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Relikte der deutschen Teilung

Am 9. November vor 29 Jahren fiel die Mauer. Die Überreste der Grenzanlagen werden für die Nachwelt gesammelt.

© dpa/Christoph Soeder

Von Jutta Schütz, Berlin

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Rostiger Stacheldraht, Kapitelle von der gesprengten Berliner Versöhnungskirche auf dem früheren Todesstreifen, ein zerlegter Wachturm der DDR-Grenzanlagen. Was auf den ersten Blick wie ein Sammelsurium von Resten der Vergangenheit aussieht, wird beim Erklären von Kurator Manfred Wichmann zu lebendiger Geschichte der deutschen Teilung. Das Lapidarium (Steinsammlung) der Berliner Mauer-Stiftung direkt neben der Gedenkstätte an der Bernauer Straße ist etwa so groß wie zwei Fußballfelder und eine Sammlung der besonderen Art.

Hier hat die Stiftung unter freiem Himmel rund 350 originale Objekte von der Mauer zusammengetragen – gefunden etwa bei Bauarbeiten am nahen Nordbahnhof oder beim Aufbau der zentralen Mauer-Gedenkstätte. Auf einer Holzpalette liegt auch eine Büste des DDR-Grenzsoldaten Egon Schultz, der bei einem Schusswechsel mit Fluchthelfern versehentlich von den eigenen Leuten erschossen, dann aber zum Opfer des Westens stilisiert wurde. Jahrelang lag die nach dem Mauerfall abgebaute Steinfigur im Keller der Rostocker Polizei.

Nur ein Teil der historischen Zeugnisse lagert notdürftig unter einem Dach und ist in abgeschlossenen Drahtboxen gesichert. Leuchtmasten, Grenzpfähle, Betonfundamente und die achteckige Kanzel eines DDR-Wachturms liegen oder stehen im Freien.

„Je weiter Mauer und Teilung zurückliegen, umso wichtiger werden originale Objekte“, betont Wichmann, der bei der Mauer-Stiftung seit 2012 das Archiv und die Sammlungen betreut. Sein Anliegen ist, zu jedem Fundstück eine Geschichte erzählen zu können.

Seit zwei Jahren baut Wichmann eine Datenbank auf. Schneller ginge es nur mit mehr Personal, meint er. Ein Zwischenziel hat er dabei fest im Blick: Zum 30. Jahrestag des Mauerfalls am 9. November 2019 sollen die ersten Stücke aus dem Lapidarium online präsentiert werden. Bislang ist das zur Mauer-Stiftung gehörende Gelände nicht öffentlich zugänglich. Gelegentlich gibt es extra Führungen.

Wichmann zeigt auf ein großes rostiges Tor. Unbemerkt habe es 25 Jahre in einem Graben in Treptow gelegen, erzählt der promovierte Historiker. Entdeckt habe er es beim Joggen. Das Tor gehörte zur Absperrung eines Bahngleises, das nach West-Berlin zum Görlitzer Bahnhof führte. Einmal in der Woche sei es – streng bewacht – für einen Zug mit Kohlen geöffnet worden, der durch Ost-Berlin ratterte.

Werden jetzt noch verankerte Originalteile der Mauer gefunden, lässt man sie am historischen Ort – so wie bei dem 80 Meter langen Mauerabschnitt am S-Bahnhof Schönholz, der nun geschützt wird. Recherchen ergaben, dass die damals schon länger stehende Grundstücksmauer aus Ziegelsteinen in den 1960er-Jahren in die Sperranlagen integriert und zusätzlich mit Sperrelementen versehen wurde.

Meist wird die Mauer heute mit dicken, hohen Betonteilen assoziiert, die ab 1989 abgetragen, verkauft, verschenkt oder geschreddert wurden. „Doch die Mauer war nicht immer so“, betont Wichmann und verweist auf das Lapidarium. So gab es Stacheldraht, der anfangs zur Grenzsicherung ausgerollt wurde. Oder Gasbetonsteine, die zur Trennung von Ost und West vom 13. August 1961 vermauert wurden. Einer der Steine aus den frühen 1960er-Jahren von der Grenzziehung in der Bernauer Straße wird künftig im Humboldt-Forum in einer Ausstellung zu sehen sein. (dpa)