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Raus aus der Blase

Das Start-up „The Buzzard“ möchte Menschen zu Wort kommen lassen, deren Meinungen in traditionellen Medien keinen Platz finden.

© Ronald Bonß

Von Stephan Hönigschmid

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Was sagen eigentlich die Blogger? Diese Frage kommt den Politik-Studenten Dario Nassal (25) und Felix Friedrich (25) im Sommer 2015 in den Sinn, als sie gerade gemütlich bei Bier und Pommes in einer Mannheimer Kneipe sitzen. „Das war die Zeit, als die Griechenlandkrise akut wurde und alle diskutiert haben, wie viel wir und wie viel die Griechen bezahlen sollen“, erinnert sich Nassal. Ihm und seinem Studienfreund habe nicht gefallen, dass die Perspektive der Griechen in vielen Medien häufig zu kurz kam.

„Wir haben uns deshalb gedacht, dass es doch schön wäre, wenn man die unterschiedlichen Meinungen nach Pro und Contra geordnet übersichtlich auf einer Karte am Computer sehen könnte und dabei Blogger zu Wort kämen, die in den jeweiligen Ländern leben, so Nassal. Um die spontane Idee nicht zu vergessen, zeichnen Nassal und Friedrich das Konzept noch am selben Abend auf ein großes Blatt Papier.

„Wir waren einfach von dieser Vorstellung begeistert und sind da ganz unbefangen rangegangen. Über eine Firmengründung, oder wie man damit Geld verdienen könnte, haben wir zunächst nicht nachgedacht.“ Sie hätten deshalb auch fünf Monate benötigt, um gemeinsam mit dem Programmierer Alexander Diete (25) einen ersten Prototyp der Internetplattform zu entwickeln, sagt der Politikwissenschaftler.

Als Titel für das Projekt wählen sie den Namen eines imposanten Vogels. „Wir haben uns für ‚The Buzzard‘ entschieden, weil der Bussard einer der schnellsten Vögel ist, die es gibt. Er hat mit seinen scharfen Augen einen guten Überblick, kann sich aber auch innerhalb kürzester Zeit ins Getümmel stürzen“, so Nassal.

Mit der App und Themenfeldern wie der Flüchtlingskrise, dem Krieg in der Ukraine, Freihandel vs. Protektionismus und vielem mehr, soll das bald ähnlich möglich sein.

„Bisher verschicken wir E-Mails mit Tipps zu Artikeln und Videos und schauen uns an, was geklickt wird. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen bauen wir die App.“ Neben den technischen Fragen ist vor allem die Qualität der Blogbeiträge ein entscheidendes Thema, weshalb auch das automatisierte Sammeln von Beiträgen ausscheidet. „Uns ist es wichtig, dass die Leser einen Mehrwert bekommen. Wir behalten uns deshalb die redaktionelle Hoheit vor und wählen die Beiträge selbst aus.“ Wichtig sei zudem die nötige Ausgewogenheit. So zeige man einerseits Stimmen, die beispielsweise pro Donald Trump bloggen, stelle dann andererseits aber weitere Meinungen gegenüber, erklärt Nassal, der gegenwärtig mit 20 Bloggern aus fünf Ländern zusammenarbeitet.

„Das schwankt immer ein wenig. Es waren auch schon 40.“ Um weitere Meinungen und Einzelstimmen ausfindig zu machen, möchte er die Redaktion in Deutschland so aufbauen, dass für jeden Weltteil jemand zuständig ist, der die gängigen Sprachen beherrscht. Bei der Wahl der Beiträge ist er flexibel. „Es müssen nicht ausschließlich Blogtexte sein. Auch Artikel von Wissenschaftlern oder ausländischen Medienhäusern können darunter sein.“ Obwohl man das im ersten Moment denken könnte, möchten er und seine Mitstreiter mit ihrem Vorhaben keine Kritik an den traditionellen Medien üben. „Ich habe als Journalist gearbeitet und unter anderem für die Süddeutsche Zeitung geschrieben.

Ziel von ‚The Buzzard‘ ist es vielmehr, nicht nur die Fakten darzustellen, sondern tiefergehende Analysen aus ganz verschiedenen Blickwinkeln zu bieten“, erklärt der Politikwissenschaftler und ergänzt: „Ich habe die Vision, dass die Menschen die volle politische Bandbreite wieder besser wahrnehmen.

Neben dem Reisen in ferne Länder sei das Internet eigentlich hervorragend geeignet, um über den Tellerrand hinaus zu blicken. Leider passiert das immer weniger, weil jeder nur noch in seiner Filterblase hockt.“ Dass die Gründer, die ihren Firmensitz aufgrund der lebendigen Start-up-Szene und kreativen Atmosphäre mittlerweile nach Leipzig verlagert haben, mit ihrer Idee auf dem richtigen Weg sind, bekamen sie Ende vergangenen Jahres vom Bundeswirtschaftsministerium schriftlich bestätigt. Als eines von nur zwei sächsischen Unternehmen wurden sie unter 700 Bewerbern als „Kultur- und Kreativpiloten Deutschland“ ausgezeichnet.

Diesen Zuspruch für ihr Projekt möchten die Gründer jetzt nutzen, um aus der Idee auch ein tragfähiges Geschäftsmodell zu entwickeln. „Wir können uns verschiedene Modelle vorstellen und sind gerade am Testen. Infrage kommen neben einem Abo-Modell und Werbung auch Zahlungen pro Artikel in Form von Micropayments oder der Verkauf der Inhalte an Think Tanks und PR-Agenturen“, sagt Nassal.

Infos unter https://thebuzzard.org/.