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Realitäts-Check auf Station H2

Die Azubis im dritten Lehrjahr übernehmen an Freitals Klinik eine komplette Abteilung und machen Zukunftspläne.

© Egbert Kamprath

Von Annett Heyse

Freital. Es ist schon wieder Vormittag, kurz nach neun Uhr. Maria-Sophie Schneider hat soeben noch Berichte geschrieben, jetzt hastet sie über den Gang. Sie läuft vorbei an einem rollbaren Schränkchen mit Verbandsmaterial, am Geschirrwagen, an dem Trolley mit den Putzmitteln. Ein Patient im Rollstuhl ist Richtung Aufzug unterwegs, die Auszubildende packt zu und schiebt den Mann ein Stückchen. Im Kopf hat sie schon die nächsten Handgriffe: Patienten waschen, Verbände wechseln, Infusionen geben, Blutdruck messen, Zimmer aufräumen. Auf Station H2, der Gefäßchirurgie, im Freitaler Klinikum, gibt es immer etwas zu tun. Mit dem Mann im Rollstuhl scherzt Azubi Schneider trotzdem, bis sich die Aufzugstür schließt. „Ich hatte ja einen riesigen Respekt vor dieser Woche“, sagt die 22-Jährige.

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Ausbildungsleiterin Ingrid Benabdellah wünscht sich mehr Männer im Beruf. Norman Lieber ist in diesem dritten Lehrjahr einer ihrer wenigen Schüler. © Egbert Kamprath
Mandy Netzer (l.) und Anne Danzer müssen sich auch um die Krankenberichte kümmern. Die Dokumentationen beanspruchen viel Zeit und Sorgfalt. © Egbert Kamprath
Mandy Netzer macht die Betten und schwatzt mit Patient Christian Klemm. Eine Station ist wie ein großer Haushalt, nur mit wechselnden Bewohnern. © Egbert Kamprath

Diese Woche ist für elf Auszubildende der Helios Weißeritztalkliniken die Feuertaufe: Gemeinsam müssen sie eine komplette Station übernehmen, organisieren, leiten und die Patienten versorgen. Das Stammpersonal ist dazu angehalten, sich zurückzuhalten. „Das machen wir als Vorbereitung für die Prüfung mit jedem dritten Lehrjahr, jedes Mal auf einer anderen Station“, sagt Ingrid Benabdellah. Sie ist die Ausbildungsleiterin und in dieser Woche mit dabei auf Station H2. Und wie schlagen sich ihre Schützlinge? „Ganz gut, ich bin zufrieden. Nur der erste Tag war etwas chaotisch, aber das ist eigentlich immer so. Die müssen sich erst mal finden.“

Überblick behalten

Von den Azubis, die bisher von Station zu Station gewechselt sind und dabei feste Teams unterstützt haben, hat jeder seine Zimmer und Patienten zugeteilt bekommen. Das ganze Drumherum, das sonst erfahrene Pfleger und eingespieltes Personal organisiert haben, müssen die Nachwuchskräfte eigenständig in den Griff bekommen. Die Visite war schon gegen sieben Uhr morgens, nun muss das Frühstücksgeschirr raus aus den Zimmern. Die Putzfrau schaut schon um die Ecke, Bettwäsche muss gewechselt und Krankenakten müssen geschrieben werden.

Darüber sitzt nun gerade Anne Danzer. „Ich hatte es mir schlimmer vorgestellt, wenn wir auf uns allein gestellt sind“, sagt die 20-Jährige und legt den Stift kurz zur Seite. Danzer wohnt im Dresdner Norden und pendelt jeden Tag nach Freital. Krankenschwester zu werden, war schon länger ihr Berufswunsch. Vor allem, nachdem sie während der Schulzeit in einem Krankenhaus ein Praktikum absolviert hatte. Das erste Lehrjahr sei trotzdem hart gewesen. „Ich habe ja kein Abitur und dann all diese Fachbegriffe, die ganze Theorie – ich habe teilweise wirklich nicht mehr durchgesehen. Erst mit der Zeit ergaben sich die Zusammenhänge, fügte sich alles zusammen.“ Die Praxis liegt ihr trotzdem mehr. Nach der Ausbildung, die im Spätsommer mit der Prüfung hoffentlich erfolgreich endet, würde sie gerne nach Dippoldiswalde wechseln. „Da gibt es auf einer Station mehrere Fachrichtungen. Dadurch ist die Arbeit sehr abwechslungsreich, was mir gefallen hat.“

Auch Mandy Netzer liebäugelt auch schon mit einer bestimmten Station. Sie würde gerne zur Inneren Medizin oder in die Geriatrie wechseln. „Die alten Menschen, die unter verschiedenen Krankheiten leiden, noch mal zu motivieren und zu mobilisieren, das finde ich gut.“ Jetzt steht sie auch erstmals in der Gefäßchirurgie. Die Arbeit mit den Patienten ist für sie nicht mehr neu. Neu ist die Eigenverantwortung. Bisher schwammen die Azubis auf jeder Station mit, wurden dort eingesetzt und angeleitet. Sie waren noch mehr Hilfs- als Fachkräfte. Jetzt müssen sie sich absprechen, wer welche Aufgaben übernimmt, mit Angehörigen telefonieren, selbst Anweisungen erteilen. Netzer: „Das ist noch total ungewohnt für uns.“

Jungs fehlen

Ausbildungs-Chefin Benabdellha muss darüber schmunzeln. „Insgesamt haben sie derzeit nur 23 Patienten. Das ist weniger, als eine normale Fachkraft hat.“ Zur Seite stehen den Azubis immer noch genügend Schwestern, um Fragen zu beantworten und einzugreifen, sollten sich Fehler abzeichnen.

Norman Liebers steht an einem Schränkchen auf Rädern. Darin lagern Verbandspäckchen, Tupfer, Infusionsnadeln. Liebers stellt als angehender Krankenpfleger immer noch die Minderheit unter den Azubis. „Wir haben etwa 15 Prozent Männer in der Ausbildung. Der große Rest sind Frauen“, sagt Ingrid Benabdellha. Dabei wünscht sie sich mehr Jungs, die sich bewerben. Benabdellha: „Der Beruf ist körperlich sehr anstrengend.“ Außerdem sei es für die Mischung der Teams gut, wenn es mehr männliche Krankenpfleger gebe. Sie kann nur ermuntern, sich für diese Arbeit zu interessieren.

Anne Danzer klappt die Akten zu, muss zum nächsten Patienten. Was sie am Krankenpflegeberuf motiviert? Sie muss darüber gar nicht nachdenken: „Die Patienten sind so dankbar. Und wenn man das spürt oder sieht, weiß man, warum man das macht.“