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Wenn die Praxis schließt

Viele Patienten der Siedlerstraße 1 in Coswig sind 80 plus - nun müssen sie bis Ende Mai einen neuen Arzt finden.

Dieses Schild an der Siedlerstraße 1 am Eingang zur Arztpraxis lässt viele ältere Patienten in Verzweiflung zurück - wo sollen sie jetzt einen neuen Arzt finden?
Dieses Schild an der Siedlerstraße 1 am Eingang zur Arztpraxis lässt viele ältere Patienten in Verzweiflung zurück - wo sollen sie jetzt einen neuen Arzt finden? © Norbert Millauer

Es gehe ihm doch nicht darum, in Hausschuhen zum Arzt gehen zu können. „Aber hier gibt es viele, die schaffen es kaum über den Hof.“ Karl-Otto Swoboda ist einer der vielen älteren Patienten der Gemeinschaftspraxis auf der Siedlerstraße 1 in Coswig, die in einem Quartier des Betreuten Wohnens liegt. Die Rede ist von bis zu 2.000 Patienten, die ab 1. Juni keinen Arzt mehr im Seniorenpark oder in der näheren Umgebung haben, denn eine der beiden Ärztinnen hat gekündigt, die andere ist im Mutterschutz. „Dabei wurde mit dem Slogan, dass der Arzt im Haus sei, dafür geworben, hier einzuziehen“, so Karl-Otto Swoboda.

Bittbrief des Oberbürgermeisters

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Betroffen ist auch Hans Meißner. Auch der 77-Jährige ist bislang Patient in der Siedlerstraße 1 gewesen. Nun muss er für sich und seine Frau einen neuen Arzt finden. Doch das sei in Coswig aussichtslos, meist heißt es, „dass niemand mehr aufgenommen wird“. Wenn seine Tabletten - er leidet unter Bluthochdruck - alle seien, werde er zu einem Arzt gehen. „Eigentlich müsste man mit ein paar anderen Betroffenen nach Radebeul fahren und dort die Notaufnahme blockieren.“ Oder aber die 112 wählen, was auch Karl-Otto Swoboda so sieht. Dann müsse ja jemand kommen.

Ein älterer Herr, der seinen Namen nicht in der SZ veröffentlicht sehen möchte, schrieb an die Redaktion: „Mit Bestürzung mussten wir feststellen, dass unsere Hausarztpraxis im Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) Coswig geschlossen wird. Wir wurden nur über zwei Aushänge vom Praxisteam informiert. Wir sind darüber sehr empört. Wir und andere Patienten müssen uns nun um einen neuen Hausarzt kümmern. Das ist in Coswig nicht so einfach, da viele Ärzte jetzt in den Ruhestand gehen. Wir sind schon bei drei Hausarztpraxen umsonst gewesen. Da wir beide schon im Rentenalter sind und chronisch krank, benötigen wir in jedem Quartal eine Untersuchung und verschreibungspflichtige Medikamente. Uns geht es aber nicht allein so, vielen Patienten, auch den Bewohnern des Seniorenparkes Coswig, wird damit die hausärztliche Versorgung genommen!“

Auch André Diersche wandte sich mit einem Hilferuf an die SZ. Er sei vom Personal in der Siedlerstraße 1 an die umliegenden Arztpraxen verwiesen worden, doch einige dieser „umliegenden“ Arztpraxen hätten schon an der Eingangstür den Hinweis stehen, dass keine neuen Patienten aufgenommen werden. „Heute Morgen war ich noch mal schnell in der Praxis, um mich mit Rezepten versorgen zu lassen. Dabei sah ich mehrere ältere Damen und Herren, welchen vor Verzweiflung um ihre Situation, die Tränen in den Augen standen.“

Eine ältere Dame erklärt im Vorraum der Siedlerstraße 1, dass man sich an den Oberbürgermeister mit der Bitte um Hilfe gewandt hatte. Thomas Schubert (parteilos) hat nach Bekanntwerden der Schließungspläne schon vor einer Woche einen Brief an Ärzte in der Stadt geschrieben. Darin heißt es, dass er von der Geschäftsführung des Gesundheitszentrums Recura informiert worden sei, dass der hausärztliche Bereich des Medizinischen Versorgungszentrums Coswig leider im Juni 2021 schließen müsse. „Diese Situation bedauere ich sehr, da die hausärztliche Grundversorgung momentan nicht mehr gewährleistet ist.“ Und: „Ich gestatte mir, mich mit der großen Bitte an Sie zu wenden, einen Teil dieser Patienten in Ihre Praxis aufzunehmen.“

Hoffnung auf Nachbesetzung

Einen Hoffnungsschimmer gibt es allerdings. Er sei von der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen (KVS) darüber informiert worden, dass Coswig nicht mehr als medizinisch überversorgt gelte, so Oberbürgermeister Thomas Schubert.

Auf Nachfrage bei der Landesgeschäftsstelle der KVS in Dresden, erklärte Pressesprecherin Katharina Bachmann-Bux: „Das MVZ Coswig ist bei bestehenden Arztsitzen angestellter Ärzte verpflichtet, für eine Vertretung zu sorgen.“ Es sei richtig, dass der hausärztliche Planungsbereich Radebeul, zu dem Coswig gehört, nicht mehr von Zulassungsbeschränkungen betroffen ist. „Es besteht also die Möglichkeit, dass sich ein neuer Arzt in Coswig niederlassen könnte.“ Also auch in der Siedlerstraße 1.

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