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Sachsen

Razzia bei weiterer Nazi-Schlägertruppe

Die Soko Rex hat Wohnungen von sieben Männern durchsucht. Die Ermittlungen führen in die Sicherheitsbranche.

An den rechtsextremen Ausschreitungen vor einer Flüchtlingsunterkunft in Heidenau im August 2015 sollen auch die Männer beteiligt gewesen sein, deren Wohnungen jetzt in Dresden durchsucht wurden.
An den rechtsextremen Ausschreitungen vor einer Flüchtlingsunterkunft in Heidenau im August 2015 sollen auch die Männer beteiligt gewesen sein, deren Wohnungen jetzt in Dresden durchsucht wurden. © Christian Ditsch / SZ-Archiv

Dresden. Mehr als 30 Polizisten haben am Dienstag die Wohnungen von sieben Männern in Dresden durchsucht. Sie stehen im Verdacht, 2015 und 2016 an Ausschreitungen vor Asylunterkünften, Angriffen auf Polizisten und Andersdenkende beteiligt gewesen zu sein. Die Staatsanwaltschaft Dresden ermittelt gegen die Verdächtigen, zu denen zwei weitere bereits Inhaftierte zählen, unter anderem wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung. 

Die Beamten, darunter Spezialkräfte der Sonderkommission Rechtsextremismus „Soko Rex“ des Landeskriminalamtes, stellten Handys, Computer und Kleidung sicher. Außerdem beschlagnahmten sie in Deutschland verbotene Pyrotechnik sowie  Waffen wie Totschläger, Quarzhandschuhe und einen Elektroschocker. 

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"Die Ermittlungen der Staatsschutzabteilung der Staatsanwaltschaft Dresden und der Soko Rex werden noch einige Zeit in Anspruch nehmen", sagte Oberstaatsanwalt Jürgen Schmidt, Sprecher der Staatsanwaltschaft am Mittag. Darüber hinaus führe die Behörde noch zahlreiche weitere Ermittlungsverfahren gegen diese und weitere Beschuldigte im Zusammenhang mit den fremdenfeindlichen Ausschreitungen im Sommer 2015 vor einem Zeltlager für Flüchtlinge in Dresden und vor einer Erstaufnahmeeinrichtung in Heidenau, bei denen auch mehrere Polizeibeamte verletzt wurden.

Die "Reisegruppe 44"

Bei der Gruppe handelt es sich nach SZ-Informationen um die „Reisegruppe 44“. Die "4" steht für den vierten Buchstaben im Alphabet: "DD" meint also Dresden. Der Name der Gruppe fiel erstmals 2017 in einem Prozess gegen mutmaßliche Mitglieder einer weiteren kriminellen Vereinigung: der rechtsextremen "Freien Kameradschaft Dresden" (FKD). Laut Staatsanwaltschaft haben Angehörige beider Gruppen auch mehrfach gemeinsam agiert, wie etwa bei den Ausschreitungen in Heidenau im August 2015.

Bei dem mutmaßlichen Anführer der "Reisegruppe 44" soll es sich um René H. handeln, einen 33-jährigen Dresdner, der zuletzt Inhaber einer Sicherheitsfirma mit rund 30 Mitarbeitern war. Sein Name fiel regelmäßig in mehreren FKD-Prozessen.

Der ehemalige Wachmann sitzt seit Ende 2017 in Untersuchungshaft und muss sich derzeit in zwei Prozessen vor dem Landgericht Dresden verantworten. Seit November 2018 läuft eine Hauptverhandlung vor der Staatsschutzkammer, in der H. vorgeworfen wird, die FKD unterstützt zu haben, etwa bei den Ausschreitungen in Heidenau, bei einem Angriff auf Asylunterkünfte in Dresden am selben August-Wochenende, sowie bei dem Angriff auf das alternative Wohnprojekt "Mangelwirtschaft" in Übigau im Oktober 2015. Diesen Überfall hatte die "Gruppe Freital" vorbereitet, deren acht Hauptakteure im März 2018 am Oberlandesgericht Dresden unter anderem wegen Bildung einer rechtsterroristischen Vereinigung verurteilt worden sind.

Stadtfest: Jagd auf Ausländer im August 2016

Das zweite Verfahren gegen René H. begann erst Mitte September. Dort wird dem Wachmann vorgeworfen, beim Dresdner Stadtfest im August 2016 am Neustädter Elbufer zusammen mit mehreren Dutzend Mittätern gezielt Jagd auf Ausländer gemacht zu haben. Mindestens neun Flüchtlinge wurden damals zum Teil schwer verletzt. René H. bestreitet alle Vorwürfe und eine Nähe zur FKD. Er räumte lediglich ein, einmal bei einem Treffen der Neonazi-Gruppe kurz anwesend gewesen zu sein. Die Gruppe hatte sich regelmäßig 2015 montags nach Pegida-Demos in einer Grunaer Sportbar getroffen und sich dort im Juli 2015 formal als eine Kameradschaft gegründet, mit eigener Facebook-Seite, eigenem Logo, eigenen Informationskanälen - und offenbar auch allerhand krimineller Energie.

Prozessauftakt wegen des Stadtfestüberfalls gegen Christian L. und René H. am Landgericht Dresden (12.09.2019)
Prozessauftakt wegen des Stadtfestüberfalls gegen Christian L. und René H. am Landgericht Dresden (12.09.2019) © René Meinig

Was die "Reisegruppe 44" angeht, so sagte René H. selbst in einem seiner Prozesse einmal aus, habe es sich lediglich um eine Sportgruppe gehandelt, die von einem Administrator, der den WhatsApp-Chat gepflegt habe und der Trainingsgemeinschaft immer mal neue Namen gegeben habe. Das klang schon damals recht beschönigend, denn Zeugen hatten ausgesagt, dass H. ein Pegida-Ordner der ersten Stunde gewesen sei und eine Gruppe von Wachmännern mit ähnlicher Gesinnung um sich geschart habe, die regelmäßig, ein- bis zweimal pro Woche Kraft- und Kampfsport trainierten.

Der Komplize ist einschlägig vorbestraft

Christian L. (30) ist ein guter Freund von H. und Mitangeklagter in den beiden laufenden Prozessen. Wie H. soll auch L. die FKD unterstützt und an den Stadtfest-Hetzjagden auf Ausländer am Elbufer beteiligt gewesen sein. Seit Januar dieses Jahres sitzt daher auch Christian L. in Untersuchungshaft. Auch er bestreitet alle Vorwürfe, beziehungsweise macht von seinem Schweigerecht Gebrauch.

Anders als Wachmann H. ist Christian L. jedoch mehrfach einschlägig wegen Gewalttaten vorbestraft. Zuletzt erhielt er erst im Sommer dieses Jahres am Landgericht Gera in einem Berufungsprozess eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und elf Monaten, weil er am 1. Mai 2015 am Rande einer Nazi-Demo im thüringischen Saalfeld einen oder sogar zwei Gegendemonstranten angegriffen und verletzt hatte. Damals war er mit der "Reisegruppe 44" unterwegs, die Männer sollen einheitliche T-Shirts mit der Aufschrift "Division Sachsen" getragen haben. Im Februar bestätigte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Gera, dass man wegen der Saalfeld-Geschichte auch gegen Rene H. und weitere Mitglieder dieser rechtsextremen Fahrgemeinschaft ermittle.