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Rechte Slogans sickern in den Alltag

Offen formulierter und zur Schau gestellter Hass ist längst nicht mehr nur bei Rechtsextremen zu finden.

© Symbolbild/dpa

Von Sophie Rohrmeier

365 Tage für Patienten da

Die Dresdner City-Apotheken bieten mehr, als nur Medikamente zu verkaufen. Das hat auch mit besonderen Erfahrungen zu tun. Was, wenn Sonntagmorgen plötzlich der Kopf dröhnt oder die Jüngste Läuse mit nach Hause gebracht hat?

Für jedermann sichtbar steht es im Internet: „Dreckspack“, „schwarze Affen“, heißt es da in Posts auf Facebook, und „Dachau muss wieder aufgemacht werden“. Frei für alle zum Liken, Teilen, Übertrumpfen. Die Aussagen von Anhängern der AfD oder Pegida, das beobachtet Heidrun Kämper vom Institut für Deutsche Sprache, haben große Nähe zur NS-Sprache – und zur NS-Wirklichkeit. Es braucht für eine Verrohung der Sprache also keine neuen Wörter, die extremer wären als je zuvor. Und diese Verrohung macht auch nicht bei Rechtsextristen halt.

Offen ausgedrückter Hass nehme zu, sagt Kämper. Die Hemmschwelle sei gesunken, ganz offen die Sprache der Nationalsozialisten zu verwenden, Parolen etwa wie „Deutschland erwache!“. Sprache zu beeinflussen, auch über ihre eigenen Kreise hinaus, das gehöre zur Strategie der Rechten, erklärt Rechtsextremismus-Experte Johannes Baldauf von der Amadeu-Antonio-Stiftung. „Es ist ein Erfolg des Populismus, dass inzwischen jeder weiß, was der Kontext ist, wenn jemand das Wort ,Lügenpresse‘ in den Mund nimmt.“

Dass Menschenverachtung tatsächlich in die öffentliche Sprache eindringt, sei neu, sagt Anatol Stefanowitsch, Sprachwissenschaftler an der Freien Universität Berlin. Bevor die sozialen Netzwerke als Kommunikationsmittel so wichtig wurden, wünschten sich schon manche Konzentrationslager zurück oder leugneten den Holocaust. Aber im Verborgenen meist, etwa in geschlossenen Internet-Foren.

Noch problematischer ist: Menschen mit rechten Einstellungen, das belegt die aktuelle „Mitte“-Studie der Universität Leipzig, sind zunehmend offen dafür, Gewalt anzuwenden. Fast 20 Prozent der Befragten sagen, sie seien bereit, sich „mit körperlicher Gewalt gegen Fremde durchzusetzen“. Gegen die Angstrhetorik von rechts entsteht etwa in Bayern gerade die Initiative „Mut zu Mut“.

Die Gruppe will den nach rechts gerückten Diskurs wieder justieren. Damit dürfte sie einige Arbeit haben. Denn althergebrachte rechtsextreme Einstellungen haben zwar laut „Mitte“-Studie nicht zugenommen, Judenhass also, Überfremdungsängste, Führerfantasien oder ein verharmlosender Blick auf die NS-Vergangenheit. Es gebe aber, sagt einer der Studienautoren, mehr Aggression gegen einzelne Gruppen. Das sei gesellschaftlich akzeptierter als NS-Verherrlichung.

„Rechte Begriffe und Slogans gehen vielen heute leichter über die Lippen, der Schrecken schwindet“, sagt Kämper. Das liege auch daran, dass heute weniger Zeitzeugen des NS-Regimes leben als früher. Viele dieser Zeitzeugen hatten das Bewusstsein, dass sich etwas wie der Holocaust nicht wiederholen dürfe – jegliche Art von NS-Affinität war tabu. In den Generationen danach habe sich das geändert.

Dass diese Ressentiments die Sprache der etablierten Parteien mit nach rechts ziehen, glaubt Kämper nicht. „Der Ton ist vielleicht ruppiger geworden“, sagt sie. Doch ob man nun für AfD, Pegida und Co. ist oder dagegen: Über Flüchtlinge und die Parolen der Rechtspopulisten wird viel geschrieben, viel gesprochen, auch im Privaten. Das geht kaum, ohne diese Parolen zu verwenden – und sei es im Zitat. Diesem Dilemma entkommt man nicht, auch die Medien tun sich damit schwer.

„Lügenpresse“, „Volksverräter“, „Überfremdung“ – Wer über die eigene Sprache nachdenkt, bemerkt vielleicht an sich selbst, dass nach vielen Diskussionen über Asylpolitik solche Wörter leichter auszusprechen sind. „Wenn man sich viel damit beschäftigt, muss man ständig besonders aufmerksam sein, sich diesem Effekt zu entziehen“, sagt Stefanowitsch. „Aber es steht etwas auf dem Spiel.“ Sich nicht zu distanzieren von herabwürdigenden Wörtern, berge die Gefahr, harmlos wirkende Muster zu übernehmen.

Auch das kann Ressentiments schüren: Im Juni erhob Innenminister Thomas de Maizière (CDU) diesen nicht belegbaren Vorwurf gegen Ärzte, die Flüchtlinge untersuchen, und indirekt gegen Asylbewerber: „Es kann nicht sein, dass 70 Prozent der Männer unter 40 Jahren vor einer Abschiebung für krank und nicht transportfähig erklärt werden.“ Entsprechende Zahlen gibt es nicht, musste sein Ministerium zugeben. Auch Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) ist ein Beispiel. Er bezeichnete den rechten Mob von Heidenau als „Pack“. Ein verbaler Schlag als Reaktion auf ausländerfeindliche Krawalle.

Dass de Maizère zugleich vor verrohter Sprache warnt, könnte Taktik sein. „Eine kritische Interpretation ist“, sagt Stefanowitsch, „dass Politiker sich dieser Sprache bewusst bedienen, um den Diskurs nach rechts zu verschieben und die eigenen Positionen eher als Mitte erscheinen zu lassen.“

Diese Methode hat die AfD für sich entdeckt. Jemand aus der Partei bricht ein Tabu, spricht etwa vom Schießen auf Flüchtlingskinder und nimmt es wieder zurück. Mit großem Widerhall. Nur: „Man ist für seine eigene Sprache verantwortlich“, sagt Stefanowitsch. „Was einmal öffentlich gesagt ist, bleibt stehen als etwas Sagbares.“ Dann wirke menschenverachtende Sprache zunehmend normal. (dpa)