinen Unterhalt im Radebeuler Rewe-Markt - mit der Aussicht auf die ersten Auftritte.

Zusammenstellen, was Kunden online im Rewe-Markt im Löma-Center Radebeul bestellen - das ist derzeit der Job von Bernd Pakosch, Musiker und Liedermacher.
Zusammenstellen, was Kunden online im Rewe-Markt im Löma-Center Radebeul bestellen - das ist derzeit der Job von Bernd Pakosch, Musiker und Liedermacher. © Arvid Müller

Radebeul/Meißen. Der Kalender auf der Internetseite von Bernd Pakosch ist leer. Nicht ein Eintrag. Kein Konzert, kein Auftritt. Und dennoch übt er jeden Tag. „Eine halbe Stunde zumindest mit der Gitarre oder der Ukulele. Sonst geht die Hornhaut an den Fingern weg und es tut wieder weh. Die Finger müssen beweglich bleiben“, sagt der Meißner, der im Radebeuler Rewe-Markt im Löma-Center arbeitet.

Der heute 63-Jährige hat mal Schmied im Stahlwerk Riesa gelernt. Und erst nebenher und später im Haupterwerb Musik gemacht. Ein Musikstudium in Dresden hat ihn dazu noch besser befähigt. „In verschiedenen Bands habe ich gespielt. Zu DDR-Zeiten konnte man davon leben. Nach der Wende nicht mehr“, sagt Pakosch. Was ihn nicht bekümmerte. Der 1,92 Meter große Mann mit der angenehm klaren Stimme hat sich aufs Liedermachen spezialisiert. Gerhard Gundermann, Inga Rumpf, Konstantin Wecker, Rainer Maria Rilke, die Bands Silly und Lift nennt er als Vorbilder und Anreger für seine Musik.

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Einer der letzten Auftritte von Bernd Pakosch im Frühjahr 2020 mit Gundermann-Liedern
Einer der letzten Auftritte von Bernd Pakosch im Frühjahr 2020 mit Gundermann-Liedern © privat

Es gibt Auftritte von ihm, mit Christian Mögel am Klavier unter dem Titel „Das purpurrote Segel“ - eine musikalische Lesung nach der Erzählung von Alexander Grin. Eine DVD vom Auftritt am 8. März 2020 in der Yenidze Dresden verschenkt Pakosch an Freunde und Mitstreiter, damit er in Erinnerung bleibt. Denn nach diesem letzten Auftritt vor der ersten Corona-Welle war Schluss. Nichts mehr beim Liedermachertreff in Leipzig, nicht mehr in Dresden oder in dem Kleinkunsttheater auf der Dresdner Straße in Meißen, mitorganisiert von Folkmusiker Peter Braukmann und Tilo Schiemenz.

Pakosch hat schon immer nach Auswegen gesucht. Erst mit der Arbeit in einem Dresdner Bio-Markt, dann beim Rewe in Radebeul. 20 Stunden haben gereicht, um die Miete, Telefonrechnungen und die Versicherungen zu bezahlen. Er wollte unabhängig als Künstler sein und nicht aus Geldnot Aufträge annehmen müssen, die nicht seinem Ansinnen entsprechen.

Texte von Rainer Maria Rilke zum Beispiel, gesungen und mit Piano, Cello und Gitarre begleitet. Die und andere CDs verkauft er auch. Ein Zubrot, um sich mal neue Instrumente, Software fürs Minimusikstudio oder Gitarrensaiten zu kaufen. Nichts zum Davon-Leben, sagt er.

Weil es aber dieses Zubrot nun seit fast einem Jahr auch nicht mehr gibt, hat der Musiker die Stunden im Supermarkt aufgestockt, auf 30 in der Woche. Da muss er flexibel sein, denn Bernd Pakosch ist für das Zusammenpacken der Online-Bestellungen der Kunden zuständig. Nicht jeden Tag wird gleichviel bestellt. Manche holen den Warenkorb dann vor dem Markt ab. Anderen - etwa in Quarantäne - fährt er die bestellten Lebensmittel an die Haustür.

Wenn es wieder losgeht, wird der Dienstplan angepasst

Der Musiker sagt: „Ich habe noch nie in so einem motivierten und gut gelaunten Kollektiv gearbeitet. Da macht es wirklich Freude.“ Allerdings werde dann meist nur an den Wochenenden der Kopf wieder frei für Kreatives. Im Computer von Bernd Pakosch sammeln sich Fragmente von Textideen und Musikschnipsel, die immer wieder ergänzt und bearbeitet werden. Und: Es gibt ja das fertige Programm vom purpurroten Segel, das nach dem abrupten Abbruch wieder auf die Bühne soll. Eine neue eigene CD ist ebenfalls in Arbeit.

Erste vorsichtige Buchungen, ohne Gewähr, dass die Auftritte auch wirklich stattfinden, trudeln bei ihm ein. Zu Pfingsten in Meißen, im Juli im Dresdner im Societätstheater, möglicherweise ein Freiluftkonzert in Rotta bei Wittenberg. Alles mit dem Vielleicht versehen. Die Sehnsucht, wieder vor Menschen aufzutreten, sei groß.

Der Meißner Musiker mit dem Stunden-Job in Radebeul jammert nicht, hat keine staatliche Hilfe beantragt. Hoffnung und schon wieder ein Leuchten in den Augen hat er. Björn Keyser, sein Chef vom Rewe-Markt, habe ihm zugesagt, dass, sollte er wieder auftreten können, der Dienstplan im Markt angepasst werden kann.

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