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Regieren mit unsichtbaren Fäden

Der künftige Premier Giuseppe Conte sieht sich als Anwalt der Italiener. Doch sein Spielraum ist begrenzt.

© dpa

Von Almut Siefert, SZ-Korrespondentin in Rom

Etwas unsicher ist Giuseppe Conte noch, wenn er vor die Journalisten tritt, die vor dem Saal, in dem die Gespräche zur Regierungsbildung stattfinden, gespannt auf ihn warten. Wo seine Ziehväter, der Fünf-Sterne-Chef Luigi Di Maio und Lega-Mann Matteo Salvini trotzig und mit der ihnen eigenen Arroganz das Feld nach ihren Ansagen energisch räumen, lächelt Giuseppe Conte nach seinem Statement scheu in die Runde, hält noch etwas inne, bevor der Saaldiener ihm zeigt, wo er den Weg nach draußen findet.

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Politisch ist Giuseppe Conte ein unbeschriebenes Blatt. Nun soll er als Premierminister in Italien der umstrittenen Regierungskoalition aus der Protestpartei Fünf Sterne und der rechten Lega vorstehen. Vorgeschlagen wurde der 53-jährige Jurist von deren Parteichefs, die auch weiterhin die Fäden in Italien in der Hand halten wollen. Was wird also von Conte zu erwarten sein: Wird er nur die Marionette von Di Maio und Salvini? Oder kann er sich eine eigene Stimme verschaffen und eine dritte politische Kraft neben den beiden Parteichefs und Staatspräsident Sergio Mattarella werden?

Noch weiß man nicht viel über den gepflegt, seriös und höflich daherkommenden Rechtsanwalt. Geboren wurde er in Volturara, einem kleinen Dorf im süditalienischen Apulien. Er unterhält ein Anwaltsbüro in Rom und lehrt Privatrecht in Rom und Florenz. Er hat einen zehnjährigen Sohn und lebt von seiner Frau getrennt.

Was jeder Italiener über Conte weiß: Er hat seinen akademischen Lebenslauf etwas geschönt. Auf zwölf Seiten listet der Jurist darin die renommiertesten Universitäten auf – eine Nachfrage der New York Times an der New York University jedoch ergab: Einen Giuseppe Conte kennt dort niemand. Weder als Student noch als Dozent tauche der Name in den Unterlagen der Universität auf. Er habe keinen offiziellen Status gehabt, sagte eine Sprecherin der Hochschule. Conte habe lediglich zwischen 2008 und 2014 die Erlaubnis gehabt, in der Bibliothek der Rechtswissenschaften zu forschen. Außerdem habe er einen Jura-Professor der NYU in den Vorstand eines italienischen Rechtsmagazins eingeladen.

Sein Lebenslauf spricht auch lediglich davon, er habe in New York und an anderen Universitäten seine Studien „vertieft“. Dazu zählt wohl auch bereits ein Zugang zu den Bibliotheken. Doch was sagt das schon aus? Die Tageszeitung La Repubblica kommentierte die tagelange Medienschlacht um Contes Lebenslauf trocken damit, dass man solche Probleme natürlich nicht hat, wenn man die Uni abbricht, nie arbeitet und sich direkt ins Parlament wählen lässt – wie das der Sterne-Frontmann Luigi Di Maio getan hat.

Brillant und kultiviert

Kollegen in Florenz beschreiben Conte in den Medien als „ruhig und ausgeglichen“, als „brillant und kultiviert“. Auch sei er alles andere als ein Gegner der europäischen Idee. Auch die ersten Erklärungen, die Conte in den letzten Tagen abgegeben hat, lassen manchen darauf hoffen, dass diese Regierung der Populisten doch noch einen seriösen Anstrich erhalten könnte. Er werde der „Anwalt der Italiener“ sein, verspricht Conte dem Volk, nach Brüssel schickt er die beschwichtigende Botschaft, er sei sich der Stellung Italiens in Europa und der internationalen Politik bewusst und werde diese festigen. Er wolle Allianzen in der Europäischen Union für die Anliegen Italiens finden.

Da klangen Di Maio und Salvini noch polternder. Laut italienischer Verfassung hat aber Conte nun das Sagen, was die Ausrichtung von Politik und Verwaltung betrifft. Das Amt der Marionette ist darin nicht vorgesehen. Natürlich beruft er sich auch auf den von den Parteichefs geschlossenen Regierungsvertrag. Doch er versucht bereits jetzt, die wenig ausformulierten Punkte darin auf seine Art zu interpretieren. Mit der Wahl seiner Minister kann Conte in diesen Tagen sein Profil schärfen. Bereits am Sonnabend soll, wenn alles nach Plan läuft, das neue Kabinett von Staatspräsident Mattarella vereidigt werden. (mit dpa)