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Recherchen zum Hamburger Hof

© Archiv/Claudia Hübschmann

Weil niemand wusste, wer der Erbauer des traditionsreichen Gebäudeensembles war, hat sich Roswitha Schäfer selbst auf Spurensuche begeben.

Meißen. Oben an der Fassade, dort wo das große L der alten Leuchtschrift „Hotel“ ist, steht es in den Sandstein gemeißelt: B. Seitler, Architekt Dresden. „Es ist schon ganz schön verwittert, aber man kann es noch lesen“, sagt Roswitha Schäfer. Niemand konnte der studierten Kunsterzieherin sagen, wer dieser B. Seitler war, dessen Handschrift das neben dem Bahnhof und dem Franziskaneum einst wohl prominentesten Gebäude des Stadtteils Cölln trägt.

Roswitha Schäfer hat herausgefunden, wer der Architekt des Hamburger Hofs war. © Claudia Hübschmann

Also machte sie sich auf den Weg nach Dresden, ins Stadtarchiv, wo man ihr Urkunden vorlegte. Später kamen weitere Dokumente in der Landesbibliothek hinzu. Langsam entstand ein Bild, langsam füllten sich dicke Hefter mit den Ablichtungen der historischen Papiere. Entworfen hat den Hamburger Hof danach der Königliche Baurat Professor Carl Bruno Seitler, der 1851 in Dresden geboren worden war und dort 1925 auch starb. Er hatte sein Handwerk von der Pike auf gelernt. Zuerst mit der Lehre als Maurer, dann mit dem Besuch der Bauwerkschule in Dresden und schließlich mit dem Studium an der Dresdner Kunstakademie. Das schloss er 1876 mit Auszeichnung ab und erhielt den Rompreis, den Sächsischen Staatspreis, der mit einem Stipendium für die Villa Massimo verbunden war.

Nach verschiedenen beruflichen Stationen wurde er 1897 zum Professor ernannt und war von 1905 bis 1920 Direktor der Dresdner Baugewerkeschule, an der Bauhandwerker ausgebildet worden sind. 1913 veröffentlichte Bruno Seitler das „Lehrheft für den Unterricht in Baustofflehre“. In einer Festschrift zum 100-jährigen Bestehen der Baugewerkeschule heißt es über ihn: „Seitler war vor allem eine Persönlichkeit. Ein reger, nimmermüder Geist beseelte ihn. Hohe künstlerische Begabung und vielseitiges Wissen gepaart mit zäher Arbeitskraft und gründlicher Berufserfahrung bildeten das zuverlässige Fundament für sein Wirken als Fachmann, als Erzieher, als Organisator.

Ein leuchtendes Vorbild

Er war ein Mensch, der um das Gute redlich gerungen hat. So bleibt er uns allen in vielem Bedeutsamen ein leuchtendes Vorbild.“ Bruno Seitler entwarf zahlreiche Mietshäuser und Villen in Dresden und Umgebung. Zu den bekanntesten zählten das Kaufhaus Metzler am Altmarkt, die Mendelschen Häuser in der Marschallstraße und die Villa Conrad auf der Commeniusstraße. Nichts davon hat den Zweiten Weltkrieg überlebt. Außer dem Rathaus in Waldheim und eben dem Hamburger Hof in Cölln sind alle Bauwerke Bruno Seitlers im Bombenhagel untergegangen. All diese Informationen hat Roswitha Schäfer in mühsamer Kleinarbeit zusammengetragen – bürgerschaftliches Engagement der speziellen Art.

Für Roswitha Schäfer hat Seitler mit dem „Hambi“, wie der Hamburger Hof bei den Leuten in der Stadt heißt, seine Fähigkeiten eindrucksvoll unter Beweis gestellt. In der Übergangszeit vom Historismus zum Jugendstil errichtet, zeige das Gebäude, dass Seitler historistische Elemente behutsam zurückgenommen habe.

1896 als Großgaststätte auf dem Grund eines Vorgängergasthofs errichtet und 1929 um den Südflügel erweitert, verfällt der Hamburger Hof seit 1991. Zuletzt im Mai 2015 für 75 000 Euro zwangsversteigert, soll das Ensemble Teil einer Anlage für Betreutes Wohnen werden. Für Roswitha Schäfer ist indes eine Frage wesentlich: „Bekommt die Bevölkerung den Saal wieder?“ (SZ)