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Zu viel Wasser auf einmal

Winzer fordern dazu auf, alte Systeme wieder zu regenerieren. Radebeuls Oberbürgermeister Bert Wendsche hat ähnliche Ideen zur Wasserspeicherung.

Steine am Mittwoch auf der Straße unterhalb des Weinberges Goldener Wagen neben der Spitzhaustreppe. Der starke Regen hat offenbar eine der Mauern gesprengt, die Brocken sind zu Tal gestürzt.
Steine am Mittwoch auf der Straße unterhalb des Weinberges Goldener Wagen neben der Spitzhaustreppe. Der starke Regen hat offenbar eine der Mauern gesprengt, die Brocken sind zu Tal gestürzt. © Arvid Müller

Radebeul. Es ist verrückt. Wochenlang reicht der Regen nicht aus. Dann kommt alles auf einmal und richtet obendrein ordentlich Schaden an. Am Mittwoch hat das viele Wasser eine Weinbergsmauer gesprengt. Die Steine lagen auf der Straße darunter. Passiert ist glücklicherweise nichts. Wackerbarth-Mitarbeiter haben schnell die Steine weggeräumt.

Alles auf einmal kam auch vor einigen Wochen im Rieselgrund runter, der die jahrhundertealte Entwässerungsstraße für Wahnsdorf ist. Ähnlich sah oberhalb vom Jägerhof aus. Regenmassen haben Anfang August die Weinberge am Paradies ausgespült. 400 Tonnen Sand mussten hier schnell rausgekarrt werden, damit die Anwohner auf ihre Grundstücke gelangten.

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Udo Kühn, Winzer und Anwohner am Paradies, kennt in der Gegend jeden Baum und jeden Stein. Er kannte auch noch den Letzten aus der hier ansässigen Familie Barnewitz. Kühn: „Christian Barnewitz aus der Familie, die vor über 100 Jahren in halb Dresden die Kanalisation gebaut hat, zeigte mir, wie hier in den Weinbergen be- und auch entwässert wurde.“

Beim Gang durch einen verwilderten ehemaligen Park hebt der Winzer im Unterholz Platten hoch. Darunter öffnet sich ein tief in den Berg gemauerter Brunnen. Wenige Schritte weiter oben zeigt er auf den nächsten Wassereinlass in den zwar zugewucherten, aber immer noch erkennbaren Terrassen. Gleich gegenüber ist ein Brunnenschacht noch intakt und wird genutzt. Den Weinberg bewirtschaftet das Staatsweingut Schloss Wackerbarth.

Wasser in Brunnen gesammelt

Kühn sagt, dass in die Brunnen, von oben nach unten, überschüssiges Wasser bei zu viel Regen geflossen ist. „Wenn das Wetter trocken war, haben unsere Vorfahren aus den Brunnen geschöpft. Wackerbarth macht es noch heute so.“

Es gibt in Radebeul noch an vielen anderen Stellen solche individuellen Lösungen, die von Menschenhand angelegt worden sind. Am Goldenen Wagen, Sachsens edelste Lage im Weinanbau, schießen bei Starkregen immer wieder Wassermassen über die Terrassen und reißen teils gehörige Erd- und Steinmengen mit sich.

Winzer Udo Kühn hat am Paradiesweinberg alte Abflusssysteme und Brunnen entdeckt, die unsere Vorfahren angelegt haben.
Winzer Udo Kühn hat am Paradiesweinberg alte Abflusssysteme und Brunnen entdeckt, die unsere Vorfahren angelegt haben. © Peter Redlich

Allerdings gibt es Unterschiede. Während westlich der Spitzhaustreppe die Terrassen jeweils zu einer steinernen Treppe mitten im Weinberg hin geneigt sind, gibt es dies auf der östlichen Seite nicht. Friedrich Aust bewirtschaftet hier Rebstöcke auf der östlichen Seite. „Die Treppe am Goldenen Wagen auf der Ostseite wird sogar Wassertreppe genannt. Die leicht geneigten Terrassen spülen das Wasser bei starkem Regen von beiden Seiten zur Treppe wie zu einer Rinne hin. Die Treppe ist befestigt. Der Schaden ist allenfalls gering“, so Aust, der auch gelernter Steinmetz ist.

Steinerne Auffangbecken in den Terrassen

Der Winzer erinnert sich auch an steinerne Auffangbecken, welche die Weinbauern in den Terrassen zum Sammeln von großen Wassermengen gemauert hatten. Diese sind in den letzten Jahrzehnten Stück für Stück verschwunden.

Auf der Ostseite der Spitzhaustreppe kommt es - anders als auf der anderen Seite - wiederholt zu heftigen Ausspülungen. Ganz drastisch vor zehn Jahren, als eine Wasserblase hinter den Weinbergmauern immer dicker wurde und nachts schließlich platzte. Das Resultat: Tonnenweise Geröll, welches nur wenige Meter vor den darunterliegenden Wohnhäusern liegen blieb. Vor wenigen Wochen, Anfang August, wurde der Eggersweg quer durch die Terrassen erneut ausgespült. „Hier gab es mal eine Abflussrinne“, sagt Aust. 

Und: Zu DDR-Zeiten, als diese Starkregen wie in den letzten Jahren eher selten waren, sind die Steinfugen in den Weinbergmauern zur Sicherung einfach mit Mörtel zugeschmiert worden. Auch ein Grund, warum das Wasser nicht natürlich und kontrollierter ablaufen kann, sagt Radebeuls Oberbürgermeister Bert Wendsche (parteilos).

Das Stadtoberhaupt hat nach dem Gewitterregen Anfang August im Rieselgrund gerade erst gesehen, was Wassermassen ohne Regulierung anrichten können - nämlich ganze Felsbrocken und Asphaltplatten zu Tal schleudern.

Dabei hat der Rieselgrund als Entwässerungsstrecke für die Wahnsdorfer Felder bereits angelegte Auffangmöglichkeiten. Wendsche: „Der Teich auf halber Höhe war mal ein Steinbruch. Das 19. Jahrhundert war sehr nass. 1845 gab es das große Hochwasser. Damals ist der ehemalige Steinbruch als Auffangbecken angelegt worden.“ Auch hinter der Kinderarche-Villa oberhalb des Augustusweges gibt es im Weinberg eine Senke mit Staumauer zum Wasserauffangen, so Wendsche, der dort auch selbst Wein anbaut.

Nicht wenige der von unseren Vorfahren angelegten Kleinsysteme an den Elbhängen sind im 20. Jahrhundert in Vergessenheit geraten. Die Jahre waren nicht so regenreich. Es passierte weniger, sagt Wendsche. Deshalb sei jetzt die Gelegenheit, das noch Vorhandene wieder zu herzurichten, sodass es funktioniert.

Auffangteich im Rieselgrund

Im Rieselgrund hat die Stadt damit begonnen. Auf die Schnelle wurde schon mal der Auffangteich vom Geröll befreit. Die Drainageleitung sollte vergrößert werden. Wendsche: „Wir müssen wieder lernen, Wassermengen länger in den Gebieten zu halten, wo das Wasser gebraucht wird.“

Große Studien für ganz Deutschland sagen nichts anderes aus. Wasser gibt es in Deutschland mehr als genug – zumindest sagen das die Statistiken, so Focus Online. Laut Bundesumweltamt hat die mittlere jährliche Niederschlagsmenge in Deutschland seit Beginn der Aufzeichnungen (1881) sogar um rund zehn Prozent zugenommen. Und noch eine Zahl ist bemerkenswert: Von den 188 Milliarden Kubikmetern Wasser, die jährlich durch Flüsse und Regen ins Land kommen, werden nur knapp 13 Prozent verwendet.

„Der Regen fällt dummerweise nicht mehr, wann und wie wir ihn brauchen“, analysiert Matthias Schöniger im Gespräch mit Focus Online das Dilemma. Deswegen forscht der Hydrologe an der Universität Braunschweig an neuen Methoden für ein intelligentes Wassermanagement. Ziel ist es, das eigentlich vorhandene Wasser auf das gesamte Jahr und vor allem auf die bedarfsintensiven Sommermonate besser zu verteilen.

„Besonders wichtig ist, das Wasser möglichst lange in der Landschaft verweilen zu lassen“, erklärt Schöniger. Was der Experte damit anspricht, ist der massive Rückgang an natürlichen Wasserspeichern in Deutschland. Besonders durch die Austrocknung und Bebauung von Mooren und Auen wären in der Vergangenheit großflächig natürliche Süßwasserspeicher verloren gegangen. Nach Angaben des Naturschutzbunds Deutschland sind 95 Prozent der ursprünglichen deutschen Moore mittlerweile entwässert.

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