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Weinböhla hat wieder mehr Einwohner

Die Gemeinde wächst um 135 Bürger und hält sich weiter von der 10.000-Einwohner-Grenze fern.

Von Udo Lemke
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Noch sterben in Weinböhla deutlich mehr als doppelt so viele Menschen wie geboren werden. In dem Maße wie junge Familien in die Gemeinde ziehen, wird sich das Verhältnis in Zukunft wieder günstiger gestalten.
Noch sterben in Weinböhla deutlich mehr als doppelt so viele Menschen wie geboren werden. In dem Maße wie junge Familien in die Gemeinde ziehen, wird sich das Verhältnis in Zukunft wieder günstiger gestalten. © Arvid Müller

Weinböhla. Der Jahresanfang ist die Zeit der Zahlen. Wie viele Kinder sind im abgelaufenen Jahr geboren worden, wie viele Menschen sind gestorben, wie viele weggezogen und wie viele dazu gekommen? Auf SZ-Nachfrage liefert auch die Gemeinde Weinböhla die Zahlen und gibt gleich einen Hinweis mit: „Bitte beachten Sie: Es handelt sich um nichtamtliche Zahlen, sondern um die unseres Einwohnermeldeamtes zum 31. 12. 2021!“

Mit anderen Worten: Die Zahlen des Einwohneramts der Gemeinde Weinböhla sind nicht amtlich. Amtlich sind nur die, die das Statistische Landesamt in Kamenz herausgibt, und die stimmen nicht mit denen vor Ort direkt erhobenen überein. So verharrt bei den Kamenzer Daten die Einwohnerzahl von Weinböhla seit gefühlten 800 Jahren bei der Bevölkerung per 31.12.2020 bei 10.367.

Das Weinböhlaer Meldeamt gibt aber 10.528 an und für 2021 sogar 10.663, also ein Plus von 135! Das heißt, dass die Gemeinde wiederum gewachsen ist. Das ist umso bemerkenswerter als sich die Einwohnerzahl damit weiter von der magischen Zahl 10.000 entfernt. Rutscht Weinböhla unter diese Zahl, würde die Gemeinde bedeutend weniger Geld vom Freistaat erhalten.

Dass Weinböhla nach den Städten Riesa, Radebeul, Meißen, Coswig und Großenhain mittlerweile an sechster Stelle der Einwohnerzahl im Landkreis Meißen liegt und nun auch Nossen überholt haben dürfte, ist für Bürgermeister Siegfried Zenker (CDU) kein Kriterium: „Wir führen keinen Wettbewerb um einen Platz auf der Liste der einwohnerstärksten Orte im Landkreis - dies ist für uns nicht bedeutsam. Als traditionell finanzschwache Kommune - Platz 24 von 28 auf der Rangliste der Finanzstärke im Landkreis Meißen - ist für uns die nachhaltige Absicherung der Gemeindegrößenklasse über 10.000 Einwohner viel wichtiger.“

Nicht besonders gut, schneidet Weinböhla beim Verhältnis von Geburten und Sterbefällen ab, womit sich die Gemeinde im sächsischen Trend befindet. Die Zahl der Geburten in Weinböhla ist von 2020 von 74 auf 65 im Jahr 2021 zurückgegangen. Die Zahl der Sterbefälle hat sich von 150 auf 159 erhöht. Die Zahl der Sterbefälle ist also deutlich doppelt so hoch wie die Zahl der Geburten. „Natürlich ist es unser Wunsch, dass sich Weinböhla perspektivisch wieder gewissermaßen selbst erhält, also ähnlich viele Geburten wie Sterbefälle zu verzeichnen hat. Mit dem Zuzug junger Familien sind wir dabei natürlich auf dem Weg zu einer solchen Entwicklung.“ Das Ganze funktioniert allerdings nur, wenn sich junge Leute für einen Hund statt eines Kindes entscheiden.

Wieder positiv ist ein anderer Saldo. Die Zahl der Wegzüge aus Weinböhla hat sich von 2020 mit 494 auf nur noch 379, das sind 115 weniger, also etwa 20 Prozent oder ein Fünftel, extrem verringert. Worauf führen Sie das zurück? Diese positive Entwicklung führt der Bürgermeister darauf zurück, dass Weinböhla für noch mehr Menschen so attraktiv geworden ist, dass man schlicht und ergreifend keinen Grund mehr habe, der Gemeinde den Rücken zu kehren. „Wir denken, Projekte wie das altersgerechte Wohnen am Schwarzen Weg oder das Freie Gymnasium Weinböhla entfalten ihre Wirkung. Wir freuen uns jedenfalls sehr.“

Gibt es in Deutschland genügend Wohnungen? Brauchen wir mehr Schulen, Studienplätze oder Altenheime? Wo muss der Staat für seine Bürger investieren? Um diese und andere Fragen zu beantworten, führen die Statistischen Ämter des Bundes und der Länder in Deutschland alle zehn Jahre einen Zensus – auch bekannt als Volkszählung – durch. Der neue Zensusstichtag ist der 15. Mai 2022. Ursprünglich sollte der Zensus 2021 durchgeführt werden, wurde aber wegen Corona verschoben.

Mit dieser statistischen Erhebung wird ermittelt, wie viele Menschen in Deutschland leben, wie sie wohnen und arbeiten. Viele Entscheidungen in Bund, Ländern und Gemeinden beruhen auf Bevölkerungs- und Wohnungszahlen. Um verlässliche Basiszahlen für Planungen zu haben, ist eine regelmäßige Bestandsaufnahme der Bevölkerungszahl notwendig. In erster Linie werden hierfür Daten aus Verwaltungsregistern genutzt, sodass die Mehrheit der Bevölkerung keine Auskunft leisten muss.

In Deutschland ist der Zensus 2022 eine registergestützte Bevölkerungszählung, die durch eine Stichprobe ergänzt und mit einer Gebäude- und Wohnungszählung kombiniert wird. „Eine reine Auszählung der Melderegister zur Einwohnerzahlermittlung ist allerdings nicht ausreichend, denn: Nicht alle Angaben aus den Melderegistern sind präzise und aktuell“, argumentiert das Statistische Bundesamt.

Weinböhlas Bürgermeister Siegfried Zenker kritisiert dies. „Wir empfinden es grundsätzlich als Entmündigung, dass unsere gemeindlichen Einwohnerzahlen faktisch für unwichtig bzw. gar unwahr erklärt werden. Wir wissen aber, dass unsere Daten verlässlich sind. Eine Volkszählung, die keine wirkliche Zählung ist und - losgelöst von der Wirklichkeit - auf Stichproben, Hochrechnungen und Modellierungen beruht - stellt sich selbst infrage.