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Wo die Wirte gleich nach dem Pfarrer kommen

Der Keulsche Hof in Weinböhla trotzt dem Lockdown mit vielen kreativen Ideen.

Der Keulsche Hof in Weinböhla leidet wie viele Gastro-Betriebe unter dem Lockdown. Umgebaut und mit vielen kreativen Ideen läuft das Restaurant trotz der Krisenzeit.
Der Keulsche Hof in Weinböhla leidet wie viele Gastro-Betriebe unter dem Lockdown. Umgebaut und mit vielen kreativen Ideen läuft das Restaurant trotz der Krisenzeit. © Norbert Millauer

Von Julian Wolf

Weinböhla. Es war ein kalter grauer Nachmittag jüngst in Weinböhla. Bei einer Temperatur von einem Grad Celsius fiel leichter Schneeregen auf den Kirchplatz. Die Geschäfte blieben zu. Es war ruhig, bis man um 15 Uhr Stimmen und Geräusche aus der Küche des Keulschen Hofs hören konnte. Fast schon merkwürdig, hat man sich doch langsam damit abgefunden, dass die Gastronomie in der Zwangspause ist. Pünktlich, sichtlich gut gelaunt, öffnet Chefin Petra Nielebock das Tor und bat in eines der vorgeheizten Gaststättenzimmer herein. Krisenbewältigung scheint Einstellungssache zu sein.

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Drinnen angekommen, erkennt man den Keulschen Hof kaum wieder. Schon im Flur des Eingangsbereiches gibt es Veränderungen. Wo normalerweise freundliche Kellner und Kellnerinnen bereitstehen, um den Besuchern die Plätze zuzuweisen, stehen diesmal nur ein Tisch, ein Tresen und Desinfektionsmittel. Die verschiedenen Gasträume wurden umgebaut. Weinflaschen, Biere und Spirituosen für die Mitnahme stehen bereit.

Immer wieder neue Ideen entwickeln

Die Zugänge zu den Toiletten und der Terrasse sind gesperrt. Die Aus- und Durchgänge werden von Trödel, Antiquitäten, Kunstwerken, Schallplatten und Musikinstrumenten geziert. Alles steht zum Verkauf. Gäste, die hier noch auf ihr Essen warten, verweilen meist kurz und kaufen einige Kunstgegenstände. Ein kreativer Einfall, der zeigt, dass Petra Nielebock gemeinsam mit ihrem Team immer wieder neue Ideen während der Corona-Pandemie entwickelt und auch verwirklicht.

„Die Krise hat uns in eine schwierige Lage gebracht“, erklärt die Inhaberin. „Doch man muss weiter aktiv und vor allem kreativ bleiben. Dann schaffen wir es, durch die Pandemie zu kommen.“ Der Weg durch die Krise erwies sich anfangs auch für Petra Nielebock als holprig. Sie investierte vor der Pandemie, renovierte das Lokal, erweiterte es durch einen Wintergarten, um mehr Sitzplätze anbieten zu können.

Zwangsschließung bedrückt die Unternehmerin

Die Expansion lief gut. Dann traf sie der erste Lockdown. „Vor der Krise konnten wir nicht klagen. Während der Schließung bauten wir weiter aus und planten für den Sommer“, berichtet die Wirtin. „Es war der richtige Schritt, denn trotz der nachfolgenden Abstandsregeln mussten wir im Sommer und Herbst keinerlei Plätze einbüßen.“

Die zweite Zwangsschließung bedrückt die Unternehmerin. „Was wir an Arbeit und Zeit in die Planungen unserer Hygienekonzepte und den Umbau unserer Gaststätte reingesteckt haben, brachte uns plötzlich nichts mehr“, so Petra Nielebock. „Die Kosten liefen weiter, aber unser Restaurant war zu. So kam mir die Idee, einen Abhol-Verkauf anzubieten.“ Sicherlich eine Einnahmequelle, aber gleichzeitig auch ein Glücksspiel.

Kochen für zehn oder 100 Leute

Kein Tag sei wirklich planbar, aber jeder ein harter Kampf. Für alle Speisen müssen die Zutaten gekauft und vorbereitet werden und Mitarbeiter zur Verfügung stehen. Egal, ob zehn Leute etwas zum Mitnehmen kaufen, oder es einhundert sind. Manche Tage laufen gut, manche gar nicht.

Diese Unsicherheit hat Konsequenzen. „Mein Koch ist weiterhin voll angestellt. Vier weitere Vollbeschäftigte musste ich in die Kurzarbeit schicken. Geringfügig Angestellte kommen nicht. Meine festen Mitarbeiter konnte ich alle halten“, sagt Petra Nielebock, die auch staatliche Unterstützung annahm. Mitte Januar bekam sie auch ihre November-Hilfen ausgezahlt. Darüber hinaus produziert sie viele langhaltbare Leckereien in Eigenregie - unter anderem eigene Barbecue- und Currysoßen sowie Gänseschmalz und geräuchertes Fleisch.

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Doch es ist nicht nur die finanzielle Unterstützung, über die sich Petra Nielebock freut. Es ist vor allem das Zwischenmenschliche: „Hier in Weinböhla kommen wir Gastronomen direkt nach dem Pfarrer“, meint sie. „Zu uns kommen viele Leute, die durch das Coronavirus ihren Lebenspartner oder einen guten Freund verloren haben. Wir können sie mit unserem Essen, unserem Dasein oder einem Scherz aufmuntern, obwohl uns selbst oft zum Weinen zumute ist. Viele Mails und Anrufe erreichen uns. Wir sollen nicht aufgeben. Ich bin mir sicher, solange die Solidarität bleibt und wir gesund sind, gehen wir gemeinsam noch stärker aus der Krise hervor.“

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