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Nur durch einen Zufall gibt es Nudossi noch

Der Kultaufstrich aus dem Osten findet deutlich mehr Absatz im Westen Deutschlands und macht Nutella Konkurrenz.

Süßer Aufstrich, so weit das Auge reicht: Die beiden Konditorenmeister Thomas (rechts) und Karl-Heinz Hartmann haben alles in Radebeul auf die Beine gestellt.
Süßer Aufstrich, so weit das Auge reicht: Die beiden Konditorenmeister Thomas (rechts) und Karl-Heinz Hartmann haben alles in Radebeul auf die Beine gestellt. © Jürgen Lösel

Radebeul. Konditormeister Karl-Heinz Hartmann erinnert sich gut an die Situation. Es war im November 1997. Der Freitaler hatte gerade erst die ehemalige Radebeuler Süßwarenfabrik Elbflorenz mit der Marke Vadossi erworben. Gestartet worden war an der Fabrikstraße im Radebeuler Westen mit einer neuen Stollenbackmischung. Zu einem Pressetermin wurde Hartmann von einem Journalisten gefragt, ob denn hier in Radebeul nicht Nudossi hergestellt worden sei. Der Nussnougataufstrich, den es zu DDR-Zeiten nur in den Delikatgeschäften zum damals hohen Preis von drei Mark und für jeden nur zwei Becher zu kaufen gab.

Karl-Heinz Hartmann beantwortet nicht nur diese Frage mit Ja, sondern auch die, ob denn Nudossi hier wieder hergestellt werden soll. „Ich habe einfach Ja gesagt, ohne die Konsequenzen schon zu kennen“, schmunzelt der Unternehmer heute.

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Hier entsteht die Nussnougatcreme mit dem hohen Anteil an Haselnüssen - bis zu 6,5 Millionen Gläser werden im Jahr abgefüllt. Die Firma macht insgesamt einen Umsatz von reichlich zwölf Millionen Euro und hat derzeit 35 Mitarbeiter.
Hier entsteht die Nussnougatcreme mit dem hohen Anteil an Haselnüssen - bis zu 6,5 Millionen Gläser werden im Jahr abgefüllt. Die Firma macht insgesamt einen Umsatz von reichlich zwölf Millionen Euro und hat derzeit 35 Mitarbeiter. © Arvid Müller
So sahen die Plastikbecher der Ost-Kultmarke Nudossi zu DDR-Zeiten aus. Zu kaufen gab es die in den speziellen Delikatläden. Jeder Kunde durfte nur eine begrenzte Zahl erwerben.
So sahen die Plastikbecher der Ost-Kultmarke Nudossi zu DDR-Zeiten aus. Zu kaufen gab es die in den speziellen Delikatläden. Jeder Kunde durfte nur eine begrenzte Zahl erwerben. © Arvid Müller
Heute gibt es Nudossi vorwiegend im Glas abgefüllt. Marktvorteile hat sich das Radebeuler Unternehmen vor allem verschafft, indem es ökologisch vorbildlich auf Palmölzusatz verzichtet.
Heute gibt es Nudossi vorwiegend im Glas abgefüllt. Marktvorteile hat sich das Radebeuler Unternehmen vor allem verschafft, indem es ökologisch vorbildlich auf Palmölzusatz verzichtet. © Arvid Müller

Was nach den sofort die Runde machenden Presseberichten an Reaktionen aus der Bevölkerung in den neuen Bundesländern einsetzte, war praktisch die Aufforderung, es nun auch wirklich zu bewerkstelligen. Doch da tauchten die nächsten Hürden auf: Woher die Rezeptur bekommen? Außerdem: Die Markenrechte hatte sich der Mitteldeutsche Rundfunk für Kindersendungen gesichert. Beides ging gut aus. Mit dem Rezept meldeten sich ehemalige Mitarbeiter von Elbflorenz, die sich die Zutaten für die Masseherstellung aufgeschrieben hatten. Bei einem Münchner Anwalt kauften die Hartmanns für eine mittlere fünfstellige Summe die Markenrechte.

Ein Lieferant für die Grundmasse wurde gefunden. Die typischen Plastikbecher mit dem roten Etikett bestellt. Eine Abfüllmaschine angeschafft. Bis zu 600.000 Becher verließen damals übers Jahr die Radebeuler Süßwarenfabrik. Junior Thomas Hartmann, ebenfalls Konditormeister, stieg in die Firmenleitung ein. Er sagt: „Nussnougatcremes mit Nudossi, Naschi und Nudossi Duo machten etwa die Hälfte unseres Umsatzes aus.“ Nach einer Insolvenz arbeiteten sich die Hartmanns selber wieder ins Plus und investierten sogar - in eine neue Halle, an die die Liefer-Lkws direkt andocken können, in die eigene Herstellung und eine neue Abfüllanlage.

Seit drei Jahren ohne Palmöl

Heute ist die Zahl der vorwiegend an Supermärkte wie Kaufland, Edeka, Rewe und Co. gelieferten Becher zehnmal so hoch. 2020 waren es 6,5 Millionen, eine Steigerung zu 2019 um ein Fünftel. Am Gesamtumsatz (12,5 Millionen Euro) ist der Anteil auf 70 Prozent gestiegen, neben Kalter Hund nach Oma Hartmanns Rezept (15 bis 20 Prozent) und der Weihnachtsbäckerei mit Stollen.

Thomas Hartmann sieht für den deutlichen Anstieg der Nachfrage nach dem süßen Brotaufstrich mehrere Gründe: „Wir haben schon vor drei Jahren damit begonnen, umweltschonend vom Palmölzusatz abzugehen. Mehr als die Hälfte der Nudossicreme gibt es jetzt im Glas und genau darauf achten immer mehr junge Familien, die uns kaufen und jetzt auch wahrnehmen, dass wir 36 Prozent Haselnuss drin haben, der Marktführer Nutella aber nur 13 Prozent.“

Wofür es für die Radebeuler auch mehrfach Auszeichnungen gab: schon 2009 bei einer Untersuchung von Öko-Test, bei der die Radebeuler vor dem Ferrero-Riesen in der Bewertung lagen und zuletzt wieder 2019 mit dem Titel „Deutschlands Kundensieger“, gekürt vom Deutschen Institut für Service und Qualität.

Dem Platzhirsch Prozente abgejagt

Nutella ist dennoch weiter der Platzhirsch im Supermarktregal. Allerdings schmolz deren Anteil von einst 80 Prozent auf heute 67 Prozent, sagt Thomas Hartmann. Nudossi ist dagegen auf fünf Prozent Marktanteil in Deutschland gewachsen - 2017 waren es noch 1,2 Prozent.

In diesen letzten drei Jahren wurde und wird ordentlich investiert, nicht über die Verhältnisse, sondern in drei Schritten. Erst neue Tanks für die Nussnougatmasse (2019), dann 2020 eine neue Kugelmühle für die Haselnüsse und in diesem Jahr soll Mitte Mai eine neue Abfüllmaschine aufgebaut werden. Die bisherige Anlage, Baujahr 2017, ist an ihre Kapazitätsgrenze gekommen. Die neue soll doppelt so viel schaffen.

Als Karl-Heinz Hartmann (r.) gefragt wurde, ob denn in Radebeul wieder Nudossi produziert werden würde, habe er "einfach Ja gesagt, ohne die Konsequenzen schon zu kennen", sagt er.
Als Karl-Heinz Hartmann (r.) gefragt wurde, ob denn in Radebeul wieder Nudossi produziert werden würde, habe er "einfach Ja gesagt, ohne die Konsequenzen schon zu kennen", sagt er. © Arvid Müller

Die beiden Konditormeister haben regelmäßig die Statistiken auf dem Tisch. Im Osten Deutschlands, wo Nudossi einen Bekanntheitsgrad von 86 Prozent hat, sei das Wachstum nahezu ausgereizt. „Im Westen konnten und wollen wir weiter zulegen.“ Thomas Hartmann weiß inzwischen, dass dort die jungen Leute nicht mehr zwischen Ost- und Westprodukt unterscheiden. Die Generation Greta achte auf ökologische Herstellung und wolle den Brotaufstrich im Glas und nicht im Plastikbecher haben. „Uns fehlten bisher die 60 Millionen Kunden im Westen“, sagt Hartmann Junior.

Denen schmeckt die Radebeuler Nussnougatcreme zunehmend. In den letzten Monaten tauchen die Gläser mit dem roten Etikett auch in Hessen, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und im Rhein-Main-Gebiet auf. Artikel über die Geschichte der Radebeuler Firma in der Wirtschaftswoche, dem Focus und im Handelsblatt haben den Absatz noch befeuert. „Unsere Online-Nachfrage ist sofort gestiegen“, sagt Thomas Hartmann.

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Und es wird weiter auf genau diese umweltbewusste Schiene - ohne Palmöl - gesetzt: Ab Mitte des Jahres werden auch Nudossi Duo und Naschi ohne den Zusatz von den Feldern aus Südamerika, stattdessen mit Sonnenblumenöl oder das der Salnuss, hergestellt und ins Glas abgefüllt.

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