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Weinböhlaer Pharmawerk als Chance für die Lausitz

Die Firma würde gern mehr ihrer gefragten Produkte aus Huminsäuren herstellen - es fehlen Rohstoffe wie Braunkohle vom Abraum. In Coswig wird gerade das Werk erweitert.

Einer der wichtigen Rohstoffe für das Pharmawerk Weinböhla sind Huminsäuren. Karin Beck-Piotraschke, promovierte Diplom-Chemikerin und Leiterin der Qualitätskontrolle, prüft im Labor die Qualität der Rohhuminsäuren.
Einer der wichtigen Rohstoffe für das Pharmawerk Weinböhla sind Huminsäuren. Karin Beck-Piotraschke, promovierte Diplom-Chemikerin und Leiterin der Qualitätskontrolle, prüft im Labor die Qualität der Rohhuminsäuren. © Norbert Millauer

Weinböhla/Dresden. Huminsäuren - schon mal davon gehört? Die wenigsten wissen, dass diese Stoffe aus bestimmten Braunkohlen gewonnen werden. Sie sind ein natürlicher Grundstoff, der in Medikamenten verarbeitet, in der Lage ist, nicht nur Bakterien, sondern auch Viren zu bekämpfen.

Das Weinböhlaer Pharmawerk an der Poststraße 58 stellt Arzneimittel mit solchen Huminsäuren her. Für den Menschen, als Arzneimittel für Tiere - Nutztiere wie Rinder und Schweine, aber auch Haustiere. 40 Mitarbeiter, Jahresumsatz rund zehn Millionen Euro. Das sind die Fakten.

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Nützlich sind solche Wirkstoffe bei Magen- und Darmproblemen. Viren, die dort die Schleimhaut zerstören und damit den Verdauungstrakt blank legen für den Angriff anderer gefährlicher Bakterien und Viren, die Entzündungen hervorrufen. Huminsäuren binden und zerstören diese Krankmacher bei Tieren wie bei Menschen. Studien dazu belegen das schon seit den 1970er-Jahren. Der Chemnitzer Veterinärmediziner und Pharmakologe und Chemiker Professor Manfred Kühnert hat zu DDR-Zeiten erkannt, welches Potenzial in diesen besonderen Säuren aus der Braunkohle steckt. Und zwar solchen Braunkohlen, die eher auf dem Abraum liegen, weil deren Heizwerk gering ist. Lange Jahre war Kühnert auch mit dem Werk in Weinböhla als Forschungsleiter verbunden.

In der Praxis helfen Arzneimittel mit Huminsäuren etwa in Schweinemastanlagen jenen Tieren, die mit Geschwüren in Magen und Darm kämpfen und ersetzen vielfach Antibiotika. Entzündungen, die beispielsweise durch Futter mit giftigen Rückständen aus Pflanzenschutzmitteln entstehen können.

Das Pharmawerk Weinböhla der PWA Dr. Haufe GmbH in der Poststraße, Ecke Bahnhofstraße.
Das Pharmawerk Weinböhla der PWA Dr. Haufe GmbH in der Poststraße, Ecke Bahnhofstraße. © Norbert Millauer

Die Weinböhlaer, die auch ein Produktionswerk an der Kesselsdorfer Straße in Dresden und eine Vertriebsfirma in Warendorf bei Münster haben und dies unter einer Holding mit dem Namen PWA Dr. Haufe GmbH vereinigen, sind ein kleiner, feiner Spezialbetrieb. Bis 2012 hat das Unternehmen vorwiegend in Lohnproduktion für Auftraggeber Produkte hergestellt. 2011 kaufte der promovierte Veterinärmediziner Svent Haufe, ein Sachse, das Unternehmen vom Vorbesitzer.

Neben den Arzneimitteln mit Huminsäuren werden in der Unternehmensgruppe auch Mittel gegen zu hohe Fettwerte (Cholesterin) und gegen zu viel Kalium im Blut - gefährlich etwa für Dialysepatienten - hergestellt. Rund vier Tonnen Grundstoffe verbrauchen die Pharmawerke Weinböhla aktuell für die Huminsäure-Medikamente, etwa 20 Tonnen für Tierarzneimittel und 400 Tonnen für Futtermittelzusätze. Mit steigender Tendenz.

Svent Haufe: „An der Poststraße in Weinböhla wird es für uns zu eng. Wir haben ein 17.000 Quadratmeter großes Grundstück im Coswiger Gewerbegebiet in der Straße Am Baggerteich 2 erworben und wollen uns dort erweitern.“ An der Stelle sind bereits vorhandene Gebäude der vorherigen Besitzer, die zumeist solide konstruiert wurden. Die Weinböhlaer wollen das Bestehende für ihre Ansprüche umbauen und modernisieren. „Unsere Futtermittelhalle, die Herstellung und die Verwaltung sollen dort konzentriert werden“, sagt Haufe. Reichlich zwei Millionen Euro beträgt die geplante Investitionssumme.

Große Nachfrage im Ausland

Zu stemmen ist ein solcher Aufwand für die kleine Firma, weil die Nachfrage nach ihren Produkten stetig steigend ist. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in Ländern wie Belgien, Österreich, den Niederlanden und Polen. Eine neue Absatzmöglichkeit tut sich gerade in Südamerika auf. Dort gibt es großes Interesse an den Weinböhlaer Arzneimitteln für die Humanmedizin.

Allerdings macht der Firmeninhaber auch auf die Probleme und potenzielle Lösungsmöglichkeiten aufmerksam. Zum einen fehlen ausreichend Rohstoffe, obwohl die in den deutschen Braunkohlegebieten eigentlich vorhanden sind. Haufe: „Bei der Umstrukturierung in den für die Schließung vorgesehenen Tagebauen kann es doch durchaus neue Arbeitsmöglichkeiten und damit Beschäftigung für die Gewinnung solcher Braunkohle mit Huminsäuren geben. Nur, dafür brauchen wir Unterstützung.“

Eine derartige Überlegung finde bei den dafür zuständigen Stellen derzeit allerdings nicht statt. Dabei, so der Veterinärmediziner und Unternehmer, wäre das eine der Lösungen innerhalb der Suche nach sinnvoller neuer Struktur ohne die großen Tagebaue. An sächsische Politiker habe Haufe schon mehrfach geschrieben - bisher ohne Antwort. Dabei seien die Medikamente, die in Weinböhla zertifiziert auf der Basis von Huminsäuren hergestellt werden, mindestens in Europa einzigartig, versichert Haufe.

In diesen Packungen stecken die Darmentgifter.
In diesen Packungen stecken die Darmentgifter. © Norbert Millauer

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Das zweite Problem sieht Veterinärmediziner in dem in Deutschland seit 2008 geltenden Preismoratorium für verschreibungspflichtige Arzneimittel. „Die Preise für Grundstoffe für Strom und Dienstleistungen sind seitdem bis zu 80 Prozent gestiegen. Wir können in Deutschland kaum noch wirtschaftliche Preise erzielen“, sagt der Weinböhlaer. Im Ausland dagegen, wie etwa in Polen und Südamerika, werde der Nutzen der Medikamente erkannt und auch so bezahlt, wie es ökonomisch sinnvoll für den Betrieb im Elbland ist. Und darauf baut der Betreiber des hiesigen Pharmawerkes und investiert in Coswig.

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