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Deutschland & Welt

Radfahrer fürchten um ihre Sicherheit

Der "Fahrradklima-Test" zeigt, dass 75 Prozent der Radler mit mulmigen Gefühl in die Pedale treten. Dresdens Baubürgermeister sieht die Ergebnisse als Ansporn.

Ein Radfahrer auf der Dresdner Straße in Freital. © Karl-Ludwig Oberthuer

Berlin. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer will den Radverkehr in Deutschland mit gesetzlichen Änderungen attraktiver und nutzerfreundlicher machen.

Er werde bis Pfingsten Vorschläge für eine Novelle der Straßenverkehrsordnung vorlegen, kündigte der CSU-Politiker dazu am Dienstag an. Denkbar sei zum Beispiel, Einbahnstraßen in Gegenrichtung für den Radverkehr zu öffnen.

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"Mit der Überarbeitung der Vorschriften wollen wir noch mehr Menschen dazu bringen, häufiger auf das Rad zu steigen", sagte Scheuer. 

Ein attraktiver und sicherer Fahrradverkehr könne besonders in urbanen Räumen und Metropolregionen dabei helfen, Staus zu vermeiden, den Verkehr flüssiger zu machen und Schadstoffemissionen zu reduzieren.

Hintergrund der Äußerungen ist eine neue Umfrage des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC): Laut dem "Fahrradklima-Test" fühlen sich Radfahrer in Deutschland im Straßenverkehr immer unsicherer.

Im Ergebnis bewerteten Radfahrer ihr Sicherheitsgefühl nur noch mit der Schulnote 4,2. Bei der vergangenen Befragung im Jahr 2016 lag dieser Wert noch bei 3,9. 

Vor allem in großen Städten haben Eltern Sorge, ihre Kinder allein auf dem Rad fahren zu lassen. Für das Stimmungsbarometer wurde zum Beispiel gefragt, ob Radfahren Spaß macht oder eher Stress bedeutet und wie sicher sich Radler fühlen. Viele Trends wertet der ADFC als ernüchternd. 

So gehe auch die Zufriedenheit beim Radfahren zurück: Mit der Schulnote 3,9 war der Wert schlechter als in den Jahren 2014 (3,7) und 2016 (3,8). Selbst die Sieger unter den Großstädten erhielten von Radfahrern keine besseren Gesamtnoten als eine Drei.

«Bei uns klingeln die Alarmglocken, wenn wir sehen, dass Radfahrerinnen und Radfahrer sich nicht sicher fühlen», sagte ADFC-Bundesvorständin Rebecca Peters. Deutschland brauche gute und breite Radwege, die getrennt von stark befahrenen Straßen verliefen.

Dresden verbessert sich etwas

Bremen, Hannover und Leipzig sind laut der Umfrage die fahrradfreundlichsten deutschen Städte mit mehr als 500.000 Einwohnern. Es gibt aber auch Kommunen, in denen Radfahrer gute Noten vergeben - vor allem in kleineren Städten. Bocholt und Reken, beide im Münsterland, sowie Baunatal in Hessen belegten die Spitzenplätze in ihren Einwohnerkategorien. Einen Sonderpreis als familienfreundlichste Fahrradstadt erhielt Wettringen im Münsterland.

Mit einer Durchschnittsnote von 4,0 hat sich Dresden im Vergleich zum letzten Test 2016  (Note 4,1) leicht verbessert. Nunmehr liegt die Stadt auf Platz 5 der bundesweit 14 Städte mit mehr als 500.000 Einwohnern. Baubürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain (Grüne) gibt sich aber selbstkritisch: "Dieser fünfte Platz resultiert auch aus den Defiziten anderer Städte."

Dennoch sieht sich Schmidt-Lamontain in der Tendenz bestätigt: "Wir haben in der letzten Zeit einige Anstrengungen unternommen, um Radfahren attraktiver und sicherer zu machen." Trotz der Bemühungen, Fahrradverkehr in Dresden zu fördern, überwiege jedoch die kritische Beurteilung. "Mein Ziel ist es, dass deutlich mehr Menschen im Alltag mit dem Rad in Dresden unterwegs sind."

Was kritisieren die Teilnehmer der Umfrage besonders?

75 Prozent der Dresdner fühlen sich beim Radfahren in der Stadt gefährdet. Nicht nur das Sicherheitsgefühl bewerten sie kritisch: 82 Prozent fühlen sich mit dem Rad auch an Baustellen unzureichend geschützt, 73 Prozent fühlen sich durch Hindernisse auf Radwegen gefährdet. Als großes Problem wird das Miteinander von Autos und Fahrrädern auf der Straße bewertet, 80 Prozent der Dresdner kritisieren das. 85 Prozent wünschen sich ein härteres Vorgehen gegen Falschparker und 89 Prozent schätzen die Ampelschaltungen für Radfahrer als schlecht ein. Ebenso kritisch wird betrachtet, dass nur wenige Einbahnstraßen für Radfahrer in die andere Richtung geöffnet werden und es kaum Winterdienst auf Radwegen gibt. Die Stadt mache auch kaum Werbung für das Radfahren.

Welche Punkte haben sich in der Stadt verbessert?

Es werde anerkannt, dass es Verbesserungen in der Stadt gegeben habe, sagt Konrad Krause, Geschäftsführer des ADFC Sachsen. Deutlich besser als den sächsischen Durchschnitt bewerten die Dresdner die Fahrradmitnahme in Bus und Bahn sowie die Verfügbarkeit von Leihfahrrädern. Hier liegt die Zufriedenheit bei 50 und 85 Prozent. Die Leihräder kommen dabei auf Note 2,5, das ist die beste Bewertung überhaupt. Die Fahrradmitnahme im ÖPNV schafft es auf eine 3,4. Generell sei das Stadtzentrum gut per Rad zu erreichen, ist die Meinung vieler Befragter und sie honorieren, dass es inzwischen mehr Kontrollen von Falschparkern auf Radwegen gibt.

Wie hat sich die Situation in den letzten fünf Jahren verändert?

Dresden weist eine fast gleichbleibende Entwicklung auf. Wurde die Fahrradfreundlichkeit 2012 mit der Note 4,0 bewertet, sank sie 2014 auf 3,9, stieg 2016 wieder auf 4,1 und lag 2018 wieder bei 4,0. Große Sprünge sehen anders aus. Allerdings gibt es Abstufungen. Immerhin 48 Prozent der Dresdner geben an, dass ihnen das Radfahren in der Stadt sehr viel bis einigermaßen Spaß macht. Nur 30 Prozent sehen das nicht oder überhaupt so. Dagegen fühlen sich nur 36 Prozent als Verkehrsteilnehmer akzeptiert. 62 Prozent fühlen sich als Radfahrer schlechter gestellt. Nur 22 Prozent der Befragten geben an, dass Radwege in Dresden so angelegt sind, dass junge und ältere Menschen sicher Rad fahren können. Und lediglich 20 Prozent sagen, dass Autos und Räder gemeinsam zügig und sicher auf einer Fahrbahn unterwegs sein können.

Worin sieht der ADFC die Ursachen der Bewertung?

Konrad Krause sieht in den Ergebnissen ein chronisches Versagen der Politik und der Verwaltung. „Wenn sich drei Viertel der Dresdner auf dem Rad gefährdet fühlen, ist das ein Alarmsignal an die Kommunalpolitik. Bisher mangelt es oft am Willen von Politik und Stadtverwaltung, gemeinsam die Sicherheit der Radwege-Infrastruktur entscheidend zu verbessern“, sagt er. Jetzt werde eine Förderung des Radverkehrs erwartet. Positiv sei zu bewerten, dass Dresden im Vergleich mit anderen Städten besser abschneidet bei den Punkten Oberflächen der Radwege, zügiges Fahren und Hindernissen auf Radwegen.

Wie liegt Dresden im bundesweiten Durchschnitt?

Mit einer Gesamtbewertung der Fahrradsituation mit der Schulnote 3,96 liegt Dresden im bundesweiten Mittelfeld, allerdings deutlich abgeschlagen hinter dem Spitzenreiter Bremen (3,55) und auch Leipzig (3,85). Die wahrgenommene Gefährdung nahm in den letzten Jahren aber deutlich zu: Während die Radfahrenden in Dresden ihre Sicherheit 2014 noch durchschnittlich mit der Schulnote 4,1 bewerteten, vergaben sie 2016 nur noch die Note 4,3 und 2018 eine 4,4. Das Fahrradklima hat sich bundesweit verschlechtert. 2014 wurde es noch mit 3,7 bewertet, 2016 mit 3,8, 2018 mit 3,9. Im Freistaat Sachsen verbesserte es sich hingegen leicht von 4,03 auf 3,95.

Wie sind die Daten des Fahrradklima-Tests erhoben worden?

Zwischen September und November 2018 wurden 2.800 Dresdner befragt, deutschlandweit waren es rund 170.000. Der Test umfasst 27 Fragen und wird seit 2012 in jedem zweiten Jahr durchgeführt. Bei der aktuellen Befragung wurden außerdem fünf Zusatzfragen zur Familienfreundlichkeit erhoben. 74 Prozent der Befragten nutzen täglich das Rad. Gleichzeitig fahren mehr als drei Viertel der Befragten regelmäßig Auto als auch Fahrrad und kennen somit beide Perspektiven. (mit SZ/hoe)

Hier sehen Sie die komplette Statistik des Fahrradklimatests.