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Reisen trotz Demenz

Ein besonderes Angebot der Alzheimer Gesellschaft hilft nicht nur Betroffenen, sondern auch Partnern.

© Symbolfoto: Imago

Von Joachim Göres

Christa und Jürgen Schulenburg gehen am Ostseestrand entlang, blicken auf die Wellen, hören die Möwen, spüren den weichen Sand unter ihren Füßen. Sie sind eins von sieben älteren Paaren, die zehn Tage in Baabe auf Rügen verbringen – ein Partner ist gesund, der andere dement. „Es wird einsamer, die Freunde kommen nicht mehr so häufig. Da ist jedes Angebot ein Gewinn“, sagt Jürgen Schulenburg. „Hier ist meine Frau wieder in einer Gruppe. Das hat sie sehr vermisst.“

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Das Lachen mitgenommen

Organisiert wird das Angebot von der Alzheimer Gesellschaft Hamburg. Die ungewohnte Umgebung ist schon ein Stressfaktor für die Erkrankten“, sagt Geschäftsführer Jörn Wieking. „Doch die besondere Landschaft und die Abwechslung vom Alltag wecken Erinnerungen und steigern die Lebendigkeit.“ Angehörige würden staunen, wenn ihr Partner sich plötzlich mit den Füßen ins Wasser traut und seine Freude darüber zeigt.

Wieking spricht von einer spürbaren Entspannung im Verhältnis der Paare, je länger die Reise dauert. Das hängt auch mit dem besonderen Reiseprogramm zusammen: Mehrere Stunden betreuen Fachkräfte die Kranken. Sie spielen, singen, tanzen und unterhalten sich in der Gruppe. Diese Zeit können die Angehörigen zu Ausflügen nutzen und kommen dabei miteinander ins Gespräch. „Zu Hause sind sie rund um die Uhr für ihren Partner da, hier können sie Verantwortung abgeben. Das fällt vielen anfangs nicht leicht“, sagt Wieking. Die frühen Nachmittagsstunden und die Abende werden gemeinsam verbracht, auch einige Ausflüge werden zusammen unternommen. Die Paare sind in Doppelzimmern untergebracht.

Josefine Heusinger, Professorin für Soziale Arbeit an der Hochschule Magdeburg-Stendal, hat für das Bundesfamilienministerium untersucht, welche Effekte solche Fahrten haben. Sie und ihre Mitarbeiterinnen haben sieben Reisen der Alzheimer Gesellschaften begleitet. Heusinger spricht von einem hohen Erholungsbedarf für die meist betagten pflegenden Angehörigen, die niemals alleine in den Urlaub fahren würden, weil sie nicht vom Partner getrennt sein wollen. Vor Beginn der Reise wurden die Angehörigen nach ihren Erwartungen befragt. Entspannung und Erholung stand bei den Wünschen an der Spitze, gefolgt von Abstand vom Alltag, Austausch mit Menschen in vergleichbaren Situationen und mit Fachkräften sowie Lernen von anderen Teilnehmern.

Fast alle äußerten sich nach der Reise positiv, 86 Prozent sahen ihre Erwartungen weitgehend erfüllt. Die Mehrheit bekam für den häuslichen Alltag Anregungen. Eine der befragten Frauen bringt dies so auf den Punkt: „Ich habe mich etwas erholt, war optimistischer und mutiger im Denken, was mit meinem Mann noch möglich ist. Ich konnte in Ruhe beobachten, was ihm guttut und habe das Lachen und die Fröhlichkeit mit nach Hause genommen. Wenn ich wieder mal am Ende bin, suche ich mir jetzt schneller Hilfe.“

Nicht ganz billig

Wieking freut sich über solche Ergebnisse, aber er verschweigt auch nicht die Schwierigkeiten. Besonderen Wert legt er auf das Kennenlernen vor der Fahrt. Demenzkranke mit starkem Bewegungsdrang oder aggressivem Verhalten werden nicht mitgenommen. Stellt sich dieses Verhalten erst während der Reise heraus, müssen die Betroffenen vorzeitig abreisen. Wichtig sind auch der Grad der Demenz und eine gewisse Mobilität für die Ausflüge. Probleme bereitet zunehmend, genug Fachkräfte und Ehrenamtliche zu finden, die die Fahrt begleiten.

Und dann sind da noch die Reisekosten. Etwa 1 000 Euro kostet zum Beispiel der zehntägige Aufenthalt im Ostseebad Rerik pro Person inklusive Vollpension. Hinzu kommen die Betreuungskosten für Menschen mit Demenz in Höhe von 765 Euro, die ab dem Pflegegrad 2 aber nicht selbst gezahlt werden müssen. Preise, die sich nicht jeder leisten kann. Wieking muss dennoch keine Werbung für seine Fahrten machen. „Jeder Zweite reist wieder mit uns, außerdem gibt es viel Mund-zu-Mund-Propaganda.“ Besonders positiv in seinen Augen: „Die Angehörigen sind nach der Reise nicht mehr mit ihren Sorgen alleine, viele treffen sich regelmäßig weiter.“

Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft hat auf ihrer Webseite Urlaubsangebote, die speziell auf die Bedürfnisse von Demenzkranken und ihren Angehörigen zugeschnitten sind, zusammengestellt. Hier finden sich auch zwei Anbieter aus Sachsen: das Bischof-Benno-Haus in Schmochtitz bei Bautzen und das Triotel Stollberg.