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Die Rede des Oberbürgermeisters

Zum Auftakt der Menschenkette sprach  Oberbürgermeister Dirk Hilbert vor dem Rathaus. Das waren seine Worte: 

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Oberbürgermeister Dirk Hilbert spricht vor der Goldenen Pforte des Rathauses.
Oberbürgermeister Dirk Hilbert spricht vor der Goldenen Pforte des Rathauses. © Andreas Weller

„Sehr geehrte Damen und Herren, verehrte Gäste, liebe Dresdnerinnen und Dresdner,

vielen Dank, dass Sie heute so zahlreich zum Rathaus gekommen sind, um zu erinnern und zu gedenken.  Wir erinnern an die Opfer der deutschen Luftangriffe auf Coventry.

Am 14. November 1940 zerstörten 500 Kampfflugzeuge der Luftwaffe den mittelalterlichen Stadtkern, darunter die gotische Kathedrale. Kein anderer Luftangriff forderte mehr Todesopfer in einer britischen Stadt als dieser.

Wir erinnern an die Opfer der nationalsozialistischen Diktatur in Breslau. Darunter: Die Deportation und Ermordung der Breslauer Juden und die sinnlose, fanatische Verteidigung der „Festung Breslau“. Bewusst nahm Gauleiter Karl Hanke zivile Opfer und die fast vollständige Zerstörung dieser wunderschönen Stadt in Kauf.

Wir erinnern an die Opfer der Bombardierung Dresdens vom 13. bis zum 15. Februar 1945 durch britische und amerikanische Bomberverbände. Tausende verloren im Feuersturm ihr Leben. Unsere Stadt lag in Trümmern. 

Augenzeugenbericht: „Die Bomben fielen. Wir waren vor Angst wie erstarrt. Du konntest die Flammen und den Rauch riechen. Dann gab es einen großen Knall und eine Landmine landete auf der Straße. Am nächsten Morgen wollten wir uns anschauen, was alles passiert war. Der Gestank überall war einfach nicht zu ertragen.“ 

Erinnert sich hier eine junge Frau aus Coventry? Ist es die Schilderung eines Breslauer Mädchens? Beschreibt uns ein Dresdner Fabrikarbeiter seine Erlebnisse?

Angst, Vernichtung, Entsetzen – diese Folge der Gefühle beschreibt gesteigertes Grauen. Durchlitten in Coventry und Breslau und Dresden. Und in Guernica, Warschau, Rotterdam; in Lübeck, Köln, Hamburg. Und an vielen anderen Orten unserer Welt. Damals wie heute.

Angst, Vernichtung, Entsetzen – aber was kommt dann? Oft zunächst tiefe Traurigkeit, die bald versucht auszubrechen, aus dem sinnlosen Kreisen um sich selbst, indem sie dem Ursprung des Grauens mit noch größerer Grauenhaftigkeit entgegentritt. Die Hand ballt sich zur Faust und holt zum Gegenschlag aus.

Es geht aber auch anders: In der Ruine seines Gotteshauses, der Kathedrale von Coventry, entschied sich Domprobst Richard Howard dazu, die Hand auszustrecken.

VATER VERGIB.

Diese Worte ließ er in die Steine hinter seinem Altar meißeln. Nicht: „vergib den Deutschen“. Sondern: „vergib allen“. Ein Krieg entlässt keine Partei ohne Schuld.

In Anbetracht mit immer größerer Brutalität und Unerbittlichkeit geführter Kampfhandlungen zwischen 1939 und ´45 müssen wir feststellen: Leider hatte Richard Howard damit Recht. Und leider verhallte sein Versöhnungsangebot im Wahnwitz einer menschenverachtenden Großmacht-Ideologie und dem von ihr entfesselten totalen Krieg.

Zunächst.

Denn zwar zerstörte dieser totale Krieg die Kathedrale von Coventry, den Breslauer Dom und die Dresdner Frauenkirche. Aber das Angebot zur Versöhnung blieb bestehen – als Alternative zu Hass, Verbitterung und Rache. Und als Einladung zur Überwindung all dessen und zur Partnerschaft.

Dirk Hilbert hält seine Rede vor dem Rathaus. 
Dirk Hilbert hält seine Rede vor dem Rathaus.  © Sven Ellger

Meine Damen und Herren,

am 13. Februar 1959 besiegelten die Städte Coventry und Dresden einen Partnerschaftsvertrag. Am 7. Mai 1959 gingen Breslau und Dresden eine Städtepartnerschaft ein.

Über 60 Jahre wuchsen zwischen Dresden und beiden Städten enge und vielfältige Beziehungen: Kirchen, Jugendgruppen, Feuerwehren, Vereine, Unternehmen, Künstler, Schüler, Verwaltungen und ganz besonders die Menschen aus Breslau und Coventry erleben und beleben diese Partnerschaft. Für Dresden sind beide Städte Vorbilder. Breslau war 2016 Europäische Kulturhauptstadt. Coventry wird 2021 „UK City of Culture“ sein. Die Stadt verfügt außerdem über ein hochmodernes Verwaltungszentrum, das wir in Dresden erst noch bauen wollen.

Die Städtepartnerschaften haben Umwälzungen in den politischen Systemen unserer Länder überdauert und werden – da bin ich mir sicher und dafür werde ich mich stark machen – das auch künftig tun.

Es ist mir eine außerordentliche Freude und Ehre, am heutigen Tag im 60. Jahr unserer Städtepartnerschaft Delegationen aus Breslau und Coventry in Dresden begrüßen zu dürfen und ihnen in der Menschenkette die Hand reichen zu können!

(kurze Pause)

Wie dieser Gedenktag auch kreist unsere Partnerschaft nicht um die Frage nach Schuld, sondern baut auf Versöhnung. Wir wollen nicht trennen, sondern verbinden. Wir suchen die aktive Auseinandersetzung, statt rückwärtsgewandter Ritualisierung.

Nur so können wir erkennen, dass es natürlich noch immer und aktuell wieder Versöhnungslücken gibt. Das zerstörerische Feuer nationalistischer Strömungen in Deutschland, Großbritannien und Polen wird gerade auch von alten Ressentiments geschürt. Deshalb ist es unsere Aufgabe, diese Versöhnungslücken zu schließen.

Symbolisch schließen wir sie in der Menschenkette, in die wir uns gleich gemeinsam einreihen. In unseren Köpfen schließen wir sie, indem wir miteinander über die verschiedenen Perspektiven diskutieren, mit denen wir auf Geschichte, Gegenwart und Zukunft blicken. In unseren Herzen schließen wir sie, indem wir uns als Menschen und mit Menschlichkeit begegnen.

Dazu lade ich Sie alle herzlich ein!

Und wenn Sie dann um 18 Uhr am Post- oder Schlossplatz, am Königsufer oder an der Synagoge, auf dem Alt- oder Neumarkt stehen und Ihre linke und rechte Hand die Hand eines anderen, vielleicht fremden Menschen fasst; und wenn dann die Kirchenglocken läuten und alle schweigen: Dann spüren Sie, wie wir trotz aller Unterschiedlichkeit fest verbunden sind und für etwas Gutes einstehen: Erinnerung und Versöhnung.

Vielen Dank!

Bardzo dziękuję!

Thank you very much!“