merken
PLUS Radebeul

Wie Fledermäuse vergrämt werden

In Moritzburg müssen die letzten Bewohner der alten Mittelschule ausziehen. Das geschieht auf besondere Art und Weise.

Der Spalt unter dem Gesimsblech ist nur 1,5 Zentimeter breit. Hier an der ehemaligen Mittelschule Moritzburg haben Fledermäuse ihr Quartier eingerichtet.
Der Spalt unter dem Gesimsblech ist nur 1,5 Zentimeter breit. Hier an der ehemaligen Mittelschule Moritzburg haben Fledermäuse ihr Quartier eingerichtet. © Thomas Frank

Moritzburg. Thomas Frank zeigt auf die schwarzen Folien, die an der Fassade der ehemaligen Moritzburger Mittelschule hängen. Unter diesen Folien sind die Nester von Fledermäusen. Auch Mauersegler und Hausrotschwanz suchen in den Nischen und Ritzen Unterschlupf.

Seit etwa zehn Jahren wird das Gebäude nicht mehr als Schule genutzt. Die Tiere waren aber offenbar schon vorher hier, vermutet Bürgermeister Jörg Hänisch (parteilos). Diplombiologe Thomas Frank ist in der Gegend ein gefragter Fachmann. Er betreibt ein Büro für Artenschutz und hat sich auf Bauplanung und Sanierung spezialisiert.

Anzeige
Große Jubiläumsaktion bei XXL KÜCHEN ASS
Große Jubiläumsaktion bei XXL KÜCHEN ASS

Zum 25-jährigen Geburtstag gibt es bei den sieben XXL KÜCHEN ASS-Fachmärkten in Sachsen den gewohnten Service und tolle Jubiläumsangebote.

Fledermäuse und auch die genannten Vogelarten sind streng geschützte Tiere. Was aber tun, wenn ein Haus saniert, oder, wie in Moritzburg, abgerissen werden soll und noch solche tierischen Bewohner hat? Dann wird so ein Fachmann wie Thomas Frank geholt, um zu beraten und die Tiere zu vergrämen.

Nicht einfach verscheuchen, sondern einen Plan aufstellen und diesen verwirklichen, wie Fledermäuse und Vögel umgesiedelt werden können. Zuerst fertigt Frank ein Gutachten, macht Fotos und zählt Nester. Von den Fledermäusen hat er 26 Quartierstellen festgestellt - seine Erfahrung sagt ihm, dass es etwa 40 sein werden. Zehn Brutplätze von Mauerseglern hat er gefunden, wahrscheinlich sind es doppelt so viele.

Weil das Gebäude demnächst abgerissen werden soll, müssen die geschützten Tiere umziehen. Aufgehängte Folien vor den Quartiere helfen dabei. Die Fledermäuse können raus, aber nicht wieder rein.
Weil das Gebäude demnächst abgerissen werden soll, müssen die geschützten Tiere umziehen. Aufgehängte Folien vor den Quartiere helfen dabei. Die Fledermäuse können raus, aber nicht wieder rein. © Matthias Schumann

In Moritzburg am Schulbau, dessen Abriss in zwei Wochen beginnen soll, ist der Biologe seit Ende September aktiv. Bereits vorher sind an benachbarten Gebäuden schwarze Fledermauskästen angebracht worden. An der Grundschule sind unterm Dach Mauerseglerkästen zu erkennen. Beides gut an die Hausarchitektur angepasst.

Die Methode des Vergrämens ist verblüffend einfach. Hängen die Folien vor den Quartieren, können die Fledermäuse und Vögel zwar rausfliegen, aber nicht wieder zurück, erläutert der Experte. Raus müssen sie, weil sie ja Hunger haben. Und auf dem Rückweg merken sie spätestens am dritten Tag, dass sie sich ein neues Quartier suchen müssen.

Das Angebot mit den Kästen, keine 100 Meter entfernt, kommt da genau richtig. Unterhalb der neuen Fledermausbehausungen zeigt Thomas Frank auf kleine schwarze Spuren. Kot von den Tieren. „Die Ersten haben schon die neuen Quartiere angenommen“, so der Biologe. Außerdem sind die neuen Kästen so angelegt, dass sie untereinander verbunden sind. Sogenannte Großraumquartiere, innerhalb derer die Fledermäuse sogar wechseln können.

Diplombiologe Thomas Frank organisiert den Umzug der Fledermäuse. Die Zeit jetzt im Herbst ist für die Umsiedlung genau richtig, so der Fachmann.
Diplombiologe Thomas Frank organisiert den Umzug der Fledermäuse. Die Zeit jetzt im Herbst ist für die Umsiedlung genau richtig, so der Fachmann. © Matthias Schumann

Die Zeit jetzt im Herbst ist für die Umsiedlung genau richtig, so der Fachmann. Es muss noch warm genug sein, dass Fledermäuse ausfliegen und Futter suchen. In den kalten Winterwochen bleiben sie im Nest und kommen kaum heraus. Zugleich darf für die Vögel keine Brutzeit mehr sein.

Die Moritzburger Mittelschule ist offenbar der ideale Ort für die Besiedlung von Mauerseglern und Fledermäusen. Neben der Kirche ist es im Ort das höchste Gebäude. Der Flugweg zum Futter in die nahen Wiesen und Büsche ist gering. „Die waren mit großer Sicherheit auch schon hier, als die Schule noch besucht wurde. Sowohl die genannten Vogelarten wie auch die Fledermäuse sind an Menschen gewöhnt“, sagt Frank.

Der Biologe lobt genau diese Vorgehensweise der Gemeinde, solche gemeinsamen Wege von Naturschutz und Bauvorhaben zu suchen. Vielfach werden die Naturschützer als Verhinderer bezeichnet, hier sei es bestens Hand in Hand gegangen. Eine niedrige vierstellige Summe wird für das Vergrämen und die dazugehörigen Arbeiten aufzuwenden sein.

Damit die Fledermäuse und Vögel nicht doch wieder zurückkommen, so Jörg Hänisch, müsse der Abriss ab Mitte Oktober dann zügig vorangehen. Bis spätestens Jahresende soll das geschehen sein.

Im nächsten Jahr werden an dem Standort ein Feuerwehrgerätehaus, eine neue Rettungswache sowie im Obergeschoss Räume für die benachbarte Grundschule errichtet, sagt Susan Lehmann, die in der Gemeindeverwaltung fürs Bauen zuständig ist.

Und damit die Moritzburger Grundschüler über ihre Fledermäuse auch noch ein wenig erfahren, sollen sie in den nächsten Tagen in die Naturschutzstation im Roten Haus eingeladen werden, kündigt Bürgermeister Hänisch an.

Mehr lokale Nachrichten aus Radebeul und Umgebung lesen Sie hier. 

Mehr zum Thema Radebeul