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Rettet das Schlachtfest!

Ein Boulevardblatt hat die Tschechen aufgeschreckt. Es  ging um eine alte Tradition.

© CTK

Von Hans-Jörg Schmidt

OSTRALE Biennale O19

Die zweite Biennale und 12. OSTRALE widmet sich ab dem 11. Juni bis zum 1. September dem Leitgedanken „ismus“.

Es gibt Zeitungen in meinem Land, die ich tapfer ignoriere. Ganz oben auf dieser Liste steht das Boulevardblatt Blesk (Blitz), obwohl es die meistgelesene Zeitung der Tschechen ist. Trotzdem komme ich morgens um sechs, wenn ich meine Zeitungen kaufe, nicht umhin, einen Blick auf die Titelseite von Blesk zu werfen.

Dieser Tage sah der Aufmacher des Blattes martialisch aus: Auf einem großen Foto ging es einem Schwein ans Leder. Schlachtfest in einem böhmischen Dorf. Neugierig hatte mich die knallige Bildunterschrift gemacht: „Jetzt will uns die EU auch noch das private Schlachten verbieten“, hieß es da. Da man ja seine Erfahrungen mit den Ideen aus Brüssel hat, kaufte ich mir das Blatt denn sicherheitshalber doch. Immerhin stand da etwas Schwerwiegendes im Raum: Das Schlachten eines Schweins gehört bei den Dörflern in Tschechien zu den Ritualen in den Wintermonaten.

Als ich einst in einer kleinen Gemeinde im Böhmischen Mittelgebirge lebte, hatte ich selbst einmal dabei Hand anlegen dürfen. Als Neuling in diesem Metier durfte ich aber nur „niedere Arbeiten“ verrichten. Morgens ab fünf musste ich zwei große Kessel für heißes Wasser befeuern. Später habe ich den Speck geschnitten, damit er sich besser auslassen ließ. Und ich durfte dem professionellem Fleischer auch noch die Därme für die Leber- und Blutwürste reichen. Nebenbei bemerkt habe ich auch reichlich von der Wurstsuppe und dem Wellfleisch gekostet und entsprechend lobende Kommentare abgegeben.

Da ich nun wieder in Prag lebe, wo man Fleisch beim Fleischer kauft, war „mein“ Schlachtfest wohl eine einmalige Geschichte. Aber, wenn man der Zeitung glauben durfte, sollte das private Schlachten nun gänzlich verboten werden. In dem Artikel war gar von Kontrollen die Rede und von deftigen Strafen bei Zuwiderhandlungen. Schon während der nationalsozialistischen Besatzung sei das private Schlachten strengstens verboten gewesen, erinnerte Blesk. Welcher Leser bekommt bei solchen Sätzen nicht eine Gänsehaut? Die Tschechen sind schon nicht gut zu sprechen auf die EU, hat ihnen doch ihr ehemaliger Präsident Vaclav Klaus zehn Jahre eingeredet, dass die Union Teufelswerk sei.

Im eigentlichen Text ruderte das tschechische Blatt dann aber schon etwas zurück: Es gehe einzig um die Dorf-Schlachtfeste, also die, die beispielsweise die Freiwillige Feuerwehr oder die Gemeinde veranstalte. Die Hygienevorschriften besagten nämlich, dass nicht jeder Dahergelaufene am Ende des blutigen Vergnügens so einfach Leberwürste, Blutwürste, Sülze, Schweinebauch, Schinken oder andere Leckereien mit nach Hause nehmen dürfe. Nur die schlachtende Familie selbst und deren zugereiste Verwandte dürften sich an den Schlachtgenüssen laben.

Der Witz: Nirgendwo in Tschechien wird ein Schwein „kollektiv“ von Feuerwehr oder Gemeinde ins Jenseits befördert. Vielleicht noch mit Blasmusik, damit auch das letzte Klischee über die Tschechen stimmt. Geschlachtet wird in der Familie und mit Verwandten und Freunden. Kontrollen wurden zudem in Schwejk-Land schon immer ausgetrickst. Andere Länder, andere Sitten. Darauf einen selbst gebrannten Slibowitz, der zu jedem tschechischen Schlachtfest dazugehört.

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