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Reich’ mir die Hand, mein Nachbar

Seit Jahren streiten zwei Radebeuler unerbittlich. Das Gericht versucht, zu schlichten. Es gelingt nur vorläufig.

Von Jürgen Müller

Es ist wohl nicht übertrieben zu behaupten, dass sich diese beiden Radebeuler Familien, die Nachbarn sind, hassen. Seit Jahren liegen sie im Clinch, zeigen ich gegenseitig an, zerren sich vor Gericht. So ist es auch diesmal. Der 47-jährige Radebeuler steht wegen Beleidigung vor dem Richter. Das ist ein sogenanntes „Antragsdelikt“, das heißt, die Staatsanwaltschaft ermittelt nicht von Amts wegen, sondern eben nur auf Antrag eines der Beteiligten. Unter normalen Menschen werden solche Sachen im Gespräch geklärt, üblicherweise bei einem Bier. Hier ist das offenbar nicht möglich, die Fronten sind verhärtet, die Situation ist verfahren, hat sich aufgeschaukelt. Auch der Anlass für die jetzt angeklagte Tat ist ein nichtiger. Als der als Zeuge geladene Nachbar sein Auto in der Grundstückseinfahrt abstellt, um das Garagentor aufzuschließen, soll der Angeklagte angekommen und ihn als „Dreckschwein“ bezeichnet haben. Dann sei er ans Auto gegangen und habe die darin befindliche Ehefrau des Zeugen als „fette Sau“ bezeichnet.

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Zu den Vorwürfen will der Angeklagte auf Anraten seines Anwaltes erst mal nichts sagen. Das ist sein gutes Recht und auch Taktik. Erst mal hören, was die anderen sagen – und dann sein Aussageverhalten anpassen.

Streit wegen Lappalien

Das Problem ist, das sich die Grundstückseinfahrten der beiden Streithähne kreuzen. Das bedeutet, dass der eine nicht auf sein Grundstück gelangt, wenn der andere vor seinem Haus parkt. Gegenseitig werfen sie sich vor, sich „zuzuparken“. So war es auch an jenem Tag.

Eines muss man den Streithammeln lassen: Sie versuchten wenigstens mal, beim Friedensrichter eine außergerichtliche Lösung zu finden. Die scheiterte aber, weil der jetzige Zeuge einer Einigung nicht zustimmte. Denn der Nachbar habe angedroht, sein Haus anzuzünden. Außerdem habe er Morddrohungen ausgesprochen. Die Anzeigen, die er deswegen gestellt hatte, wollte er nicht zurücknehmen. Streit gibt es zwischen beiden Parteien auch wegen Nichtigkeiten, beispielsweise wegen des Schneeräumens. „Der Streit geht schon seit Generationen. Zehn Jahre lang habe ich nichts gesagt“, so der Zeuge. Und räumt ein, dass auch er sich manchmal zu Beleidigungen hinreißen lasse.

Der Richter möchte möglichst kein Urteil sprechen, damit es keinen „Sieger“ und keinen „Verlierer“ gibt. So etwas heizt die Stimmung bei Nachbarschaftsstreit erfahrungsgemäß weiter an. Wenn sich der Angeklagte bei dem Zeugen entschuldige, sei er bereit, das Verfahren gegen eine geringe Geldauflage einzustellen. Ganz ohne „Denkzettel“ gehe es nicht, auch, weil dem Richter der Tonfall in einem Schreiben des Angeklagten an die Polizei missfällt.

Der Zeuge könnte mit so einer Einigung leben, der Angeklagte nur, wenn sich auch der Zeuge bei ihm entschuldigt. „Mir genügt es, wenn Sie sich einfach die Hand geben“, macht der Richter ein weiteres Zugeständnis, doch jetzt kommt die Ehefrau des Zeugen ins Spiel. Sie lehnt kategorisch ab. „Wer mich als Qualle bezeichnet, dem kann ich nicht die Hand geben.“

Ein fragiler Frieden

Jetzt wird es dem Richter zu bunt. Er werde das Verfahren auch einstellen, selbst wenn sie nicht mitmache. Und so reichen sich die zerstrittenen Nachbarn schließlich zähneknirschend die Hände. Dabei kommt es zur nächsten Provokation. Er wünsche sich von seinen Nachbarn, dass sie in Zukunft nachdenken, sagt der Angeklagte. Der gerade erst geschlossene Frieden ist fragil. Man muss kein Prophet sein, um vorauszusehen, dass es hier bald den nächsten Streit gibt. Und wer noch immer nicht weiß, warum die Justiz überlastet ist, der sollte auch mal bei diesen beiden Radebeuler Familien nachfragen.

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